Frankreich Mein Vater, der Mörder

Jacques Fesch erschoss vor mehr als 50 Jahren einen Polizisten und wurde hingerichtet. Im Gefängnis erkannte er die Güte Gottes und nun wird über seine Seligsprechung verhandelt. Sein unehelicher Sohn musste jahrelang kämpfen, um den Namen seines Vaters tragen zu dürfen.

Von Gerd Kröncke

Ein Mann möchte heißen, wie sein Vater hieß. Der Mann war ein Waise, wuchs auf unter der Obhut staatlicher Institutionen. Seiner Mutter war er früh weggenommen worden. Wer der Mann war, der ihn gezeugt hat, hatte er viele Jahrzehnte lang nicht gewusst. Er war schon über vierzig, als er erfuhr, wer dieser Vater war.

Gérard Fesch kämpfte zehn Jahre darum, den Namen seines Vaters tragen zu dürfen.

(Foto: Foto: AFP)

Danach, das war Mitte der neunziger Jahre, hat Gérard, der den Nachnamen Droniou trug, so lange gekämpft, bis ihm vorigen Monat das Appellationsgericht in Orleans das Recht zusprach, künftig Fesch zu heißen. Er wollte endlich, sagt er, als seines Vaters Sohn anerkannt werden - eine Frage der Identität. Sein Vater war Jacques Fesch. Jacques Fesch war ein Mörder.

Manchmal wird, meist von christlichen Laienspielgruppen, in Frankreich ein erbauliches Stück mit dem wortspielerischen Titel ,,AssaSaint'' aufgeführt. Das Kunstwort vereint die Begriffe von Mord und Heiligkeit. Die tragische Figur des Stückes ist Jacques Fesch, der Mörder. Von ihr ist der Autor Gilbert Collard, ein prominenter Strafverteidiger, der schon manchen Mordverdächtigen rausgeboxt hat, schon lange fasziniert gewesen. Fesch wurde vor 50 Jahren hingerichtet, weil er einen Polizisten erschossen hatte.

Mord an Polizistr

Im Paris der frühen fünfziger Jahre war Fesch ein Müßiggänger gewesen, Sohn aus gutem Hause, dem es lästig war, seine Zeit mit Arbeit zu vertun, und der sich in Saint Germain des Prés mit seinen Kumpels vergnügte. Als ihm seine Eltern die Zuwendungen strichen, versuchte er, einen Juwelier zu berauben.

Aber sein Opfer, ein betagter Goldschmied, gab nicht kampflos auf, verfolgte den jungen Mann, schrie laut um Hilfe. Fesch, der als Verbrecher ein Stümper war, erschoss einen Polizisten, der sich ihm entgegenstellte. Der Polizist Jean Vergne, ein Witwer, hinterließ eine vierjährige Tochter. Fesch war verheiratet, hatte nicht nur eine Tochter von seiner Frau, sondern hatte bei seinen Streifzügen in Saint Germain auch ein junges Mädchen geschwängert. Das war die Mutter des Gérard Droniou, der nun so heißen darf wie sein Vater.

Seit 50 Jahren gibt es Menschen, die von dem Mörder Jacques Fesch fasziniert sind. Er hatte sein Urteil fast gelassen hingenommen, und in der Todeszelle erlebte er seine Läuterung. In sein Carnet, das Notizbuch seiner letzten Tage, schrieb er, er habe ,,eine Stimme gehört, die nicht von dieser Welt war, und sie sagte mir: Du wirst die Gnade deines Todes erfahren.'' Seine Briefe aus dem Pariser Gefängnis La Santé, das er lebend nicht mehr verlassen sollte, wurden von seinem damaligen Anwalt erst mit Erstaunen und dann mit Ergriffenheit gelesen.

,,Darin erkennt man die Güte Gottes'', schrieb Fesch. ,,Er verspricht mir trotz meiner Sünden nicht nur ewige Seligkeit, sondern nimmt mich bei der Hand mit der ganzen Zärtlichkeit und Güte des Vaters, der seine Kinder liebt.'' Jacques Fesch glaubte sich in der Gnade Gottes: ,,Es ist nicht Seine Gerechtigkeit, die mich verurteilt, sondern der Hass der Welt. Ich muss stärker sein als dieser Hass, ich muss ihn durch die Liebe überwinden.'' Er bekannte sich auch zu seinem Sohn. ,,Hiermit bekräftige ich meinen Willen, meinen Sohn Gérard anzuerkennen'', schrieb er, ,,wenn er vor dem Gesetz mein Sohn nicht sein kann, dann ist er doch mein Fleisch und sein Name ist in meinem Herzen.''

Keine Reue des Mörders

Es gab keinen Zweifel an seiner Schuld oder Zurechnungsfähigkeit. Jacques Fesch war schuldig und geständig, und nach der Moral früherer Generationen musste er sein Verbrechen unter dem Fallbeil büßen. Es ist in seinem Carnet keine Reue, nicht einmal Bedauern über den Mord zu finden. Und trotzdem: Es war Jean-Marie Lustiger, der charismatischste unter Frankreichs Kardinälen, der sich von den Schriften des Mörders so beeindruckt zeigte, dass er die Voruntersuchungen zur Seligsprechung einleitete.

Es ist unwahrscheinlich, dass der betagte Kardinal, der vor zwei Jahren das Amt des Erzbischofs von Paris aufgegeben hat, die Prozedur noch erleben wird. Vielleicht wird auch nie etwas daraus, wenngleich die Sache im Vatikan nicht vergessen zu sein scheint. Erst vor kurzem hat Radio Vatikan in einer Reihe über ,,zeitgenössische Heilige'' den Weg des Jacques Fesch nachgezeichnet, ,,einen französischen Verbrecher, der heute als Beispiel für die Erlösung durch den Glauben'' gelte.

Ein Kuss aufs Kruzifix

Sein Verteidiger hatte damals vergeblich versucht, vom Präsidenten René Coty die Begnadigung des Mörders zu erbitten. Zwar bekundete Coty sogar Mitgefühl, aber ,,wenn ich ihn begnadigen würde, brächte ich das Leben anderer Polizisten in Gefahr''.

Jacques Fesch erwartete den Henker fast mit Ungeduld. ,,Nur noch fünf Stunden zu leben'', lautet die letzte Eintragung in seinem Carnet, ,,in fünf Stunden werde ich Jesus sehen.'' Für Kardinal Lustiger ist dies ein Beleg für eine höhere Gerechtigkeit. ,,Vor Gott'', sagt er, ,,ist keiner endgültig verloren, auch nicht, wenn die Gesellschaft ihn verurteilt hat.''

Als sie Jacques Fesch in La Santé, dem alten Gefängnis von Paris, am Morgen des 1. Oktober 1957 zur Guillotine brachten, bat er den begleitenden Priester um ein Kruzifix. Er küsste es und legte seinen Kopf in die Mulde. Autoren mit Phantasie haben beschrieben, dass das Letzte, was einer hört, das Zischen der fallenden Klinge ist. Der Kampf gegen die Todesstrafe wurde übrigens erst mehr als zwei Jahrzehnte später gewonnen.

Nur durch Zufall hatte Gérard Droniou Mitte der neunziger Jahre die Identität seines Vaters erfahren. Er war gerade 19 Tage auf der Welt, als seine Mutter ihn weggeben musste. Später wurde er Musiker, und zwar Trompeter. Auch Jacques Fesch hatte Trompete gespielt. Gérard hat ein Buch unter seinem Geburtsnamen veröffentlicht, sein nächstes, ,,Eine Kindheit geköpft'' (L'Enfance guillotinée), wird unter seinem neuen Namen, Gérard Fesch, publiziert.

Die Tochter des erschossenen Polizisten ist Anwältin geworden. Sie hat nie öffentlich über ihren Vater und seinen Mörder gesprochen. Der Kardinal hat sie einmal zu einem Gespräch empfangen.