Natürlich war man schnell beim Froschkönig, einem Märchen über den sozialen Aufstieg. Die Romanze zwischen Jordan Bardella, dem Präsidenten des rechtsextremen Rassemblement National, geboren in einer Pariser Banlieue, und Maria Carolina von Bourbon-Sizilien, einer reichen italienischen Prinzessin mit Höflichkeitstitel, bricht wie eine wilde Sternschnuppe in die französische Öffentlichkeit. Sie ist auch eine gewagte politische Wette.
Definitiv geoutet wurde das junge Paar nach einem Crescendo dementierter Gerüchte vom Hochglanzmagazin Paris Match, dem Fachblatt für prominente Liebesgeschichten. Vor ein paar Tagen hat es den beiden seine Titelseite und eine Fotostrecke gewidmet, sie zeigt die Amourösen in Ajaccio, auf Korsika. Die Bilder sollen so aussehen, als wären sie gestohlen, von Paparazzi aufgenommen. Aber dafür sind sie viel zu hübsch, zu scharf, zu komponiert. Paris Match schreibt unter anderem diese nahezu poetischen Zeilen dazu: „Sie ist 22, er 30. Ihre Verbundenheit ist unübersehbar. Er legt einen Arm um ihre Taille, sie streicht sich immer wieder durchs Haar, das vom Aprilwind zerzaust wird. Ihre Hände suchen einander und berühren sich, trennen sich aber wieder, sobald ein Passant ihren Weg kreuzt. Ihre Liebe ist wohlerzogen.“ Ein Märchen eben.
Könnte die Geschichte die Chancen der extremen Rechten bei der Präsidentschaftswahl torpedieren?
Seither erklären sich Bardella und die Leute seiner Partei auf allen Kanälen, das müssen sie wohl: Die Geschichte soll die Chancen der extremen Rechten auf die Macht nicht torpedieren, nicht so kurz vor dem Ziel, ein Jahr vor der nächsten Präsidentschaftswahl. Bardella, so er denn anstelle seiner Ziehmutter Marine Le Pen anträte, gilt als Favorit. Alle Umfragen sehen ihn vorn. Das muss nichts heißen, belastbar sind Umfragen allenfalls kurz vor dem Termin. Aber die Beliebtheitswerte des jungenhaften und kommunikationsfesten Aufsteigers sind konstant hoch, seit einer Weile schon.
Mindestens ein Teil seiner Popularität rührt daher, dass Bardella vielen Franzosen das Gefühl gibt, er sei einer wie sie. Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen und deshalb nahe am Volk, das von der „Elite“, der „Kaste“, dem „System“ verachtet werde. Seit Jahren geißelt Bardella die Arroganz der Mächtigen „da oben“.
Nun also Froschkönig. Geküsst von der Aristokratie. Der italienische Zweig der Bourbonen hat zwar seit der Einigung Italiens 1861 kein Königreich mehr. Aber gibt es hier nicht auch eine direkte Erblinie zu Louis XIV., dem Sonnenkönig?
Kennengelernt haben sich der Politiker und die Prinzessin im vergangenen Mai in Monte-Carlo, beim Grand Prix der Formel 1. Maria Carolina, Tochter von Karl von Bourbon, Herzog von Castro, und Camilla Crociani, Nachfahrin einer reichen Rüstungsdynastie, lebt zeitweise im Fürstentum. Wenn sie nicht gerade in Rom ist, in Dubai, auf Saint-Barth, in St. Moritz und ihr Jetset-Leben mit ihrer Gefolgschaft auf Instagram teilt: ihre liebsten Handtaschen, ihre Kleider, ihr Schmuck, sie auf einer Yacht, sie auf dem Filmfestival von Cannes, sie bei der Modeschau. Sie hat Mode studiert.
Beim rechtskonservativen Meinungssender CNews sind sie richtig verliebt in das Paar
In Paris, Avenue Montaigne, besitzt die Familie eine Wohnung mit freier Sicht auf den Eiffelturm, 300 Quadratmeter groß, mit Boudoir. Da gingen immer schon viele prominente Leute ein und aus. In dieser Wohnung stellte einst Woody Allen seinen guten Freund Jack Lang, den früheren französischen Kulturminister, dem amerikanischen Financier Jeffrey Epstein vor. Mit Donald Trump sind die Halbadligen auch sehr eng, sie waren schon bei ihm in Mar-a-Lago. Bei der Wiedereröffnung der Pariser Kathedrale Notre-Dame saßen die Bourbonen weit vorn, hinter dem Präsidenten.
Eine andere Welt. Sie passt nicht zum Credo der Lepenisten, zu ihrem Versprechen, die alten Strukturen aufzubrechen. Mit den Bourbonen kommt gewissermaßen das Ancien Régime zurück. Riskiert die extreme Rechte da nicht den Vorwurf der Heuchelei?
Als Le Monde im Januar erstmals über die Liaison berichtete, gab sich Bardella noch ungehalten: Eine Lügengeschichte sei das, verbreitet „von einer linken Zeitung“, nichts daran sei wahr. Aber ja, er sei nicht mehr Single. Nun sagt er, er und Maria Carolina hätten sich nicht mehr verstecken mögen – diese Paparazzi ständig: unerträglich!
In der Partei hat man sich darauf geeinigt, die Liebschaft als „privates Glück zweier junger Menschen“ zu beschreiben. Das tun jetzt alle ihre Exponenten, im Wortlaut, als sei ihnen diese Phrasierung eingebläut worden. Allerdings schwingt immer ein Unbehagen mit. Die rechten Medien aus dem Imperium von Vincent Bolloré glamourisieren unterdessen die Liebe, beim Sender CNews sind sie richtig verliebt ins Paar. Die Romanze, heißt es da, befreie Bardella endgültig aus der Schmuddelecke. Sie katapultiert ihn allerdings direkt in die Paillettenwelt der Papieradligen. Und niemand weiß, wie viele Stimmen das kostet – oder bringt.

