Frankreich: Roma-Abschiebung Das schwächste Glied

Die Abschiebung der Roma aus Frankreich zeigt vor allem eines: Die Volksgruppe hat weder Heimat noch Lobby.

Ein Kommentar von Klaus Brill

Es ist nicht anzunehmen, dass der französische Präsident Nicolas Sarkozy derzeit die Probleme, die mit der Migration der Roma in Europa verbunden sind, wirklich lösen möchte. Seine Abschiebeaktionen zielen vielmehr auf die heimische Wählerschaft. Er retourniert sein Problem kalt lächelnd an seine Kollegen in Rumänien, Bulgarien und den anderen Ländern Mittel- und Osteuropas - allerdings nicht ganz ohne Berechtigung.

Die französische Regierung macht Ernst und schickt knapp 100 Roma zurück nach Rumänien.

(Foto: AP)

Denn in diesen Staaten hat man einen guten Teil der Ursachen dafür zu suchen, dass ein einträchtiges Zusammenleben der Roma mit ihren sesshaften Zeitgenossen in Europa immer wieder und immer aufs Neue misslingt.

Es ist ein archaisches und auch quälendes Problem, mit dem sich die EU über alle Grenzen ihrer Mitgliedsländer hinweg auseinanderzusetzen hat. Der Zusammenbruch des Kommunismus hat eine Veränderung der sozialen und kulturellen Lebensbedingungen bewirkt, bei der die Roma unter die Räder gerieten. Von der Arbeitslosigkeit, die auf die Wende folgte, waren und sind sie besonders stark betroffen. Viele leben in elenden Ghettos am Rand der Städte und dienen als Projektionsfläche für die Wut jener kleinbürgerlichen Schichten, die beim Übergang in den Kapitalismus zu kurz gekommen sind.

Populisten übelster Art, in Tschechien sogar ein christdemokratischer Parteichef, machen Stimmung mit solchen Empfindungen, die sich in Meinungsumfragen als regelrechter Hass auf Roma niederschlagen. Tätliche Übergriffe sind keine Seltenheit, in Ungarn hat es gar mehrere Tote gegeben.

Wo der Rechtsradikalismus blüht, sind heute die Roma in großer Gefahr. Es war deshalb ein wichtiger und richtiger Schritt, als vor fünf Jahren die Regierungen von zwölf vormals kommunistischen Ländern in Mittel- und Osteuropa für den Zeitraum von 2005 bis 2015 ein Jahrzehnt der Einbeziehung der Roma (Decade of Roma Inclusion) verkündeten. Auch die Weltbank ist mit von der Partie, und der Milliardär George Soros unterstützt das Projekt mit viel Geld.

Jetzt ist Halbzeit, aber von konkreten Ergebnissen hat man bisher nichts gehört. Offenbar behandeln die Regierenden das Thema mit der linken Hand. Roma haben keine Lobby, sie sind kein homogenes Volk, sondern in viele Großfamilien und Clans zersplittert, die einander teilweise heftig befehden. Politisch interessant sind sie vor allem dort, wo man bei Wahlen ihre Stimmen kaufen kann, wie in Bulgarien geschehen. Wo anzusetzen wäre, ist offenkundig und war auch als Arbeitsauftrag für die Roma-Dekade aufgelistet: es geht um Arbeit, um menschenwürdiges Wohnen, um eine bessere Gesundheitsversorgung und vor allem um eine gute Ausbildung für die Kinder.

Viel zu viele Roma sind Analphabeten und leben abgeschottet in ihrer von mündlicher Überlieferung geprägten Tradition. Manche Form der Abhängigkeit innerhalb der Clans ist mit demokratischen Grundsätzen schwer vereinbar. Mit naiver Multi-Kulti-Begeisterung ist da nicht geholfen.

Es führt kein Weg daran vorbei, dass junge Roma selbst ihre Wünsche artikulieren und darlegen, in welcher Weise sie sich mit den Gesellschaften, in denen sie leben, arrangieren wollen. Dabei ist ein Misstrauen zu überwinden, das sich seit dem Aufbruch der Roma aus Indien im hohen Mittelalter aufgebaut hat. Jahrhunderte lang wurden sie geächtet und verfolgt - das vergeht nicht in einem Jahrzehnt.

Auf der anderen Seite führt einseitiges Entgegenkommen der Mehrheitsgesellschaft auch zu keiner dauerhaften Lösung. Auch dort herrscht Misstrauen, weil so viele Initiativen schon fehlgeschlagen sind. Aber sicher ist: Es gibt in einer demokratischen Gemeinschaft keinen anderen Weg als den der Toleranz. Nur lernt sich die nicht von heute auf morgen. Auch Deutschland hat nach der Zeitenwende 1945 lange gebraucht, bis es sich zu einer einigermaßen toleranten Gesellschaft entwickelt hatte.