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Frankreich:"Ist das deine Reaktion, wenn man nicht mit dir schlafen will?"

Der Vizepräsident der französischen Nationalversammlung soll Frauen sexuell belästigt haben. Die Opfer schwiegen - bis der Politiker sich als Vorkämpfer gegen sexuelle Gewalt aufspielte.

Der Mann ist weg. Abgetaucht. Denis Baupin, der grüne Parlamentsabgeordnete, lässt ab sofort nur noch seinen Anwalt reden. Und so erfährt Frankreich, dass der bisherige Vizepräsident der Nationalversammlung acht Frauen verklagen will - wegen Verleumdung. Ansonsten schweigt er.

Aber die Frauen reden. "Endlich", wie Annie Lahmer sagt. Die grüne Kreisrätin der Region Paris ist eine von acht Zeuginnen, die mit haarsträubenden bis widerwärtigen Anekdoten berichten, wie der 53 Jahre alte Baupin offenbar seit Jahren Parteifreundinnen und Mitarbeiterinnen zusetzte. Beinahe zwei Jahrzehnte ist der "halb komische, halb tragische Vorfall" her, den Lahmer erzählt. 1999 sei sie in einem Pariser Parteibüro zufällig allein mit Baupin gewesen - plötzlich habe der Kerl Sex mit ihr haben wollen: "Er ist um einen Schreibtisch hinter mir hergerannt, immer wieder im Kreis. Bis ich geschrien habe: 'Stopp!'" Am nächsten Tag habe Baupin ihr jeden Gruß verweigert. "Ist das deine Reaktion, wenn man nicht mit dir schlafen will?", will sie gefragt haben. Die Antwort sei eine Drohung gewesen: "Er hat mit dem Finger auf mich gezeigt und mir gesagt, ich würde nie wieder einen Posten in der Partei bekommen."

Baupin wagte es, sich am Frauentag als Vorkämpfer gegen sexuelle Gewalt zu präsentieren

Mehrere Frauen berichten, Baupin habe ihnen wochenlang aufdringliche SMS geschickt. Anderen setzte er mit anzüglichen Bemerkungen zu. Das allein erfüllt den Tatbestand der "sexuellen Belästigung", in Frankreich ist das eine Straftat. Offenbar wurde Baupin auch handgreiflich. Sandrine Rousseau, eine Sprecherin der grünen Partei, schildert, wie der Abgeordnete sie 2011 in einem Gang der Nationalversammlung an eine Wand gedrückt, an die Brust gefasst und mit Küssen zu überwältigen versucht habe. Sie habe danach gelitten, sich übel gefühlt - "aber der Gedanke, dass dies eine sexuelle Aggression war, ist mir erst viel später gekommen."

Ihr Schweigen brachen die Opfer nach dem 8. März: Da hatte Baupin gewagt, sich per Tweet zum Internationalen Frauentag als Vorkämpfer gegen sexuelle Gewalt zu präsentieren. Das war zu viel, sie packten aus. Nun tritt der Fall Baupin vor allem im linken Milieu eine Debatte über Sex, Macht und Politik los. Fünf Jahre nach dem Skandal um den damaligen IWF-Chef und möglichen Präsidentschaftskandidaten Dominique Strauss-Kahn und seine Sexualpraktiken veröffentlichten 500 Frauen und Männer in der Libération am Dienstag einen Aufruf gegen Männerwahn und sexuellen Missbrauch in der Politik. Der Pariser Staatsanwalt leitete ein Ermittlungsverfahren gegen Baupin ein, ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe.

Betroffen vom Skandal ist auch Emmanuelle Cosse, Baupins Ehefrau: Die Wohnungsbauministerin zeigte sich am Dienstag schockiert, beteuerte aber Vertrauen zu ihrem Partner.

© SZ vom 11.05.2016
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