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Frankreich:Roman gegen Rotoren

Wie Marcel Prousts berühmtestes Werk Windkraft-Gegnern helfen könnte.

Von Nadia Pantel

Zu den interessanten Routinen der Franzosen gehört das Tunken von Gebäck in Heißgetränke. Eines der größten Werke der französischen Literatur basiert auf dem Zusammentreffen von Tee und Kuchen. Es lässt sich schwer sagen, wer die mehr als 4000 Seiten von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" tatsächlich gelesen hat, doch wenigstens die Szene, in der die Krümel einer Madeleine, der kleinen Cousine des Rührkuchens, in einer Tasse schwimmen, kennt jeder. Prousts Madeleine ist zur Chiffre geworden für Momente, in denen einen die Erinnerung aus der Gegenwart katapultiert. Ein bestimmter Geruch, ein besonderer Geschmack - und zack, zurück im Haus der Großmutter.

Weniger bekannt als Prousts Madeleine ist Prousts Kindheitsdorf Illiers-Combray. Der erste Band des Romans spielt in einem Örtchen mit dem fiktiven Namen Combray. Vor einem Jahrhundert war Prousts reales Vorbild Illiers in der Nähe von Chartres. Ein Kirchturm, Felder und Wiesen drum herum. Zu Prousts 100. Geburtstag benannte sich das Dorf 1971 in Illiers-Combray um. Der Wunsch, Teil des literarischen Werks zu werden, zeichnet sich hier also schon länger ab. Doch nun bedroht ein Energiekonzern die Einheit von Dorf und Dichter. Bis zu zwölf Windräder sollen neben Illiers-Combray aufgestellt werden, im Nachbardorf Méréglise stehen bereits sechs Masten.

Nun muss man wissen, dass während der Belle Époque, als Proust in Illiers Madeleines aß, noch keine Windräder gebaut wurden. Die Proust-Fans und Windrad-Gegner können das durch genaue Textexegese belegen. Zahlreiche Passagen der "Suche" erwähnen den Kirchturm Illiers, doch nie wird der Blick auf den Turm durch Rotoren versperrt. Das würde sich ändern, wenn, so verschiedene Bürgerinitiativen, "gigantische Ventilatoren, dreimal höher als der Kirchturm, die Landschaft entstellen".

Frankreichs bekanntester Denkmalschützer, Stéphane Bern, hat sich den belesenen Windkraftgegnern angeschlossen. Sobald Frankreich ein historisches Jubiläum feiert, moderiert Bern eine Sondersendung - also gefühlt wöchentlich. Präsident Emmanuel Macron zählt zu Berns Freunden. In einer Petition, die unter Berns Namen läuft, heißt es nun, Windräder in Illiers-Combray seien "eine Entweihung einer der berühmtesten literarischen Landschaften der Welt". Tatsächlich haben sie in Illiers-Combray bislang ihre Ruhe. Auch vor Proust-Anhängern. Um die 5000 Menschen besuchen jährlich das örtliche Proust-Museum, sonst ist es eher still. Im Seebad Cabourg, ebenfalls Inspiration des großen Romans, geht es da schon deutlich lauter zu. Allerdings liegt das nur an den Badeurlaubern. Die Eröffnung eines für August geplanten neuen Proust-Museums wurde wegen der Corona-Pandemie verschoben.

Was die Energieversorgung betrifft, liegt Cabourg auf halber Strecke zwischen zwei Atomkraftwerken - 1,5 Stunden nördlich die Küste rauf steht Paluel, zwei Stunden westlich Flamanville mitsamt der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague. 70 Prozent des französischen Stroms stammten 2019 nach Angaben des Netzbetreibers RTE aus der Atomkraft. Windräder produzierten 6,3 Prozent.

© SZ vom 08.09.2020

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