Süddeutsche Zeitung

Generalstreik in Frankreich:Diffuse Wut, die keine gemeinsame Richtung kennt

Bei den Massendemonstrationen gegen Macrons Rentenreform gehen Menschen verschiedener politischer Auffassungen auf die Straße. Ob die extreme Rechte mitmarschiert, ist ihnen zunächst mal: ziemlich egal.

Die Szenerie war beeindruckend, als es Donnerstagabend wurde in Paris. Der Streik hatte die Stadt leer gefegt und gefüllt zugleich. Auf den Straßen zwischen Nordbahnhof und Place de la République fehlten die Autos, dafür wurden überall die Fahnen der Gewerkschaften herumgetragen. Ein riesiger, geordneter Demonstrationszug - nach dem vergangenen Gelbwestenwinter und den Guerillastrategien kam der Widerstand wieder klassisch daher. Es wirkte wie das altvertraute Frankreich, in dem der Arbeitskampf den Gewerkschaftsdinosauriern überlassen wird, die kaum Mitglieder haben, aber umso radikalere Positionen.

Doch der erste Eindruck täuscht. Es wiederholte sich nicht das ewig Gleiche. Soziale Bewegungen sind in Frankreich traditionell Sache der Linken. Konservative werden zwar nicht gegen die Menschenrechte wettern, doch ihre Begeisterung für die Französische Revolution kennt klare Grenzen. Frankreichs Linke hingegen richten ihre Seelen an den Aufständen ihrer Vorgänger auf. An der Pariser Kommune von 1871, an den Erfolgen des Front Populaire, der den Arbeitern in den 1930er- Jahren Urlaub und mehr Lohn brachte, an der Revolte der Jugend im Mai 1968.

Doch die Massen, die nun für ihre Rente und gegen Präsident Emmanuel Macron auf die Straße gingen, schreiben sich nur teilweise in diese Logik ein. Sie setzen eher fort, was mit den Gelbwesten begann. Sie tragen eine diffuse Wut auf die Straße, die keine gemeinsame politische Richtung kennt. Ob in ihren Reihen auch die extreme Rechte mitmarschiert, ist ihnen zunächst mal eines: ziemlich egal.

Die große Veränderung, die Frankreich in der Ära Macron prägt, ist der Aufstieg Marine Le Pens zur Stimme des Volkes. Der Hass auf den Präsidenten ist bei vielen Linken, bei der France Insoumise und auch den Gewerkschaften, größer als die Berührungsängste gegenüber Le Pen. Dass sie ihre Partei, ihr Geld, ihre Mitglieder und ihre grundsätzlichen Überzeugungen von ihrem faschistischen Vater geerbt hat, ist nicht mehr wichtig. Was zählt ist, dass sie die unhaltbare Versprechung macht, die Leute künftig schon mit 60 Jahren in Rente zu schicken.

Der Kampf gegen Macrons Rentenreform ist zum jetzigen Zeitpunkt gezwungenermaßen diffus, die Regierung wird erst kommende Woche konkrete Pläne vorstellen. Dass viele Franzosen Angst vor einer Veränderung des Systems haben, ist völlig verständlich. Egal wie behutsam die Reform ausfallen wird - es ist klar, dass die Mehrheit länger arbeiten muss. Da erscheint den Demonstranten jede Unterstützung willkommen. Auch die einer Frau, die ihren Erfolg auf der Hetze gegen Einwanderer und Muslime aufgebaut hat.

Die rechts-linke Allianz kann jedoch nur so lange halten, wie sie bloß den Status quo verteidigt. Und der ist nicht gerecht. Das Rentensystem ist für Beamte deutlich komfortabler als für Menschen, die in der freien Wirtschaft arbeiten. Der Weg in den Staatsdienst wiederum ist für solche Franzosen ungleich einfacher, die keine Kinder oder Enkel von Einwanderern sind. Auch Frauen schneiden im Rentensystem deutlich schlechter ab als Männer. Eine Bewegung, die keine gemeinsamen Ideale, sondern nur einen gemeinsamen Feind kennt, wird den Schwächeren am Ende nicht helfen. Das Ziel von Streik und Protest ist dann nicht Gerechtigkeit, sondern das Verteidigen der Pfründen.

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SZ vom 07.12.2019/hij
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