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Franz Joseph I.:"Was den Kitsch angeht, kann es einem als Historiker manchmal schon den Magen umdrehen"

War ihm nicht klar, dass er damit einen Dominoeffekt von gegenseitigen Beistandsvereinbarungen auslöst?

Das ist schwer zu sagen. Er war sich sicher bewusst, dass Krieg gegen Serbien mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Krieg gegen Russland bedeutet. Da hat er sich aber auf die Waffenbruderschaft mit den Deutschen verlassen. Kaiser Wilhelm II. hat sich ja unmissverständlich geäußert und außerdem wusste er von Plänen der deutschen Heeresleitung, Frankreich binnen sechs bis acht Wochen zu besiegen. Danach wollte man gemeinsam Russland fertigmachen. Bis Weihnachten wollte man dann wieder zu Hause sein.

Klingt ziemlich naiv.

Es waren Fehleinschätzungen in mehreren Punkten. Franz Joseph täuschte sich auch, was Serbien betraf. Er glaubte, das würde ein Spaziergang bis an die griechische Grenze - das war es nicht.

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Der Krieg gegen Serbien wurde zum Weltenbrand, den auch Franz Joseph miterlebte. Seine Armee erlitt furchtbare Niederlagen. War dem Kaiser klar, dass das Habsburger Reich vor dem Ende stand?

Jein. Als Italien 1915 den Österreichern den Krieg erklärte, hat der Kaiser gesagt: "So werden wir eben zugrunde gehen." Das hat ihn allerdings nicht daran gehindert, den Krieg weiterzuführen. Ein Verzichtfriede kam für ihn nicht in Frage. Allerdings hat er im August 1916 eingewilligt, dass die gemeinsame oberste Kriegsleitung gebildet wird, wo der deutsche Kaiser Wilhelm II. das letzte Wort hatte. Hier trat der österreichische Monarch einfach zurück, weil ihm wohl klar war, dass Österreich-Ungarn alleine nicht mehr in der Lage war, den Krieg erfolgreich fortzusetzen.

Franz Josephs Nachfolger Karl erbte den Krieg und musste nach zwei Jahren abdanken. Starb mit Franz Joseph auch die Idee der österreichisch-ungarischen Monarchie?

Mit dem Hingang Franz Josephs verschwand sicher ein zentrales Symbol der Einheit. Viele Kräfte fühlten sich nun freier in ihren Bemühungen, sich von der Gesamtmonarchie zu lösen. Wie das aussehen würde, war 1916 allerdings noch nicht absehbar. Der neue Kaiser Karl wollte so schnell wie möglich Frieden, die enge Bindung an Deutschland lösen und sein Reich reformieren.

Warum scheiterte Karl mit all diesen Vorhaben?

Er konnte diese Ziele nur unter einer Voraussetzung erreichen: Bruch mit dem Deutschen Reich. Das wollte Karl nicht. Nach den vielen Jahrhunderten der gemeinsamen Verbindung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation konnte sich der Kaiser nicht einfach mit einem Schulterzucken verabschieden.

Was bleibt vom Kaiser Franz Joseph I. abgesehen von den Sisi-Filmen, Persiflagen und der k.-u.-k.-Folklore für Touristen?

Was den Kitsch angeht, kann es einem als Historiker manchmal schon den Magen umdrehen. Gesellschaftspolitisch ist hundert Jahre nach seinem Tod nicht wirklich mehr etwas feststellbar, das auf Franz Joseph zurückgeht. Was bleibt ist die imperiale Architektur Wiens. Und die Tatsache, dass sich Österreich heute nicht nur aus nostalgischen Gründen mit seiner Vergangenheit befasst: Lange Zeit war das Verhältnis der Republik zu den Habsburgern sehr verkrampft, weil der Ex-Kaiser und auch lange Zeit sein Sohn Otto keine Verzichtserklärung abgeben wollten. Das hat sich bei Otto dann geglättet, er war dann später oft bei Kanzlern und Bundespräsidenten zu Gast. Um die Jahrtausendwende besuchte der einstige Thronfolger Otto den damaligen Präsidenten Thomas Klestil in der Hofburg und sagte auf seine unnachahmliche Art: "Schön haben Sie's hier." Wenn die Geschichte anders verlaufen wäre, hätte Otto von Habsburg dort wohl gewohnt.

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