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Frankreich:Nachhilfe für den Präsidenten

Die „Cité de la Capsulerie“ bei Paris ist einer jener Orte, die sich vom Staat vergessen fühlen.

(Foto: Tiphaine Le Liboux/AFP)

Der Film "Les Misérables" rüttelt Frankreich auf. Nun interessiert sich auch Macron für die Probleme in den Banlieues.

Der Film beginnt ekstatisch. Es ist der 15. Juli 2018, Frankreich hat gerade die Fußballweltmeisterschaft gewonnen und eine Gruppe Jungs aus der Vorstadt jubelt mit den Massen auf den Champs-Élysées. Sie haben sich die Nationalfarben auf die Wange gemalt, singen strahlend die Marseillaise. Knapp zwei Filmstunden später ist das Band zwischen ihnen und der Republik zerrissen. "Les Misérables" heißt der Film von Ladj Ly, der am Mittwoch in Frankreichs Kinos angelaufen ist und über den das ganze Land spricht. Zum einen mit Stolz, der Film ist für einen Oscar nominiert, in Cannes bekam er den Preis der Jury. Zum anderen mit Sorge, denn Lys Film ist auch eine Warnung, dass der nächste Aufstand der Banlieues kurz bevor stehen könnte.

Die Vergessenen von heute leben in den verarmten Vorstädten

Allein schon der Titel des Films packt die Franzosen beim Nationalstolz. Ly hat ihn sich von Victor Hugo geborgt und Referenzen an dessen Roman "Les Misérables", die Elenden, an vielen Stellen ins Drehbuch eingebaut. Die Botschaft lautet: Die Vergessenen von heute leben in den verarmten Vorstädten, sie sind das schwarze, das junge, das muslimische Frankreich. Und der Staat hat wenig mehr für sie übrig als Verachtung.

Lys filmischer Aufschrei kam ganz oben an. Das Journal du Dimanche berichtet, dass Präsident Emmanuel Macron sich Les Misérables am Wochenende angesehen habe und "von der Wahrhaftigkeit erschüttert" gewesen sein soll. Er habe die Regierung angewiesen, "möglichst schnell Ideen zu entwickeln, um die Lebensbedingungen in den verarmten Vierteln zu verbessern". Das Élysée hat diese Meldung weder bestätigt noch dementiert. Und so bleibt das Bild eines Präsidenten, der erst durch einen gut gemachten Spielfilm Verständnis für das Los der Bürger entwickelt.

Der Regisseur selbst berichtet, er sei von Macron eingeladen worden, den Film gemeinsam mit dem Präsidenten im Élysée anzuschauen. Dies habe er abgelehnt und den Präsidenten im Gegenzug nach Montfermeil eingeladen. In dieser Hochhaussiedlung, nordöstlich vor den Toren von Paris, ist Ly aufgewachsen, dort lebt er noch heute und dort spielt auch sein Film. Macron fuhr nicht nach Montfermeil, stattdessen schickte Ly eine DVD.

Wie viele andere Prominente aus den Vorstädten gehört auch Ly zu denen, die dem Präsidenten vorwerfen, die Menschen in den Banlieues verraten zu haben. Sechs Monate lang hatten 2018 Lokalpolitiker, Vereine und andere Freiwillige auf Macrons Wunsch hin zusammengearbeitet, um Vorschläge zu entwickeln, wie die Misere in den ärmsten Vierteln Frankreichs gelindert werden kann. Das Ergebnis war ein umfassender Maßnahmenkatalog. Kosten: fünf Milliarden Euro. Macron wischte den Plan beiseite. "Es ergibt keinen Sinn, dass zwei weiße Männer, die selbst nicht in den Vorstädten leben, einen Bericht austauschen. So funktioniert das nicht mehr", sagte Macron zur allgemeinen Überraschung. Statt Geld von weißen Männer gab es folglich: kein Geld von weißen Männern. Macron sagte, der Staat gebe "ein Heidengeld" für Sozialleistungen aus, die niemanden etwas brächten.

Lys Film ist auch deshalb politisch explosiv, weil er deutlich macht, für wen wann Geld ausgegeben wird. "Was hat euch euer Aufstand 2005 gebracht? Nichts!" sagt in einer Szene ein Protagonist zum anderen und bezieht sich auf die Ausschreitungen in den Banlieues vor bald 15 Jahren. Zur Beschwichtigung des jüngsten französischen Aufstands, der Bewegung der Gilets jaunes, war der französische Staat jedoch bereit, 17 Milliarden Euro für Sozialleistungen zu investieren.

Bis heute wird Ly mit einem Satz zitiert, den er im Mai in Cannes sagte: "Wir in der Banlieue sind seit 20 Jahren Gilets jaunes." Er meint damit nicht nur die Armut und Perspektivlosigkeit vieler, sondern auch das Erleben von Polizeigewalt, die er in seinem Film drastisch zeigt. Sogenannte "nichttödliche Waffen" wurden vom Staat in den 90er Jahren eingeführt, um sie in den Banlieues zu verwenden. Für landesweite Empörung sorgen Hartgummigeschosse und Tränengasgranaten jedoch erst, seit damit auch die Gilets jaunes verletzt wurden, also weiße Franzosen aus der unteren Mittelschicht.