Frankreichs Marschall Philippe Pétain Hitlers Handlanger

Henri Philippe Pétain begrüßt 1941 am Bahnhof von Roanne heimkehrende Soldaten, die aus der deutschen Kriegsgefangenschaft entlassen wurden.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

75 Jahre nach der deutschen Besetzung Frankreichs diskutiert die Nation heftig über das historische Erbe von Philippe Pétain. Der Marschall umgab sich mit Antisemiten, kollaborierte mit den Nazis. Und beschwerte sich erst, als die SS ein ganzes Dorf massakrierte.

Von Dieter Wild

Der lothringische Flecken Belrain, 50 Einwohner, raffte sich 2013 zu einem längst überfälligen Schritt auf: Die Gemeinde schaffte das Straßenschild "Rue du Maréchal Pétain" ab und ersetzte es durch "Rue de la Fontaine". Es war die letzte Gemeinde Frankreichs, die damit das Gespenst Pétain aus dem Land jagen wollte - es kann schwerlich gelingen.

Denn mit dem Gedenkmarathon zum 100sten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs 1914 sind wieder die schwarzen Schatten des seit mehr als 60 Jahre toten Marschalls Philippe Pétain schwer auf die Franzosen gefallen. 1919 war er als gefeierter "Sieger von Verdun" an der Spitze der großen Triumphparade auf einem Schimmel die Champs Elysées hinunter geritten.

1940 wurde er zum Staatschef des von der deutschen Wehrmacht nicht eroberten südlichen Drittels Frankreich mit der Hauptstadt Vichy berufen, ein Rumpfstaat von Hitlers Gnaden. Wie ein Monarch leitete er seine Dekrete mit den Worten ein: "Wir, Philippe Pétain, Marschall von Frankreich, verordnen..."

Ein Greis als einsamer Häftling

1945 wegen Hochverrats und Zusammenarbeit mit dem Feind zum Tode verurteilt, vom Nachkriegsregierungschef de Gaulle seines Alters wegen zu lebenslanger Festungshaft begnadigt, lebte er noch sechs Jahre lang als einziger Häftling in der Zitadelle der Atlantikinsel Yeu. Er starb 1951, 95 Jahre alt.

Doch die große Schlacht über "das unendliche Leben des umstrittensten Marschalls der französischen Geschichte", so der Historiker Laurent Avezou in seinem neuen Werk über "Die Mythen der französischen Geschichte", war damit keineswegs zu Ende. Noch immer steht Pétain für ein offenbar unheilbares französisches Trauma.

Hat er dem am Boden liegenden Frankreich 1940 bis 1944 durch Kollaboration mit den Deutschen gar einen Dienst erwiesen, wie seine Verehrer behaupten? Oder hat er es verraten, wie sich seine Gegner nach wie vor empören?

Ardennenschlacht im Zweiten Weltkrieg

Wie Hitlers letzte Offensive verpuffte

An das leidvolle, in der öffentlichen Diskussion gern tabuisierte Thema trauten sich im vorigen November sogar die ehrwürdigen Archives Nationales im Pariser Palais Soubise heran. Bis in diesen März quälten sie die Franzosen mit der großen Ausstellung "La Collaboration 1940-1945".

Auf dem Katalog, fast 2 Kilo schwer, die Portraits von Hitler und Pétain. Und in dem bizarren Familienkrieg an der Spitze des rechtsradikalen Front National versuchte sich der alte Jean-Marie Le Pen von seiner klein wenig liberaleren Tochter Marine unter anderem mit den Worten abzusetzen: "Ich habe den Marschall Pétain nie für einen Verräter oder für einen schlechten Franzosen gehalten."

Noch immer legen die Pétain-Anbeter auf dem Friedhof von Port-Joinville auf der Insel Yeu an dem Grabstein mit der schlichten Inschrift "Philippe Pétain, Maréchal de France" Blumen und Kränze nieder, finden die anderen solchen Heldenkult widerwärtig. Der Konflikt ist kaum lösbar, denn hier konkurrieren zwei Pétains miteinander: der Retter Frankreichs und der Verräter.