Frankreich:Der Kampf ums Wasser

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Frankreich: Julien Le Guet, der Sprecher des Kollektives "Bassines, non merci", wendet sich in Sainte-Soline mit Hilfe eines Megaphons an die Demonstranten.

Julien Le Guet, der Sprecher des Kollektives "Bassines, non merci", wendet sich in Sainte-Soline mit Hilfe eines Megaphons an die Demonstranten.

(Foto: PASCAL LACHENAUD/AFP)

Bei Demonstrationen gegen ein Wasserreservoir werden in Westfrankreich mehrere Dutzend Menschen verletzt. Der Innenminister spricht von "Ökoterroristen" - die Proteste wecken schlechte Erinnerungen.

Von Kathrin Müller-Lancé, Paris

Die Bilanz des Wochenendes ist eindrücklich: mehrere Tausend Demonstranten, mehr als tausend Polizeibeamte, mehrere Dutzend Verletzte. Ganz schön viel Aufregung für den 350-Einwohner-Ort Sainte-Soline im westfranzösischen Département Deux-Sèvres - und das, obwohl die dort geplante Demonstration gegen den Bau eines Wasserreservoirs eigentlich von den Behörden verboten worden war.

Das Reservoir in Sainte-Soline ist Teil eines Projekts von 16 Wasserbecken, mithilfe derer Landwirte ihre Felder bewässern wollen, wenn der Regen ausbleibt - und das tut er oft in der trockenen Region. Bei den Becken handelt es sich um offene Krater, die mit Plastik ausgelegt und mit bis zu 650 000 Kubikmetern Wasser befüllt werden sollen. Die Kosten für das eigentlich längst beschlossene Projekt werden auf 60 Millionen Euro geschätzt, der Großteil davon soll mit öffentlichen Geldern finanziert werden.

Die Landwirte, die sich hinter dem Vorhaben zusammengeschlossen haben, geben an, dadurch im Sommer 70 Prozent weniger Grundwasser entnehmen zu müssen. Dafür soll das Wasser im Winter in die Becken gepumpt werden. Die Kritiker bemängeln, dass das Wasser auch in den Wintermonaten bereits knapp sei und befürchten, die Landwirtschaft mache sich das Wasser in der trockenen Region zu eigen.

Aus Angst vor gewaltsamen Ausschreitungen hatten die Behörden die für Samstag geplante Demonstration mehrerer Umweltorganisationen und Gewerkschaften eigentlich verboten. Trotzdem kamen den Organisatoren zufolge etwa 7000 Menschen, den Behörden zufolge etwa 4000. Die Polizeipräfektur reagierte mit einem Aufgebot von mehr als 1500 Beamten. Die Demonstrierenden gelangten dennoch bis zum Bauplatz. Die Polizei setzte Tränengas ein, die Aktivisten nutzten nach Behördenangaben unter anderem Molotowcocktails und Wurfgeschosse.

Die Proteste wecken schlechte Erinnerungen bei der Regierung

Bei den Ausschreitungen wurden dem französischen Innenminister Gérald Darmanin zufolge 61 Polizeibeamte verletzt. "Ein großer Teil dieser Demonstration war extrem gewaltsam", sagte Darmanin und verglich die Vorgehensweise der Aktivisten mit "Ökoterrorismus". Das Kollektiv "Bassines, non merci!" ("Wasserbecken, nein danke!"), das die Proteste maßgeblich organisiert hatte, zählte auf der Seite der Teilnehmer etwa 50 Verletzte. "Der Staat hat sich dafür entschieden, das Eigentum Einzelner zu schützen und dafür die Aktivisten zu gefährden", sagte der Sprecher des Kollektivs, Julien Le Guet, dem Fernsehsender BFM.

Aus der linken Opposition bekommen die Aktivisten Unterstützung. Sowohl Abgeordnete der extrem linken La France Insoumise als auch der französischen Grünen waren am Wochenende bei den Protesten. Der ehemalige grüne Präsidentschaftskandidat Yannick Jadot wurde allerdings mäßig begeistert empfangen, Aktivisten pfiffen ihn bei seiner Rede aus und besprühten sein Auto mit dem Wort "Bazille". "Wenn wir uns immer nur auf die Unterschiede konzentrieren, haben wir nichts gewonnen", sagte Jadot anschließend in einem Fernsehinterview.

Innenminister Darmanin kündigte noch am Wochenende an, dass mehr als 1000 Beamte am Ort bleiben sollen, um zu verhindern, dass die Aktivisten das Gebiet dauerhaft besetzen. Die Proteste wecken bei der französischen Regierung offenbar schlechte Erinnerungen: In der Gemeinde Notre-Dame-des-Landes bei Nantes hatten Anwohner und Umweltschützer fast zehn Jahre lang gegen den Bau eines Flughafens protestiert, unter anderem, indem sie dauerhaft auf einem Teil des Baugebiets campierten. 2018 gab die französische Regierung das Flughafenprojekt endgültig auf.

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