Süddeutsche Zeitung

Sorge vor IS-Terror in Europa:Schatten auf Olympia

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Höchste Terrorwarnstufe: Der Anschlag in Russland weckt in Frankreich schlimme Erinnerungen. Vor allem wächst die Sorge um die Sicherheit der Sommerspiele in Paris.

Von Oliver Meiler, Paris

"Bataclan russe", so nennt man in Frankreich den Terroranschlag auf Konzertbesucher in der Crocus City Hall bei Moskau. So sehr erinnert er die Franzosen an die Attentatsserie in jener Nacht des 13. Novembers 2015, als islamistische Terroristen Paris und die Konzerthalle Bataclan angegriffen hatten. Das Trauma des Bataclan kehrt immer wieder. Schon der Angriff der Hamas auf Teilnehmer einer Raveparty im Süden Israels am vergangenen 7. Oktober hatte die Franzosen an das Blutbad im Bataclan gemahnt. Ganz offensichtlich gibt es Hinweise, dass das Land in Gefahr ist.

Nach einem dringlich einberufenen Verteidigungsausschuss im Élysée hat die französische Regierung am Sonntagabend beschlossen, die Terrorwarnung ihrer Sicherheitsverordnung "Vigipirate" auf die maximale Stufe zu heben: "Urgence attentat", Notlage Attentat. Premierminister Gabriel Attal begründete den Entscheid auf der Plattform X so: "Es lasten Bedrohungen auf unserem Land." Die Terrororganisation IS-K, der das Attentat von Moskau zugeschrieben wird, habe zuletzt "mehrmals" versucht, Europa zu treffen, unter anderem Frankreich und Deutschland. Präziser wurde er nicht.

Warnstufe "Urgence attentat" bedeutet konkret, dass der französische Staat für eine begrenzte Zeit fast unbegrenzte Mittel mobilisieren darf, um mögliche Terrorziele zu schützen: Bahnhöfe, Flughäfen, Schulen, religiöse Einrichtungen, Einkaufszentren. Zuletzt war das nach dem Mord an einem Lehrer in einem Gymnasium im nordfranzösischen Arras im vergangenen Herbst der Fall gewesen: Dominique Bernard war von einem ehemaligen Schüler erstochen worden, der aus Tschetschenien stammt und sich als Anhänger des "Islamischen Staats" beschrieb. Im Januar wurde die Warnstufe dann wieder um ein Niveau gesenkt.

Bei "Notstand Attentat" wird in erster Linie die Force Sentinelle verstärkt, eine militärische Sondertruppe, die es seit dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015 gibt: Bis zu 10 000 Soldaten lassen sich dafür aufbieten, parallel zu allen anderen Polizeikorps.

Die Eröffnungsfeier auf der Seine steht infrage

Die eigentliche Sorge der Franzosen betrifft nicht so sehr die unmittelbare Zukunft, sondern die mittelfristige. Am kommenden 26. Juli, also in genau vier Monaten, beginnen in Paris die Olympischen Sommerspiele - und zwar mit einer gigantischen Eröffnungsfeier, die nun allen Sorgen bereitet.

Geplant ist eine Parade der Länderdelegationen auf der Seine mit Zehntausenden Zuschauern an den Flussufern und Milliarden vor den Fernsehgeräten. Ein Volksfest soll es werden, wie es die Welt noch nicht erlebt hat. Die Schönheit von Paris soll strahlen wie nie zuvor. Ursprünglich war mal mit mehr als einer Million Zuschauer vor Ort gerechnet worden, oben an den Quais und unten am Wasser. Mittlerweile wurde die Kapazität wegen Sicherheitsbedenken auf etwa 300 000 gesenkt - alle auf Einladung zudem, damit sich ihre Identität prüfen lässt. Wer nicht geladen ist, soll keine Chance haben, in die Nähe der Seine zu kommen. Und allfällige Drohnenangriffe? Die Luftwaffe, heißt es, sei gewappnet.

Doch diese Versicherungen reichen nicht. In einer neuen Umfrage sagen 48 Prozent der Franzosen, man müsste die Eröffnung radikal umdenken. Das sind zehn Prozent mehr als vor einem Monat. Regierung und Organisatoren sagen, es gebe keinen Plan B. Doch natürlich ließe sich die Feier auch im großen Stade de France ausrichten. 66 Prozent der Befragten sagten, sie glaubten nicht, dass die Regierung die Sicherheit der Spiele garantieren könne.

Wann immer die Terrorangst wächst in Europa, ist sie in Frankreich besonders groß, das ist nicht verwunderlich. 25 Attentate gab es in Frankreich seit 2012, hat die Zeitung Le Figaro aufgelistet. 273 Menschen wurden dabei getötet, Hunderte weitere verletzt. Viele weitere Anschläge konnten verhindert werden. Das Innenministerium aktualisierte neulich die Zahlen auch dazu: 75 Attentatspläne, hieß es, hätten rechtzeitig unterbunden werden können. Zuletzt offenbar auch solche von IS-K.

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