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Präsidentenwahl:Europa darf auf Frankreich hoffen

Optimistische Aufbruchsstimmung herrscht bei den Wahlkampfauftritten Emmanuel Macrons

(Foto: AFP)

Der affärenbelastete Fillon hat keine Chance bei der Präsidentschaftswahl. Die Franzosen möchten zwar einen starken Präsidenten, doch an Regeln sollte er sich schon halten.

Wäre Recep Tayyip Erdoğan Franzose, bräuchte er keine Verfassungsänderung mehr. Denn in Frankreich geht schon jetzt fast alle Macht vom Präsidenten aus. Der Hausherr im Élysée-Palast ist der Chef des Regierungschefs, weshalb es durchaus der Realität entsprach, als der damalige Präsident Nicolas Sarkozy seinen Premierminister François Fillon als "Mitarbeiter" abtat.

Der Staatschef ernennt den Premier, führt den Vorsitz im Ministerrat, bestimmt die Außenpolitik und kann das Parlament heimschicken. Hinzu kommt eine Aura, die der Geschichte entspringt. Frankreich wurde über Jahrhunderte von den Königen geformt, ja geschaffen. "Der Staat bin ich", sagte Ludwig XIV. Dieser Geist lebt, leicht kaschiert, in den Präsidenten der Republik weiter. Der Präsident müsse die ganze Nation verkörpern, drückte es Charles de Gaulle aus.

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Das heißt jedoch nicht, dass der erste Mann sich immer alles herausnehmen darf. Enttäuscht er die Franzosen zu sehr, so stürzen sie ihn. Das musste Ludwig XVI. ebenso erfahren wie Sarkozy, wobei Letzterer seinen Kopf behalten durfte.

Ansonsten sind die Anforderungen der Franzosen in jüngster Zeit jedoch strenger geworden als zu Zeiten der Ludwigs, de Gaulles oder François Mitterrands. Ex-Präsident Jacques Chirac wurde 2011 wegen Korruption verurteilt. Der Sozialist Dominique Strauss-Kahn verspielte im selben Jahr durch seine Affären die sicher geglaubte Präsidentschaft.

Nun scheint das gleiche Schicksal Fillon zu ereilen, den Noch-Kandidaten der Konservativen für die anstehenden Präsidentschaftswahlen. Er wähnte sich schon im Élysée - jetzt blickt er in den Abgrund, auch wenn er sich noch an seinen Kandidatenstatus festkrallt.

Willkürherrscher? Nicht bei den Franzosen

Die Franzosen möchten einen starken Präsidenten, weshalb der schwache Amtsinhaber François Hollande sich nicht mehr anzutreten traut. Doch sie pochen inzwischen darauf, dass sich auch der Mann im Élysée an die Regeln hält, die für Gemeinsterbliche gelten. Das unterscheidet sie von der Mehrheit der Russen, der Türken und der amerikanischen Donald-Trump-Wähler, die Willkürherrschern hinterherlaufen.

Frankreich ist daher - trotz seiner Wirtschaftsprobleme, Politikverdrossenheit und Zukunftsangst - eine reife Republik. Das nährt die Hoffnung, dass die Bürger in den beiden Wahlgängen Ende April und Anfang Mai eine gute Entscheidung treffen werden.