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Republikaner in Frankreich:Seit Chirac nur noch bergab

Zuversichtlich bleiben: Der Parteivorsitzende der Republikaner Christian Jacob bei seiner Neujahrsansprache.

(Foto: Alain Jocard/AFP)

Frankreichs Republikaner, einst stolze Volkspartei, sind auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Die Präsidentenwahl 2022 machen Macron und Le Pen unter sich aus.

Von Nadia Pantel, Paris

Aufrichten oder einfach liegen bleiben? Im vierten Jahr ihrer Großkrise sind Frankreichs Republikaner immer noch weit davon entfernt, sich wieder zu berappeln. Schlimmer noch, die Frage, ob es die Partei überhaupt noch braucht, wird immer lauter gestellt. Ein Jahr dauert es noch bis zur Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2022. Frankreich stellt sich auf ein Duell Emmanuel Macron gegen Marine Le Pen ein, liberal-konservative Mitte gegen rechts außen. Kandidaten der ehemals großen Volkspartei der Republikaner findet man in den Umfragen nie auf den vordersten Plätzen.

Will man erzählen, wann dieser Niedergang begann, hat man die freie Auswahl. Man kann bei der inneren Zersetzung beginnen. Bei den Männern, die innerhalb der Partei ganz oben standen und dann vor Gericht endeten. Bei Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und François Fillon. Den ehemaligen Präsidenten Chirac und Sarkozy trauern die Konservativen heute noch nach. Auch wenn beide verurteilt wurden, Chirac wegen Korruption und Sarkozy wegen Bestechung.

Als Chirac 2019 starb, war die Trauer im Land so groß, dass es wirkte, als verabschiede man sich nicht nur von einem Menschen. Sondern von einer Idee, die die Konservativen lange von sich hatten: volksnah und anschlussfähig. Schon mit Sarkozys Präsidentschaft (2007 bis 2012) bekam dieses Bild Risse. Der joviale Ton Chiracs wurde bei Sarkozy von einem schrill-aggressiven abgelöst. Dass Sarkozy immer noch als Gallionsfigur der Partei herhalten muss, hat einen eher schlichten Grund: Er ist der Letzte, dem es gelang, den Konservativen die Präsidentschaft zu sichern.

Der dritte verurteilte Mann im Bunde, François Fillon, beflügelt nun noch nicht einmal mehr die Fantasie der eigenen Partei. Er wird als derjenige im Gedächtnis bleiben, der die Republikaner 2017 gegen die Wand fahren ließ. Alle Umfragen deuteten auf einen Sieg der Konservativen hin. Doch Fillon stolperte kurz vor der Wahl über die Scheinbeschäftigung seiner Frau. Und über sein Beharren darauf, sich als Opfer von Justiz und Medien zu sehen, nicht als Mann, der Fehler machte. Chirac, Sarkozy, Fillon - das Trio wurde für die Gegner der Partei zum Synonym für eine politische Klasse, die glaubt, über den Regeln zu stehen.

Fillon war der Kandidat der wohlhabenden Rentner

Doch parallel zu den Korruptionsskandalen setzten auch zwei andere Dynamiken ein, die den Republikanern die sichere Verankerung nahmen. Die Wählerbasis der Partei zersplitterte. Fillon war ein Kandidat der besseren Kreise und der Rentner. Was war mit denjenigen, die zwar konservative Ansichten aber weniger wirtschaftliche Sicherheit hatten? Sie wurden Jahr um Jahr heftiger von der rechtsextremen Marine Le Pen umworben.

Nur, und dies ist die zweite Dynamik, dass diejenigen, die an Le Pens faschistischen Hintergrund erinnerten, immer leiser wurden. Das Rassemblement National erscheint vielen Franzosen heute nicht mehr wie eine radikale Partei, sondern wie eine demokratische Alternative rechts der Republikaner.

Ausreichend zermürbt trafen die Republikaner 2017 schließlich auf den Mann, der ihnen heute den Weg in die Bedeutungslosigkeit weiter ebnet: Emmanuel Macron. Auch wenn Macron mit Stimmen früherer Sozialistenwähler ins Amt kam, überzeugt er heute vor allen Dingen das konservative Publikum. Und er zieht den Republikanern seit vier Jahren diejenigen Kräfte ab, die auf Aufbruch hoffen - und nach Macht streben. Seinen ersten und seinen zweiten Premierminister (Édouard Philippe und Jean Castex) holte Macron aus den Reihen der Konservativen, auch seinen Wirtschafts- und seinen Innenminister.

Personell gerupft und ideologisch geschwächt ziehen die Republikaner nun in den Kampf um die Regionen. Ende Juni wählt Frankreich seine Regionalpräsidenten. Parteichef Christian Jacob gibt sich zuversichtlich. Immerhin sind die Republikaner noch eine deutlich stärkere Partei als Macrons République en Marche, die ihrerseits hinter ihrem Chef verschwindet. Bei der Kommunalwahl 2020 ging die Hälfte der Rathäuser der kleineren Städte an die Republikaner. Sie bleiben die Partei der Bürgermeister, der lokalen Verankerung.

Der Parteivize sympathisiert mit Le Pen

Nur was bleibt davon, wenn der Élysée-Palast in immer weitere Ferne rückt? Aktuell in erster Linie: Streit. Auf der einen Seite stehen Republikaner wie der Parteivize Guillaume Peltier, der offen mit Le Pen sympathisiert. Auf der anderen Seite diejenigen um den einflussreichen Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, der die Partei gerade verlassen hat, um sich Macron anzunähern. Die Partei trägt lautstark und offen aus, was die Analysen seit vier Jahren voraussagen: Der Raum zwischen Le Pen und Macron wird enger.

Und somit erleben die Konservativen nun die Zersplitterung, mit der Frankreichs Linke schon lange kämpft. Aus einer Parteienlandschaft der zwei großen Blöcke, links die Sozialisten, rechts die Republikaner, ist ein atomisiertes Gewirr geworden. Links ringen die Reste der Sozialisten, die aufsteigenden Grünen und die populistische France insoumise um die Vorherrschaft. Rechts Macron und die Republikaner. Und ganz rechts wartet Le Pen.

© SZ/vgr
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