Frankreichs Gesellschaft:Charlie muss leben

Ein neues Wir-Gefühl eint Frankreich. Aber wie lange wird es halten? Die wirklichen Herausforderungen stehen noch bevor. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit werden sich behaupten müssen.

Kommentar von Christian Wernicke, Paris

Die Nation gehorcht einem neuen Dreisatz. "Je suis Charlie". Die Parole meint längst mehr als nur die bloße Solidarität mit Charlie Hebdo, jener Satirezeitung, die als erste vom Terror getroffen wurde. "Ich bin Charlie", das ist die Demarche einer standhaften Republik, einer Formel für das "Wir-Gefühl", das die Franzosen plötzlich eint. Charlie zu sein, das mischt Trauer und Trotz angesichts des Unglücks von 17 unschuldigen Mordopfern. Es ist ein Sentiment, das die geschundene Nation beseelt. Und im Schmerz berauscht.

Die drei Tage des Terrors haben das Land aufgewühlt. Plötzlich findet dieses zuletzt notorisch niedergeschlagene, von Zukunftsängsten geplagte Volk zurück zu seinen Stärken, zu Bürgersinn und republikanischem Geist. Es ist dasselbe Land, in dessen Buchhandlungen eben noch eine defätistische Polemik vom "französischen Selbstmord" der Bestseller war. Und es ist dasselbe Volk, dem gerade der Starautor Michel Houellebecq für das Jahr 2022 die Machtergreifung eines islamischen Präsidenten ausmalte. "Unterwerfung" betitelte er seine Vision. Sie erschien am 7. Januar, dem Tag des Anschlags auf Charlie Hebdo.

Wird Frankreich nun wie die USA seine Bürgerrechte beschneiden

Nein, dieses Frankreich unterwirft sich niemandem. Keiner Gewalt, weder dem Hass noch der Angst. Millionen Bürger sind am Sonntag auf die Straße gegangen. Die Franzosen haben diesen Moment mit Stolz zelebriert. Wie Linke und Rechte, Juden und Muslime Hand in Hand jenen Boulevard entlanggingen, der den Namen Voltaires trägt, das war, im besten Sinne, ein republikanisches Schauspiel. Präsident François Hollande, auch er plötzlich erstarkt, erklärt Paris zur "Hauptstadt der Welt". Für einen Tag wenigstens.

Während ihrer Demonstration haben Frankreichs Citoyens wieder und wieder an den anderen, offiziellen Wahlspruch ihrer Republik erinnert: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. "Je suis Charlie" meint letztlich dasselbe. Nur, die bleierne Schwere des dreifachen Versprechens der Französischen Revolution deutet an, wie schwierig und langwierig der Weg sein wird, der nach dem Sonntagsmarsch noch vor der Nation liegt.

Frankreich muss die innere Kraft finden, sich über die nötigen Konsequenzen aus den Terroranschlägen zu verständigen. Dann muss sich beweisen, ob der Geist von "Charlie" hilft, sich zu verständigen über nötige Reformen - oder ob er nur große, leere Geste war. Die Liberté wird Frankreichs erstes Prinzip sein, das bedroht ist. Das erkennt jeder, der dieser Tage die martialisch bewaffneten Polizisten am Eiffelturm sieht.

Oder die Armeesoldaten vor den Synagogen. Wird Frankreich nun, wie einst Amerika nach 9/11, im Namen der Sicherheit seine Bürgerrechte drastisch beschneiden? Bis hin zum NSA-Staat? Ganz offenbar hat es Pannen bei der Überwachung jener drei Verbrecher gegeben, die seit Jahren in dschihadistischen Netzwerken agierten.

Schon raunt es aus den Geheimdiensten, man brauche das Drei- bis Vierfache an Personal, um all die potenziellen Gotteskrieger und "inneren Feinde" im Land rund um die Uhr zu erfassen, abzuhören und zu beschatten. Wie viel Freiheit muss sterben, um Leben zu retten? Das Prinzip der Égalité ist gefordert bei der Bekämpfung der Ursachen des Terrors. Kein soziales Unrecht rechtfertigt Gewalt, aber die Republik muss endlich anerkennen, wovor Sozialforscher seit Jahren warnen: dass die elenden Zustände in den Vorstädten von Paris, Lyon oder Marseille Biotope für die Radikalisierung immer neuer "einsamer Wölfe" bieten.

Es ist nicht nur Frankreichs Wirtschaftskrise, die in den Banlieues junge Menschen in Arbeits- und Hoffnungslosigkeit treibt. Frankreichs Schulen produzieren eine Klassengesellschaft - und Abertausende systematisch abgestempelte Versager.

Für Frankreichs Fraternité schließlich waren die Attentate ein heilsamer Schock. Klarer, kräftiger und glaubwürdiger denn je haben Frankreichs Muslime die Morde verurteilt. Die Imame müssen mehr tun, um den in den Moscheen der Banlieues gärenden Antisemitismus zu bekämpfen. Und alle Franzosen müssen begreifen, dass der typische Muslim nebenan kein Bruder Kouachi, sondern ein Mensch ist wie Ahmed Kerabet: So hieß der Streifenpolizist, den die Terroristen vorige Woche per Kopfschuss töteten.

Nach den Anschlägen lauert die Gefahr, dass noch mehr Franzosen Marine Le Pen hinterherlaufen. Die Führerin des rechtsextremen Front National wird versuchen, die Wut auf Muslime und Fremde auszuschlachten. Die Würde des republikanischen Marsches nährt in Europa die Hoffnung, dass es nicht so kommen muss. Charlies großer Geist wird gebraucht. Und zwar noch lange.

© SZ vom 12.01.2015/fued
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