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Frankreich:Wie der Front National eine "normale" Partei wurde

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Vor 45 Jahren gründet ein Haufen rechter Spinner eine Partei. Im Mai könnte die Chefin des Front National Frankreichs Präsidentin werden. Wie ist es so weit gekommen?

Von Lilith Volkert

Der Front National wurde lange als Spinnertruppe und reine Protestpartei belächelt, später als rechte Gefahr verteufelt. Umso größer natürlich die Überraschung, als er - vermeintlich aus den Nichts - ernsthafte Wahlerfolge vorweisen konnte. Inzwischen macht sich die FN-Chefin Hoffnungen aufs Präsidentenamt.

Die Partei hat lange für ihren Aufstieg gearbeitet und auch von den etablierten Parteien Unterstützung bekommen. Ein Überblick über fünf Jahrzehnte.

Gründung und erste Schritte (1972-1979)

Es ist ein eigenwilliger Haufen, der sich am 5. Oktober 1972 in Paris versammelt, um die Partei "Nationale Front für die französische Einheit" (Front National pour l'unité française) zu gründen. Auf Initiative der faschistischen Organisation "Ordre nouveau" treffen sich ehemalige Nazi-Kollaborateure und Widerstandskämpfer, Veteranen aus dem Algerien-Krieg und Vertreter verschiedener rechter Splittergruppen.

Sie alle eint der Wunsch, bei der Parlamentswahl im folgenden Jahr zum Schutz der "französischen Identität" gegen den Kommunismus einzutreten. Weitere Ziele: die Einwanderung beschränken, die mit der ehemaligen Kolonie Algerien geschlossenen "Verträge von Evian" kündigen und ganz allgemein der seit Kriegsende geächteten extremen Rechten wieder eine Stimme zu verleihen.

Als Vorsitzender wird Jean-Marie Le Pen gewählt, ein 44-jähriger Politiker, Unternehmer und ehemaliger Fremdenlegionär, der die Partei fast vier Jahrzehnte führen wird. Bei der Präsidentschaftswahl 1974 bekommt er nicht einmal ein Prozent der Stimmen.

Durchbruch und Profilierung (1980-1989)

Der Front National entwickelt sich langsam von einer Splittergruppe zu einer ernstzunehmenden Partei und verbündet sich zunehmend mit anderen rechten Gruppierungen. Die etablierten bürgerlichen Parteien wissen nicht, wie sie auf die neue politische Kraft reagieren sollen. In einigen Regionen arbeiten sie mit FN-Politikern zusammen.

Bei der Europawahl 1984 schafft der FN mit elf Prozent der Stimmen den Durchbruch. Le Pen zieht mit neun weiteren Abgeordneten erstmals ins EU-Parlament ein und wird Fraktionsvorsitzender der Europäischen Rechten.

Jean-Marie Le Pen fällt immer wieder durch rassistische und judenfeindliche Äußerungen auf. 1987 sagt er in einem Interview, die Gaskammern der Nationalsozialisten seien ein "Detail der Geschichte des Zweiten Weltkrieges" gewesen - was zwar einen Sturm der Entrüstung auslöst, ihm aber politisch kaum schadet. Für diese Aussage, die er über die Jahre hinweg immer wieder öffentlich wiederholt, wird Le Pen mehrfach zu Geldstrafen verurteilt.

Streit und Spaltung (1990-1999)

Im katholisch geprägten Süden erobert der Front National erste Rathäuser: 1995 stellt die Partei die Bürgermeister in Marignane, Orange und Toulon, zwei Jahre später in Vitrolles. Hier kann die Partei in den folgenden Jahren das Regieren üben und sich über eine nationale Strategie Gedanken machen. Das französische Mehrheitswahlrecht - nur der Kandidat, der seinen Wahlkreis gewinnt, bekommt einen Platz im Parlament - benachteiligt kleine Parteien. Die oft zweistelligen Wahlergebnisse des FN schlagen sich selten in Mandaten nieder.

Ein langjähriger Konflikt zwischen Jean-Marie Le Pen und seinem Stellvertreter Bruno Mégret reibt die Partei auf. Es geht um die künftige Linie, Führungsanspruch und persönliche Differenzen. 1998 kommt es zur Spaltung: Mégret verlässt mit mehreren führenden Köpfen den FN und gründet die Partei "Mouvement national républicain". Durch den Streit habe der Front National zehn Jahre verloren, sagt Parteivize Louis Aliot heute.

Auch für Jean-Marie Le Pen persönlich läuft es nicht besonders gut, er steht einmal mehr vor Gericht. Weil er eine sozialistische Politikerin körperlich angegriffen hat, darf er ein Jahr in kein Amt gewählt werden. Wegen rassistischer und antisemitischer Äußerungen sowie der Verharmlosung von Kriegsverbrechen wird Le Pen in seiner politischen Laufbahn mehr als zwei Dutzend Male zu Geldstrafen verurteilt.

Unterstützung von Nicolas Sarkozy

Größter Triumph - und Abstieg (2000-2009)

Jean-Marie Le Pen jagt der Republik einen Schrecken ein, den sie bis heute nicht vergessen hat. Im April 2002 bekommt er knapp 200 000 Stimmen mehr als der Sozialist Lionel Jospin und landet mit dem Konservativen Jacques Chirac in der Stichwahl ums Präsidentenamt. Dieser gewinnt zwar mit mehr als 80 Prozent, doch dass ein Rechtsextremer dem Élysée-Palast so nahe kommen konnte, schockiert die Franzosen.

Le Pen verdankt diesen Triumph weniger den eigenen Wählern als den zerstrittenen linken Parteien, die sich gegenseitig Konkurrenz machen und ihre Wähler nicht mobilisieren können. In den folgenden Jahren kann er an den Erfolg nicht anknüpfen. 2007 fügt der konservative Politiker Nicolas Sarkozy dem Front National mit einem betont rechten Wahlkampf eine herbe Niederlage zu. Ein kurzsichtiges Vorgehen: Durch seinen Rechtsruck macht Sarkozy viele Forderungen des FN salonfähig.

Marine Le Pen, die jüngste Tochter des Parteigründers, etabliert innerhalb des FN nach und nach neue Themen. Neben den bekannten Forderungen - weniger Einwanderung, mehr Geld für innere Sicherheit, Wiedereinführung der Todesstrafe - spricht sich der FN nun auch für die Abschaffung des Euro, neue Grenzkontrollen und wirtschaftlichen Protektionismus aus. Außerdem führt Marine Le Pen ein neues Feindbild ein: den Islam.

Stabübergabe und Höhenflug (seit 2010)

Nach fast 40 Jahren an der Spitze gibt Jean-Marie Le Pen den Parteivorsitz ab. Anfang 2011 übernimmt Marine Le Pen, die sich gegen einen Weggefährten ihres Vaters durchgesetzt hat. Der Front National bleibt ein Familienunternehmen: Auch Marine Le Pens Lebensgefährte und ihre Nichte besetzen wichtige Parteiämter.

Schnell geht die damals 42-Jährige ihr wichtigstes Vorhaben an: die "Entteufelung" (dédiabolisation) des Front National. Sie professionalisiert Struktur und Kommunikation der Partei und trennt sich von Mitarbeitern, die durch dumpfe Parolen auffallen. Mit dem Anspruch "weder links noch rechts", sondern eine Alternative für enttäuschte Wähler aller Parteien zu sein, verschreckt sie viele alte Anhänger.

Dafür gilt es auch unter gemäßigten Franzosen nicht mehr unbedingt als Tabu, den Rechtsextremen die Stimme zu geben. Mit Parolen gegen Einwanderung, Euro und das deutsche "Spardiktat" fährt der FN einen Wahlerfolg nach dem anderen ein. Bei der Präsidentschaftswahl 2012 wird Le Pen Dritte, aus der Europawahl 2014 geht der FN als stärkste Kraft in Frankreich hervor. Dabei profitiert die Partei von der Massenarbeitslosigkeit, dem Gefühl zunehmender Unsicherheit und einer sinkenden Wahlbeteiligung. Außerdem zeigen sich die großen Parteien unfähig, dem FN inhaltliche Argumente entgegenzusetzen.

Marine Le Pen, Anwältin und geschiedene Mutter dreier Kinder, spricht viele Franzosen durch ihre betont bodenständige Art an. Seit sie Vorsitzende ist, haben sich die Mitgliederzahlen fast vervierfacht. Ihren Vater, den FN-Mitbegründer Jean-Marie Le Pen, hat sie inzwischen wegen wiederholter Holocaust-Verharmlosungen aus der Partei ausschließen lassen.

Bei der Präsidentschaftswahl 2017 wird Marine Le Pen Umfragen zufolge in die Stichwahl kommen. Seit der überraschenden Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hofft das FN-Lager, dass ein ähnlicher Umsturz in Frankreich möglich ist. Und die Chefin des Front National 45 Jahre nach dessen Gründung in den Elysée-Palast einzieht.

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