Frankreichs Kapitulation 1940 Wie Hitlers "Blitz"-Mythos entstand

Deutsche Kradeinheit in einer zerstörten französischen Stadt 1940 während des Vormarsches auf Dünkirchen.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Mühelos besiegt Hitler-Deutschland im Frühjahr 1940 Frankreich. Der Diktator wähnt den Krieg gewonnen und erlebt den "schönsten Moment" seines Lebens. Doch er hat einen schweren taktischen Fehler gemacht.

Von Oliver Das Gupta, Paris, und Paul Munzinger

Maurice Cling sieht die ersten Deutschen mit ihrem Motorrad. Seine Familie war mit Hunderttausenden anderen Parisern aus der Hauptstadt geflüchtet, aufs Land, Richtung Süden. Doch Luftangriffe bleiben aus.

Der Feind bombardiert Paris dann doch nicht und auch nicht den Ort, in dem der elfjährige Maurice mit seiner Familie untergekommen ist. Die Deutschen rollen an diesem Tag Ende Juni 1940 friedlich im Krad über die Straße. Maurice schaut sich die Soldaten auf dem Motorrad mit Beiwagen genau an. Er empfindet Furcht und Neugier.

Wilhelm Simonsohn ist zur gleichen Zeit in Laon auf seinem BMW-Krad unterwegs. Die Wehrmacht hat die Stadt zuvor eingenommen, doch Simonsohn ist kein schießender Soldat. Der Gefreite aus Hamburg transportiert mit einem Kameraden Luftbilder.

Zweiter Weltkrieg

Frankreichs Niederlage, Hitlers Triumph

Als die beiden Deutschen durch die Gassen der mittelalterlichen Hauptstadt des Départements Aisne kurven, sehen sie einen französischen Soldaten weglaufen. Sie holen ihn ein und zücken eine Pistole. Der Gefangene ist Generalstabsoffizier. Simonsohn erhält für seinen Fang das Eiserne Kreuz zweiter Klasse - "glücklicherweise ohne einen einzigen Schuss abgefeuert zu haben", sagt Simonsohn. Sein Adoptivvater wäre stolz gewesen. Doch Simonsohn senior, der jüdische Patriot, erlebt die Ehrung des Sohnes nicht mehr mit: Er war zuvor an den Folgen der KZ-Haft gestorben.

Adolf Hitler schreitet am 22. Juni 1940 nahe der nordfranzösischen Stadt Compiègne eine Ehrenformation der Wehrmacht ab. Dann steigt er in einen Eisenbahnwaggon, den Soldaten zuvor aus einem Museum ins Freie geschoben haben. In dem Salonwagen von Marschall Ferdinand Foch hatten die Deutschen am 11. November 1918 den Waffenstillstand unterzeichnet, der die Niederlage des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg besiegelte.

Hitler frohlockt über den "glorreichsten Sieg aller Zeiten"

Nun sind es die Deutschen, die die Bedingungen diktieren. Und es ist Hitler, der sich auf Fochs Platz setzt und der französischen Delegation dabei zusieht, wie sie ihre Niederlage festschreiben. Der "Führer" frohlockt über den "glorreichsten Sieg aller Zeiten". Die meisten Deutschen sind fasziniert, sogar viele bis dahin kritische Köpfe.

Hitler scheint das Unmögliche zu gelingen. Die Wehrmacht seines nationalsozialistischen Deutschlands besiegt damals binnen sechs Wochen das große Nachbarland. Freund wie Feind sind fassungslos über den Verlauf und das Tempo des Westfeldzugs der Deutschen.

Im Juni 1940 vollendet sich die Legendenbildung um Hitler. Ein fataler Mythos war um den Mann entstanden, der seit 1933 Juden, politische Gegner und andere Missliebige im Inland verfolgen und ermorden lässt. Dem innerdeutschen Terror folgte der Expansionsdrang nach außen, dem bereits Tschechen und Polen zum Opfer gefallen waren. Später folgten "Blitzkriege" gegen Dänemark und Norwegen. Und nun liegt Frankreich am Boden, der gefürchtete "Erbfeind". Alles scheint für Hitler zu klappen.

Siebeneinhalb Jahre nach seiner Machtergreifung befindet sich der ehemalige Postkartenmaler aus Braunau auf dem Höhepunkt seiner Macht. Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, preist ihn als "größten Feldherrn aller Zeiten".

Und die Deutschen schmelzen dahin. Revidierte Hitler nicht den (auch bei linken Patrioten) verhassten Versailler Vertrag, wie er es immer versprochen hatte? Unterjochte er nicht innerhalb nicht mal eines Jahres halb Europa? Und starben dabei nicht vergleichsweise wenige deutsche Soldaten?