Frankreichs Front National:Einfach den Chefinnen folgen

Marine Le Pen (C), France's National Front political party leader, and French National Front party deputy Marion Marechal-Le Pen attend the far-right party's congress in Lyon

Ohne sie geht nichts in der Partei: Marine Le Pen und ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen. Die Parteimitglieder folgen ihnen bereitwillig.

(Foto: REUTERS)

Über das Programm debattieren? Das gibt es nicht auf dem Parteitag des rechtsextremen Front National in Lyon. Lieber lauschen die Parteimitglieder ihrer Chefin Marine Le Pen dabei, wie sie Präsident Hollande abwatscht. Und noch eine Frau aus dem Le-Pen-Clan gibt in der Partei den Ton an.

Von Christian Wernicke, Lyon

Am Ende ist es dann doch sehr laut geworden im Saal. Und leidenschaftlich. Die mehr als 2000 Männer und Frauen im riesigen, halbrunden Auditorium genießen den Augenblick. Sie klatschen, jubeln, grölen, und sie trampeln sogar ein wenig mit den Füßen, als Marine Le Pen endlich auf der Bühne steht. "Marine Présidente!", skandieren sie, die Parteichefin winkt. Sie weiß, was ihr Parteivolk hören will: dass der Sieg nahe sei für den Front National (FN). Und dass dieser Parteitag in Lyon "der letzte Boxenstopp vor der Zieleinfahrt ist". Jeder FN-Anhänger weiß, wo ihre Vorsitzende hinwill, und wann: im Mai 2017 in den Élysée-Palast. Eine knappe Stunde währt Le Pens Auftritt.

Es ist, für ihre Verhältnisse, eine vorsichtige Rede, mit mystischen Metaphern. Die Nation ist ihr "ein Schatz", das Volk "ein Diamant", und der FN verkörpere "den Leuchtturm der Hoffnung im Nebel der Unsicherheit" der Franzosen. Dann wieder warnt sie vor einer kalten Welt, in der Technokraten "einen ewigen Menschen" erschaffen wollten. Nur ab und zu heizt sie die Stimmung an. Wenn sie Europa geißelt "als eine Fabrik, die Arbeitslose produziert". Wenn sie Frankreichs Eliten vorhält, sie hätten "Hunderttausende Immigranten" ins Land gelassen.

Oder wenn sie Nicolas Sarkozy und François Hollande, dem Präsidenten, zuruft: "Ihr habt alles versaut!" Dann wehen die Fahnen auf den Rängen, dann schallt der Sprechgesang: "On est chez nous!", was so viel heißen soll wie "Wir sind die Herren im Haus!"

Eineinhalb bisweilen fast langweilige Tage haben die FN-Anhänger auf diese Momente der Ekstase warten müssen. Sie haben brav ausgeharrt am Stadtrand von Lyon, in der futuristischen "Cité internationale". Sie haben Platz genommen auf den feuerroten Polsterstühlen im Kongresszentrum. Und sie haben zugehört, wie Funktionäre aus der Parteizentrale bei Paris sie eingeschworen haben auf die Mühsal der Parteiarbeit - auf jenen Lernprozess, den auch FN-Anhänger "la dédiabolisation", die "Entteufelung" der Bewegung nennen. Der Front, lange als Radautruppe geziehen, will sich als normale Partei etablieren. Und als potenziell regierungsfähig: Derzeit suchen die LePenisten händeringend 8000 Kandidaten für die im Frühjahr anstehenden Wahlen in Frankreichs Departements: "Bitte melden!" Wer antritt, kann sich im Foyer gleich fotografieren lassen.

Um politische Inhalte, gar um die Linie der Partei wird in Lyon nicht gerungen. "Haltet euch einfach an das Programm von Marine", stellt ein Adlatus der FN-Chefin am Samstagmittag klar, "sonst fliegen wir auf die Nase." Ein simples Konzept, aber eines, auf das Le Pen vorerst bauen kann: Am Sonntag bestätigte die Parteibasis die 46-Jährige per Urwahl in ihrem Amt - mit 100 Prozent Zustimmung.

Doch es gibt Spannungen. Der FN ist rasant gewachsen: 83 000 Mitglieder zählt die Le-Pen-Truppe inzwischen, doppelt so viele wie noch vor zweieinhalb Jahren. Und es gibt Brüche. Hinter der übermächtigen Marine Le Pen rangeln die Kader um die Ausrichtung der populistischen Bewegung.

Auf der einen, gleichsam linken, Seite von Frankreichs Rechtsextremen, steht Florian Philippot. Der FN-Vize und engste Berater der Parteichefin will den FN vor allem im Kampf gegen die Globalisierung und gegen die EU-Diktatur aus Brüssel profilieren. Dieser 33 Jahre junge, rotbäckige Absolvent französischer Elitehochschulen begann seine Karriere auf der Linken, als Nationalist fordert er einen starken Staat, will raus aus dem Euro. Im Auditorium von Lyon beschwört Philippot die Partei als "das einzige Gegenmodell - gegen wilden Kapitalismus, gegen Amerikanismus und gegen ultraliberalen Fundamentalismus". Das sind Töne, mit denen der FN seit 2011 - seit Marine Le Pen die Partei von Vater Jean-Marie erbte - vor allem unter Frankreichs Arbeitern und kleinen Angestellten im Norden und Nordosten Zulauf gewinnt.

Marine Le Pens Nichte gewinnt das Herz der Partei

Den anderen, streng traditionellen Flügel des FN verkörpert mittlerweile Marion Maréchal-Le-Pen. Die Nichte der Parteichefin sitzt als einzige FN-Abgeordnete in der Nationalversammlung. Ihre politische Heimat ist Frankreichs Süden, wo der FN lauter gegen Immigranten und Islam wettert. Und wo die FN-Klientel eher katholische Großbürger, klerikale Freiberufler und kleine Krauter sind, die sich nicht so gern reinreden lassen vom Staat.

In Lyon hat die 24-jährige Enkelin von FN-Gründer Jean-Marie Le Pen das Herz der Partei gewonnen. Bei der Urwahl zum FN-Zentralkomitee, dem Parlament der Partei, landet sie auf Platz eins. Philippot wird Vierter. Ihm bleibt der Trost, dass er als Zuflüsterer der FN-Chefin wie kein Zweiter den Kopf der Partei erreicht. Dennoch, im Gespräch kann er seine Enttäuschung nicht verhehlen: "Wenn Sie Le Pen heißen, hilft das." Der Front National ist und bleibt ein "Front familial", eine Familienbande. Auch der alte FN hat in Lyon seinen Auftritt.

Jean-Marie Le Pen, 86 Jahre alt, stolpert am Samstag mit Verspätung ans Rednerpult. Ein Saalsprecher entschuldigt das damit, dem alten Herrn seien auf dem Weg zur Bühne "zu viele Frauen um den Hals gefallen". Le Pen wartet mit alldem auf, was seine Anhänger von ihm noch immer erwarten. Er warnt vor "dem islamistischen Tsunami", und ihm schwant, in Frankreichs Metropolen "wächst ein Stadtterrorismus heran". Dennoch, Le Pen hat sich im Griff: Er hält sich ans Skript der Parteiregie, er entbietet keine Pannen oder Provokationen. Fast inszeniert er sich selbst als historische Figur.

Genüsslich zitiert er seine vermeintlich besten Slogans ("Eine Million Immigranten, das macht eine Million mehr Arbeitslose"), ehe er sich gegen den Vorwurf verwahrt, ein Ausländerfeind zu sein: "Ich bin kein Rassist, ich bin frankophil!" Der Parteitag verabschiedet den Greis mit lauwarmem Beifall. Mehr nicht. Es gibt in Lyon sogar FN-Mitglieder, die für Großvater Le Pen keine Hand rühren. "Ich kann da nicht klatschen", sagt Jean-Pierre, der 66-jährige Pensionär aus dem Raum Lille. Jean-Pierre ist ein Philippot-Fan. Und Marine-Verehrer, natürlich.

Genauso wie Benjamin Piel, 24-jähriger Stadtrat aus dem Calvados. Vor zwölf Jahren hat ihn der alte Le Pen beeindruckt, aber heute? "Er ist eine historische Figur." Benjamin will nach vorn schauen, und die Zukunft ist für ihn weiblich: Mit Maréchal-Le-Pen ist er gemeinsam gegen die Homo-Ehe durch die Straßen marschiert. Und Marine folgt er eh bedingungslos. "Bei uns herrscht eine Chef-Kultur", lacht er, "das macht alles so einfach."

© SZ vom 01.12.2014/dayk
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