Frankreichs Marschall Philippe Pétain Nach dem Massaker nannte der Marschall die Deutschen "eine Nation von Wilden"

Hohe Vichy-Beamte, wie die erst Jahrzehnte nach Kriegsende verurteilten Maurice Papon und Paul Touvier beteiligten sich mit Eifer an der Verhaftung und Deportation von Juden und geflüchteten deutschen Nazigegnern. Die Mitglieder der paramilitärischen "Französischen Miliz", einer schwarz gekleideten Terrortruppe mit tellergroßem Barett auf dem Kopf, die schwere Exzesse gegen französische Widerständler beging, mussten schwören, gegen "die jüdische Lepra und für die französische Reinheit" zu kämpfen.

Dabei war der französische Antisemitismus keineswegs von den Nazis abgeschaut, sondern ein durchaus autochthones französisches Gewächs, Teil der großen antimodernistischen, antidemokratischen und nationalistischen "Action Française" des Schriftstellers Charles Maurras, der für den Niedergang ("décadence") Frankreichs und das Debakel von 1940 vier Schuldige ausgemacht hatte: Freimaurer, Protestanten, Ausländer und Juden. Von Maurras stammt das Wort von der "divine surprise" namens Pétain.

Ruinen des von der SS zerstörten Ortes Oradour-sur-Glane. Mehr als 640 Dorfbewohner wurden ermordet.

(Foto: AFP)

In Vichy umgab sich Pétain mit Leuten aus dem Dunstkreis von Maurras, so war sein Arzt und persönlicher Berater Bernard Ménétrel ein glühender Antisemit, der es ablehnte, in seiner Praxis Juden zu behandeln. Das politische Panier der französischen Rechten hieß damals: "Lieber Hitler als Blum" - der Sozialist Léon Blum war in den Dreißigerjahren Chef der linken französischen Volksfrontregierung gewesen, und er war Jude. Blum dagegen hatte den Marschall Pétain als den "nobelsten und menschlichsten unser militärischen Chefs" gepriesen.

Dabei war Pétain weder ein spezieller Freund noch ein Feind Deutschlands, er sah das Ringen beider Völker vielmehr militärisch-fatalistisch: Mal siegten eben die Deutschen (1871), mal die Franzosen (1918), und dann wieder umgekehrt (1940). Die militärische Niederlage von 1940 hatte er durchaus mit zu verantworten.

Er war einer der Väter der Maginotlinie, jener heute noch zu besichtigenden vor Bunker starrenden und horrend teuren Festungslinie längst der französischen Ostgrenze, hinter der sich die Franzosen vor den Deutschen sicher glaubten. Sie war schließlich zu nichts nutze, da die Deutschen sie nördlich umgingen und ihre Panzer durch die Ardennen schickten, die Pétain ebenso wie seine Generalskollegen für undurchdringbar erklärt hatten.

Zweiter Weltkrieg

Frankreichs Niederlage, Hitlers Triumph

Pétains Hoffnung, Hitler durch Kollaboration zur Nachsicht gegenüber dem besiegten Frankreich bewegen zu können, erfüllte sich nicht. Rücksichtslos beuteten die Deutschen das besetzte Land für ihre Kriege gegen England und dann die Sowjetunion aus. Frankreich interessierte Hitler nur als Lieferant von Menschen und Material für diese Kriege.

Pétains Regierung lehnte den Judenstern ab

Da half weder am 24. Oktober 1940 ein Treffen des Marschalls mit Hitler auf dem Bahnhof des westfranzösischen Ortes Montoire - noch heute ist nicht völlig klar, wer dabei wem zuerst die Hand entgegenstreckte - , noch Pétains Glückwunschtelegramm an Hitler, nachdem die Deutschen im August 1942 einen englischen Landungsversuch bei Dieppe an der Kanalküste abgewiesen hatten, noch die Aufstellung einer "Französischen Freiwilligenlegion gegen den Bolschewismus" (in deutschen Uniformen) unter dem Faschistenführer Jacques Doriot. Insgesamt dienten rund 40 000 Franzosen in der deutschen Wehrmacht.

Andererseits aber widersetzte sich Pétains Regierung erfolgreich dem Verlangen der Deutschen, ihnen acht Luftstützpunkte in Französisch-Marokko einzuräumen und den Juden in der unbesetzten Zone den gelben Davidstern anzuheften.

NS-Diktator Adolf Hitler begrüßt mit Philippe Pétain, dem Staatschef des Vichy-Regimes in Südfrankreich, in Montoire am 24. Oktober 1940. Zwischen den beiden Hitlers Chefdolmetscher Paul Schmidt, rechts außen Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop.

(Foto: Scherl)

Nachdem eine Einheit der SS-Panzerdivision "Das Reich" das Dorf Oradour in Südwestfrankreich niedergebrannt und 642 Einwohner, darunter 123 Kinder, ermordet hatte, erlaubte sich Pétain, was ein Mann ohne seine Autorität niemals hätte wagen können. Er bestellte den deutschen Diplomaten von Renthe-Fink ein und herrschte ihn an: "Sie brennen unsere Dörfer nieder; Sie töten unsere Kinder; Sie bedecken Ihr Land mit Schande; Sie sind eine Nation von Wilden." Hilflos antwortete der Deutsche, sein Einfluss in Berlin sei zu gering, als dass er so etwas verhindern könne.

Vor den anrückenden Alliierten entführten die Deutschen den widerborstigen Kollaborateur Pétain schließlich auf das Schloss Sigmaringen und ließen ihn Anfang 1945 in die Schweiz ausreisen. Sein Widersacher de Gaulle, inzwischen siegreich in Paris eingezogen, wünschte, dass der alte Mann in der Schweiz Asyl beantragen würde, so dass ihm ein Prozess in Frankreich erspart geblieben wäre.

Mitterrands Kranz für Pétain

Doch Pétain beharrte darauf, sich seinen Landsleuten zu stellen, wurde beim Übertritt über die schweizerisch-französische Grenze verhaftet und in Paris abgeurteilt - in einem Schauprozess, der rechtsstaatlichen Kriterien Hohn sprach. Hauptanklagepunkt war "Komplott gegen die Republik, angeblich begangen schon seit 1936. Die Hälfte der Geschworenen waren Résistance-Kämpfer gewesen, die andere Hälfte Abgeordnete, die 1940 gegen die Vollmachten für Pétain gestimmt hatten.

Der sozialistische Staatschef François Mitterrand, der unter Pétain als Ministerialbeamter gedient hatte und erst später zur Résistance gestoßen war, ließ jedes Jahr an Pétains Todestag einen Kranz an dessen Grab auf der Insel Yeu niederlegen. Aber Pétains Gebeine, wie seine Verehrer immer wieder forderten, auf den riesigen Kriegerfriedhof von Verdun überführen zu lassen, weigerte er sich. Schließlich hatte Pétain den Kampf der Résistance als "schlechten Wind" und ihre Attentate gegen die Deutschen als "banditisme" verurteilt.

Zweiter Weltkrieg 1945

"You are now entering Germany"

Aber die Attentate hatte auch de Gaulle abgelehnt - aus Sorge vor der immer brutaleren deutschen Repression wie auch, weil er fürchtete, die gut bewaffneten Kommunisten könnten in der Résistance das Übergewicht bekommen. Beiden, Pétain wie de Gaulle, ging die Ordnung über alles, nur hatte jeder von ihr eine andere Vorstellung.

Auch das gehört zu Vichy: Die Franzosen, die dem Marschall 1940 bis 1943 auf seinen unentwegten Reisen durch Frankreich - in Lyon, Toulouse und Bordeaux, und noch im März 1944 auch in Paris - hysterisch zugejubelt hatten, verlangten zwei Jahre später ebenso hysterisch seinen Tod. Sie suchten wohl ihre Katharsis.

Der Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie, viele Jahre Chef der Pariser Bibliothèque Nationale, erklärt damit auch eine eigene Jugendsünde: "Um die Schande Vichy zu sühnen, warf ich mich in die Arme des Kommunismus." Seine Schande: Sein Vater war, bevor er in die Résistance ging, Minister Pétains gewesen.

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