Grüne auf Sommertour„Es gibt eine Grundskepsis uns gegenüber“

Lesezeit: 4 Min.

Franziska Brantner (r.) und Felix Banaszak übernahmen im Herbst die Grünen-Spitze. Seitdem ringen die beiden Flügel der Partei um den richtigen Kurs.
Franziska Brantner (r.) und Felix Banaszak übernahmen im Herbst die Grünen-Spitze. Seitdem ringen die beiden Flügel der Partei um den richtigen Kurs. John Macdougall/AFP
  • Die Grünen-Chefs unternehmen Sommertouren durch Deutschland, um dem Vorurteil entgegenzuwirken, einer Elitenpartei vorzustehen.
  • In der Partei ringen zwei Flügel um die Vormacht: Der linke Flügel will radikalere Positionen, während der Realo-Flügel die Grünen in der Mitte halten und für konservative Wähler attraktiv machen möchte.
  • Die Grünen kämpfen nach dem Streit um das Heizungsgesetz gegen sinkende Umfragewerte und versuchen, mit lebensnahen Themen wie teurem Wohnen und Bahnproblemen zu punkten.
Von der Redaktion überprüft

Dieser Text wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Grünen-Chefin Franziska Brantner tourt durchs Land, um das Eliten-Image ihrer Partei abzuschütteln. Für sie ist klar, auf welchem Kurs das gelingen kann. Auch ihr Co-Vorsitzender Felix Banaszak hat eine Vision von der grünen Zukunft – nur eben nicht die gleiche.

Von Markus Balser, Mainz/Mannheim

Franziska Brantner schüttelt immer wieder ungläubig den Kopf. Die Grünen-Chefin sitzt am Montagnachmittag in einem kleinen Aufenthaltsraum des Polizeipräsidiums in Mainz und hört zu. Kriminaloberkommissarin Jennifer Otto vom Kommissariat 11, Fachbereich Kapitaldelikte, hat so einiges zu erzählen, über den kräftezehrenden Alltag von Ermittlern bei der Polizei. Über belastende Ermittlungen wegen Kindesmissbrauchs, mangelnde Digitalisierung, Aggression gegen Beamte und wenig familienfreundliche Dienste der Streifenbesatzungen. „Eigentlich war auch ein Streifenteam für euch reserviert“, sagt Otto, auch Bundesjugendvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei. Zum Begleiten und Reden. Das aber habe gerade ausrücken müssen. „Eine unangemeldete Demo in der Innenstadt. Fast alle Kräfte sind draußen“, sagt Otto.

Das Gleiche gilt in diesen Tagen auch für die Grünen-Spitze. Die Parteichefs sind unterwegs zwischen Polizisten, auf der Erdbeerplantage, beim Metzger, an der Supermarktkasse, in sozialen Brennpunkten. Die Grünen-Führung reist auf Sommertour durchs Land. Die Mission: dem Vorurteil der Elitenpartei entgegenzuwirken und die Deutschen im Alltag aufzusuchen. Die Partei müsse „dorthin, wo nicht nur Leute sind, die wir ohnehin schon erreichen.“

Man kann dem Spitzenpersonal der Partei manches vorwerfen –doch dass es nur dort auftrete, wo es einfach wird, tatsächlich nicht. Seit die Chefin der Grünen Jugend, Jette Nietzard, im Bundestag mit einem „All-Cops-are-Bastards“-Hoodie unterwegs war und davon auch noch ein Selfie im Netz postete, habe sich die Distanz vieler Polizisten zur Partei vergrößert, heißt es im Mainzer Präsidium. Eine gemeinsame Ebene findet sich an diesem Nachmittag dennoch. Wie oft Brantner im Netz beleidigt werde, will eine Polizistin wissen. „Ich schaue es mir gar nicht mehr an“, entgegnet die Grünen-Chefin. „Sonst werde ich verrückt.“ Als Brantner den Zweckbau in der Innenstadt nach drei Stunden wieder verlässt, ist hier das Eis gebrochen. Streifenpolizisten machen schnell noch ein Selfie mit der Politikerin.

Die Partei setzt nun auf lebensnahe Themen, doch die Umfragewerte steigen bisher nicht

Wer in diesen Tagen mit Franziska Brantner in das silberne Elektro-Tourgefährt steigt, erfährt aber auch, dass die Annäherung andernorts eher schleppend verläuft. „Es gibt eine Grundskepsis uns gegenüber“, sagt Brantner der Süddeutschen Zeitung. Der Streit um das Heizungsgesetz wirkt noch immer nach. Die Grünen, einst Zeitgeistpartei, kämpfen gegen das Vorurteil an, nicht alltagstauglich zu sein. Seit Wochen schon thematisiert die Spitze zwar vor allem lebensnahe Themen, wie teures Wohnen, die Probleme bei der Bahn oder auch die Sicherheit im öffentlichen Raum. Noch aber steigen die Umfragewerte nicht.

Brantner mahnt deshalb einen Kurswechsel in der ganzen Partei an. Die Grünen müssten Feindseligkeiten „hörbar widersprechen“. „Deshalb müssen wir alle raus, von den Bundestagsabgeordneten bis zum Kreisverband“, fordert sie. Die Grünen müssten auch wieder zurück zur Tradition, auf lokaler Ebene Probleme zu lösen. „So bin ich zu den Grünen gekommen“, sagt Brantner.

Seit Wochen machen sich Strategen in der Bundesgeschäftsstelle nun schon Gedanken darüber, wie die Grünen aus der Krise kommen. Co-Chef Felix Banaszak vom linken Parteiflügel war Ende Juni in einem SZ-Interview vorgeprescht und hatte seine Ideen für die Grünen-Zukunft skizziert: Radikaler solle die Partei demnach auftreten, mit Klimaabgaben für fossile Konzerne und einem Klimasoli linke Themen setzen.  Vielleicht, so die Hoffnung mancher Grünen vom Linken-Flügel, könnte es ja irgendwann sogar eine rot-rot-grüne Mehrheit im Land geben. Der überraschende Erfolg der Linken bei der Bundestagswahl hatte jedenfalls gezeigt, dass sich mit Umverteilungsforderungen besonders bei jungen Deutschen Stimmen gewinnen lassen.

„Man muss momentan nicht über eine rot-rot-grüne Mehrheit philosophieren“

Brantner spricht auf ihrer Tour allerdings über eine andere Vision. Die Politikerin aus dem Realo-Lager will die Grünen da halten, wo Kanzlerkandidat Robert Habeck sie positioniert hatte: in der Mitte des Parteienspektrums, wählbar auch für konservative Milieus und enttäuschte Merkel-Anhänger der Union. Eine linke Mehrheit im Bundestag hält sie für kaum machbar. „Zusammen haben wir aktuell ein Drittel der Stimmen, da muss man momentan nicht über eine rot-rot-grüne Mehrheit philosophieren.“

Ziel als Grüne müsse es sein, „so stark wie möglich zu werden für Klimaschutz, Gerechtigkeit und ein starkes Europa und dafür auch in andere Lager auszugreifen“, sagt Brantner. Ihre Botschaft: Die Grünen sollten sich öffnen und „mit denjenigen, die andere Gedanken halten, noch mal ins Gespräch gehen“. Auch um „die Polarisierung zu verhindern“. Das sei auch für den Schutz der Demokratie wichtig. „Wenn wir uns alle in bequeme Rückzugsräume zurückziehen, dürfen wir uns nicht darüber beschweren, dass die Gesellschaft auseinanderfällt.“

Erst einmal geht es allerdings darum, die Grünen zusammenzuhalten. Die Fliehkräfte der Flügel sind gerade groß. Nach dem Abgang der Vorkämpfer Robert Habeck und Annalena Baerbock aus der Parteiarbeit – oder zumindest deren erster Reihe –, gibt es ein Vakuum, das die neue Spitze noch nicht vollständig füllen kann. Auch die mächtigen Landesverbände mischen mit. So übt Brantners Heimatverband Baden-Württemberg dem Vernehmen nach Druck auf einen konservativen Kurs der Grünen aus.

Cem Özdemir liegt in Baden-Württemberg weit hinter der Union

Denn vor der Landtagswahl 2026 liegt Spitzenkandidat Cem Özdemir, der eigentlich den einzigen Grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann beerben soll, weit hinter der Union. Kretschmann hadert bereits öffentlich mit der eigenen Partei.  „Wir sind nicht klar aufgestellt“, sagte er im SZ-Interview. Brantners Aufgabe in Berlin heißt deshalb aus Sicht der Baden-Württemberger Grünen: Auf jeden Fall verhindern, dass die Parteilinke mit allzu steilen Vorschlägen Sand ins Wahlkampfgetriebe streut.

Dass die Grünen-Chefs vom Linken und dem Realo-Lager derzeit vor allem getrennt voneinander auf Tour gehen, ist angesichts des Ringens um den richtigen Kurs nur folgerichtig. Brantner grenzt sich scharf von der Konkurrenz in der Opposition ab. Die Linke sei „noch immer nicht bereit, Verantwortung im Bund zu übernehmen“. Der Unterschied zu den Grünen? „Wir wollen machen, nicht motzen.“

Was genau die Grünen machen und an wen sie sich stattdessen annähern wollen, deutet Brantners Tourprogramm an. Das Shuttle hält am Montagabend in einem Mannheimer Industriegebiet vor der Zentrale der Phoenix-Gruppe, einem internationalen Pharmagroßhändler. Der CDU-Wirtschaftsrat hat in einen Konferenzraum des Konzerns zur Diskussion mit Brantner geladen. Thema: „Wirtschaft unter Druck – Krisenbewältigung und Zukunftschancen.“

Die Dichte der Manager mit Milliardenumsatz ist hier mutmaßlich deutlicher größer als die der Grünen-Wähler. Brantner referiert über die richtige Reaktion auf Strafzölle, über Schulden, die nur für Investitionen möglich sein sollten, über fehlende Reformen bei der Rente. „Keine zwei Meinungen“, pflichtet ihr ein Unternehmenschef bei. So ganz glauben können die versammelten Wirtschaftsleute allerdings nicht, dass sie ihren Kurs in der Partei auch wirklich durchsetzt.  Das klinge ja alles ganz gut, sagt einer. „Jetzt müssen Sie nur noch Ihren linken Flügel überzeugen.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Grüne
:„Wir haben zu spät bemerkt, dass sich der Wind dreht“

Grünen-Chef Felix Banaszak blickt zurück auf die Politik seiner Partei in den vergangenen Jahren. Und er gibt einen Ausblick auf das, was nun kommen könnte.

SZ PlusInterview: Markus Balser und Michael Bauchmüller

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: