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Frankreich:Ran an den Käse

Franzosen sollen schlemmen - aus patriotischen Gründen.

Die meisten Dinge, die der Einzelne tun kann, um die Folgen der Corona-Krise abzumildern, bringen wenig Freude. Hände waschen, zu Hause bleiben, Maske tragen. Außer in Frankreich. Da haben Bürger die schöne Aufgabe bekommen, 1000 Tonnen Käse aufzuessen, bevor sie weggeworfen werden müssen.

Das Ende der achtwöchigen Ausgangssperre endet in Frankreich mit einem Hilferuf der Milchindustrie, insbesondere der kleinen Käsereien. In Zeiten des Zuhausebleibens änderte sich das Einkaufsverhalten. Milch, Butter und Mehl feiern Umsatzrekorde, es wird gebacken wie lange nicht. Doch zum selbstgemachten Brot scheint den Franzosen ein Emmentaler aus dem Supermarkt zu reichen (Emmentaler ist auch in Nicht-Krisen-Zeiten der beliebteste Käse des Landes).

Der Verkauf regionaler Käse aus kleinen Betrieben ging seit Ausbruch der Pandemie jedoch um 60 Prozent zurück, meldet der Verband der Milchbauern. Die Produzenten sehen dafür drei Gründe: Wochenmärkte hatten geschlossen, Restaurants fallen als Abnehmer weg und das Interesse der Franzosen, die ereignislosen Quarantänetage mit einer extravaganten Käseplatte zu beenden, war gering.

Doch nun hat ein nationales Zusammenrücken rund um den Käse begonnen. Der Radrennprofi Alexis Vuillermoz, der Élysée-Chefkoch Guillaume Gomez, die Skirennläuferin Tessa Worley, Aimé Jacquet, der als Fußballtrainer Frankreich 1998 zur Weltmeisterschaft führte - alle rufen "Fromagissons!" Diese Wortschöpfung hat sich die Milchwirtschaft ausgedacht. Fromage gleich Käse, agissons, gleich "lasst uns handeln". Als Inspiration diente den Franzosen eine ähnliche Kampagne aus Belgien, die dazu aufruft, die durch das zwischenzeitliche Schließen der Pommesbuden liegen gebliebenen Kartoffelvorräte aufzuessen. Zweimal die Woche Fritten - vom Gesundheitsrisiko zur Bürgerpflicht.

Der Kampf für den Käse ist als Kampf für das ländliche Frankreich angelegt. "Es geht hier nicht einfach um ein Nahrungsmittel, sondern um Frankreichs Identität, Geschichte und Können", sagt Michel Lacoste, Präsident des Conseil National des Appellations d'Origine Laitières. Vorsitzender also der nationalen Organisation, die die Herstellung von Käsen überwachen, die mit eine geschützte Ursprungsbezeichnung (AOP-Siegel) haben. Dazu gehört der weltbekannte Camembert (vorausgesetzt, er wird nach traditioneller Methode hergestellt) ebenso wie Cantal, Roquefort oder Morbier.

Seine zuverlässigsten Käsepatrioten findet Frankreich unter den Rentnerpaaren. Das geht aus der Statistik der AOP-Käsekonsumenten hervor. Zwar essen 95 Prozent der Franzosen regelmäßig Käse, doch mit der Anwesenheit kleiner Kinder im Haushalt sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass man in zertifizierte Schimmelrinden investiert. Erst wenn die Kinder das Teenageralter erreichen, misst der Nationale Käserat wieder einen steigenden Anspruch an die Käsequalität. Frankreichs Produzenten müssen also darauf hoffen, dass der aktuelle Rückzug in die Kleinfamilie bald endet. Und aus Eltern wieder Paare werden, die in Restaurants gehen und zwischen Hauptgang und Dessert noch einen Käseteller bestellen.

© SZ vom 15.05.2020

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