Frankreich:Schwarzer Donnerstag des Zorns

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Protest in Paris: Zu den Aktionen gegen die Rentenreform haben die acht großen Gewerkschaften erstmals gemeinsam aufgerufen. (Foto: Kiran Ridley/Getty Images)

Im ganzen Land protestieren und streiken die Franzosen gegen die von Präsident Macron und der Regierung geplante Rentenreform. Warum sind die Menschen so wütend?

Von Kathrin Müller-Lancé, Paris

Schon am Vortag fielen an den französischen Bahnhöfen die ersten Züge aus, der Fernsehsender BFM zählte in einem Countdown die Tage bis zu diesem "jeudi noir", dem "schwarzen Donnerstag". Es ist der erste große Protesttag in Frankreich, seit die Regierung ihre umstrittenen Pläne zur Reform des Rentensystems vorgestellt hat.

Die Gewerkschaften und linken Parteien erwarten viel von diesem Tag - zumal der groß angekündigte heiße Herbst im vergangenen Jahr doch eher lauwarm blieb. Stürzt Frankreich jetzt ins Chaos? Kommen die Gelbwesten zurück? Muss die Regierung ihre Reformpläne begraben? Das sind nur einige der Fragen, die man sich in den vergangenen Tagen stellte.

An der Place de la République, traditionell Startpunkt des sozialen Protests in Paris, sieht erst mal alles aus wie üblich, wenn gestreikt wird. Menschen mit roten Gewerkschaftsfahnen, Demonstrantinnen und Demonstranten in Warnwesten, Arztkitteln, mit Feuerwehrhelmen. Plakate, auf den Sätze stehen wie "Macron, steig von deinem Thron" und "Métro, boulot, caveau", "Metro, Arbeit, Grab" . Viele Geschäfte haben die Rollläden ihrer Schaufenster heruntergelassen. Am Straßenrand werden Merguez-Würstchen gegrillt.

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"Ich bin hier, um meine Rechte zu verteidigen", sagt ein Feuerwehrmann, der mit Kollegen aus dem Département Yvelines kommt. Als der 50-Jährige anfing zu arbeiten, dachte er noch, er könne mit 57 in Rente gehen. Jetzt muss er voraussichtlich bis 62 arbeiten. Warum er das ungerecht findet? "Sie können sich ja vorstellen, wie meine Arbeit aussieht. Wir arbeiten auch nachts, wir arbeiten auch am Wochenende. Da kann man mit 60 nicht mehr."

Die Rentenreform ist das wohl wichtigste und heikelste Vorhaben der zweiten Amtszeit von Präsident Emmanuel Macron. Die Pläne, die seine Regierung in der vergangenen Woche vorgestellt hat, sehen unter anderem vor, das Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahre zu erhöhen, die Beitragsdauer auf 43 Jahre zu verlängern, und viele Privilegien einzelner Berufsgruppen sollen wegfallen.

Das stößt auf breiten Widerstand. Die meisten Oppositionsparteien, vom extrem rechten Rassemblement National bis zur extrem linken La France Insoumise, haben angekündigt, dass sie in der Nationalversammlung gegen das Gesetzvorhaben stimmen wollen. Zum ersten Mal seit zehn Jahren haben sich die acht größten Gewerkschaften zusammengeschlossen, um gemeinsam zum Streik aufzurufen.

Sie wählten Macron, um Le Pen zu verhindern. Nicht für diese Reform

Die 64-jährige Maria, eine rote Strickmütze auf dem Kopf und eine rote Fahne der Gewerkschaft Force Ouvrière in der Hand, ist schon seit zwei Jahren in Rente. Zum Protestieren ist sie trotzdem in die Hauptstadt gekommen. Aus Solidarität, sagt sie. "Ich hätte nicht bis 64 arbeiten können und wollen, dafür war mein Job als Lehrerin viel zu anstrengend." Macrons Argument, dass die Reform ja in seinem Wahlprogramm gestanden habe und damit legitimiert sei, überzeugt sie nicht: "Viele haben Macron gewählt, um Marine Le Pen zu verhindern - nicht, um eine Rentenreform zu bekommen."

Dabei ist es nicht so, dass die Regierung bei ihren Reformplänen keine Zugeständnisse gemacht hätte. Im Wahlkampf hatte Emmanuel Macron noch plädiert, das Rentenalter auf 65 Jahre anzuheben. Nun geben er und seine Regierung sich zufrieden mit 64 Jahren. Die Pläne sehen nach wie vor Ausnahmen für bestimmte Berufsgruppen vor. Auch wer besonders früh angefangen hat zu arbeiten, soll früher als mit 62 in Rente gehen dürfen. Zudem plant die Regierung, die Mindestrente auf 1200 Euro zu erhöhen.

Er hat schon Zugeständnisse gemacht beim wohl wichtigsten Vorhaben seiner zweiten Amtszeit. Vielen reichen sie aber nicht: Präsident Emmanuel Macron. (Foto: Ludovic Marin/AFP)

"Das sind kleine Häppchen, die man den Leuten jetzt hinwirft", sagt David, 54. Mehr als 20 Jahre lang arbeitete er für die Pariser Verkehrsbetriebe und verkaufte unter der Erde Metrotickets. Seit einem Jahr ist er Rentner. Um seinen Rucksack hat er eine gelbe Warnweste gespannt. Noch immer sympathisiert er mit der Bewegung der Gelbwesten, die Frankreich im Herbst 2018 ordentlich durcheinanderbrachte. Dass die Proteste in dieser Form zurückkommen, glaubt er eher nicht. "Das ist damals so eskaliert, dass sich immer mehr Leute von uns abgewendet haben. Die Gelbwesten sind nicht mehr wirklich angesehen", sagt er.

Dass die Streiks die Pläne der Regierung durchkreuzen, glauben einer Umfrage des Ifop-Instituts zufolge nur wenige Französinnen und Franzosen. Zwei Drittel der Befragten gehen davon aus, dass Macron seine Reform durchsetzen wird. Die Zustimmung der konservativen Republikaner im Parlament gilt nicht als garantiert, aber als wahrscheinlich. "Was wir bewirken, wird sich am Ende des Tages zeigen", sagt der Feuerwehrmann aus Yvelines: "Ich hoffe, wir setzen ein Zeichen."

Am Ende des Streiktages zählen die französischen Behörden etwas mehr als eine Million Teilnehmende im ganzen Land. Als Macron 2019 zu einem ersten Reformversuch ansetzte, den er dann wegen Corona aufschob, hatten etwa 600 000 Menschen demonstriert. In den kommenden Tagen entscheidet sich, ob sich die Streiks verlängern und ausweiten. Für Raffinerien und Benzindepots hat die Gewerkschaft CGT bereits neue Streiks für Ende Januar und Anfang Februar angekündigt. Schon für den Samstag rufen die extrem linke La France Insoumise und mehrere Jugendorganisationen auf zu einem "Marsch für unsere Renten".

Präsident Emmanuel Macron, der am Donnerstag zu einem spanisch-französischen Gipfel nach Barcelona gereist war, verteidigte seine Reform dort als "gerecht und verantwortungsvoll".

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