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Frankreich:Manuel Valls, Macher mit brutalem Ruf

Präsident und Kandidaten: Sowohl Premier Manuel Valls (Mitte) als auch Ex-Minister Emmanuel Macron (rechts) wollen François Hollande beerben.

(Foto: Stephane de Sakutin/AFP)
  • Frankreichs Präsident Hollande verzichtet auf eine zweite Kandidatur. Einen möglichen Nachfolger nennt er nicht.
  • Vieles deutet auf Premierminister Manuel Valls, den Rechtsaußen unter den Sozialisten.
  • Ihm stehen nach viereinhalb Jahren "Hollandisme" vor allem Aufräumarbeiten in der Partei bevor - und der Kampf gegen zwei alte Feinde.

Der König der Republik ist tot. Präsident François Hollande entsagt - per Verzicht auf eine zweite Amtszeit - dem politischen Leben. Fünf Monate ehe die Franzosen sich am 7. Mai 2017 einen neuen Monarchen auf Zeit wählen dürfen, zieht der Mann im Élysée-Palast einen Schlussstrich. Auf seine typische, wie immer unfertige Weise: Den Namen eines Kronprinzen, eines Nachfolge-Kandidaten, mochte der Sozialist nicht nennen.

Warum er schwieg, bleibt Hollandes Geheimnis. Der Präsident, von Haus aus ein Taktiker, liebt derlei Ungewissheiten. Dabei ist die Thronfolge in Paris eigentlich jedermann klar: Manuel Valls, der bisherige Premierminister und zweite Mann im Staat, wird nun anstelle des Amtsinhabers als Spitzenkandidat der französischen Sozialisten (PS) antreten. Anfang November schon sagte einer der engsten Hollande-Freunde, der sonst stets verschwiegene Verteidigungsminister Jean-Yves le Drian, dass Valls im Falle eines Rückzugs des Präsidenten "natürlich und selbstverständlich" der Ersatzmann wäre: "Er ist am besten platziert, um diese Rolle auszufüllen."

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Mancher Vertraute wittert einen Racheakt hinter Hollandes Schweigen

Dass Hollande nun Valls nicht explizit zum Nachfolge-Kandidaten ausruft, deutet manch Vertrauter als Racheakt. Der Regierungschef hatte seinen Präsidenten zuletzt unverhohlen zum Abdanken gedrängt. "Das hat Hollande am Ende den Mut geraubt", giftet ein Berater im Palast, "Valls hat ihn zwar nicht umgebracht. Aber er hat ihm das Messer auf den Schreibtisch gelegt. Er hat ihn in den Suizid getrieben."

Das mag übertrieben blutig klingen. Tatsächlich jedoch eilt dem Premier auf den Korridoren der Pariser Macht ein Ruf recht ruchloser Brutalität voraus. Der Hobbyboxer - gestählt im Kraftraum, drahtig dank glutenfreier Diät - gilt als einer, den es nach ganz oben drängt. Am Freitag zögerte der Premier noch mit der Verkündung seiner Kandidatur, er gewährte Hollande eine Schamfrist. Hinter den Kulissen wurde derweil Valls' Rücktritt vorbereitet, samt Nachfolger: Innenminister Bernard Cazeneuve würde wohl ins Hôtel Matignon einziehen, den Amtssitz des Premiers, sobald Valls in den Wahlkampf aufbricht.

Valls beherrscht alle Rollen. Erst als Innenminister, dann seit Frühjahr 2014 als Regierungschef pries er militärische Tugenden, verlangte er von Ministern und linkssozialistischen Rebellen im Parlament "alle Disziplin, allen Einsatz, alle Loyalität". Früher hingegen, vor dem Wahlsieg Hollandes anno 2012, hatte Valls das genaue Gegenteil kultiviert. Mit Lust spielte er den Rechtsaußen der Linken und provozierte, als er vor sieben Jahren vorschlug, das "völlig überholte Wort Sozialismus" aus dem Namen seiner Parti Socialiste (PS) zu streichen. Die damalige Parteichefin Martine Aubry verlangte von Valls Disziplin und legte ihm nahe, die Partei zu verlassen. Bis heute ätzt der Sozialdemokrat gegen "die ewiggestrige Linke" in den eigenen Reihen, die er für "regierungsunfähig und verantwortungslos" hält. Zuletzt malte Valls seiner zerstrittenen Partei sogar das Ende aus: "Wir können sterben!"

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Nach viereinhalb Jahren "Hollandisme" soll Valls die Trümmer zusammenfügen

Ausgerechnet dieser Manuel Valls, der ein rotes Tuch für alle Linken ist, muss nun die verzankten Genossen auf Kurs bringen. Er soll zusammenfügen, was nach viereinhalb Jahren "Hollandisme" an Trümmern von der einst stolzen Partei übrig ist. Der Mann, der den Tod der Partei der Rose heraufbeschwor, soll sie nun retten und in zwei Operationen reanimieren: Zunächst muss sich Valls im Januar in einer "Vorwahl der Linken" gegen mindestens sieben Konkurrenten behaupten. Da immerhin hat Valls Chancen, weit bessere jedenfalls als zuletzt Hollande. Gelingt ihm dieser erste Coup, wird als Zweites das Wunder erwartet, die Sozialisten bei der eigentlichen Präsidentschaftswahl in die Stichwahl zu bugsieren - und am 7. Mai zu gewinnen. Irgendwie.

Es gibt Menschen in Paris, die "Manuel le magicien" ein solches Wunder durchaus zutrauen - Manuel, der Zauberer. Streng anonym schwärmt einer davon, "wie sehr Valls brennt" auf den Kampf gegen Republikaner und Front National: "Er ist bereit!" Nur eine knappe Stunde nach Hollandes Ankündigung im Fernsehen malt dieser Sozialist bereits Konturen von Valls' Kampagne aus. Der Premier werde die Linke aufschrecken mit dem Szenario, dass die rechtsextreme Marine Le Pen vor den Toren der Macht stehe. Gegen François Fillon, den katholischen Republikaner und Thatcher-Verehrer, wolle Valls "ein Frankreich verteidigen, dass ein sozialer, laizistischer und sicherer Staat bleibt". Schließlich wolle Valls mit einem persönlichen Pfund werben: "Er hat einen Ruf als Reformer."