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Frankreich:Macrons Schicksal entscheidet sich früh

Emmanuel Macron am Abend seines Wahlsiegs in Paris: Auf ihm lastet nun ein enormer Druck

(Foto: AFP)

Für seine Arbeitsmarktreform muss Frankreichs neuer Präsident die Machtprobe mit den Linken und Rechten bestehen. Um Europa voranzubringen, sollte ihm Berlin helfen.

Zum Mythenschatz der Franzosen gehört die Geschichte vom ehrgeizigen jungen Mann, der aus der Provinz nach Paris kommt, um im Schmelztiegel der Metropole zu verglühen - oder gestählt als Held hervorzugehen. Honoré de Balzac hat den ersten Fall in seinem Roman "Verlorene Illusionen" beschrieben. Der Korse Napoléon Bonaparte illustriert, bis zu seinem Sturz, den zweiten. Und auch der künftige französische Präsident fügt sich in den Mythos: Emmanuel Macron stammt aus dem nordfranzösischen Städtchen Amiens. Er ging nach Paris, kämpfte sich durch die Eliteschulen, stürzte sich in die Politik, focht alle Gegner nieder und eroberte am Sonntag, ohne Partei und erst 39 Jahre alt, den Élysée.

Die Art, wie Macron allein durch die Nacht zur Siegesfeier vor dem Louvre schritt, erzählt etwas von diesem Aufstieg. Seht her, hier geht ein Mann unaufhaltsam seiner Bestimmung entgegen - das war die Botschaft, die er ausstrahlte.

Man sollte daran denken, wenn man die Probleme betrachtet, vor denen der neue Mann steht. Er muss seine Bewegung En Marche rasend schnell zu einer Partei umformen und sie zum Sieg bei den Parlamentswahlen im Juni führen. Sollte er eine Mehrheit der Sitze verfehlen, braucht er Koalitionspartner, die schwer zu finden sind. Doch nur mit einer stabilen Regierungsmehrheit kann er Reformen angehen, die sein veränderungsängstliches Land aus der Erstarrung wecken. Erst dies verschafft ihm das Gewicht, um auf Augenhöhe mit Berlin auf Europas Renaissance hinzuarbeiten.

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Hinter Macrons adrett-glattem Äußeren verbirgt sich Risikobereitschaft

Doch warum sollte der junge Mann mit dem Habitus des Musterschülers schaffen, woran seine Vorgänger - Nicolas Sarkozy und François Hollande - gescheitert sind? Weil Macron bewiesen hat, dass er Prüfungen besteht, an denen andere scheitern. Hinter seinem adrett-glatten Äußeren verbergen sich Risikobereitschaft, Willensstärke und Selbstvertrauen. Das verschafft Macron die optimistische Aura, die seinem Land so fehlt.

Sein Schicksal als Präsident wird sich früh entscheiden. Spätestens im Herbst, wenn er sich an seine Arbeitsmarkreformen macht, muss er die Machtprobe mit dem links- und rechtsradikalen Frankreich bestehen. Marine Le Pen vom Front National und Jean-Luc Mélenchon von La France insoumise, die Macron bei der Wahl unterlagen, werden ihre Anhänger auf die Barrikaden rufen und das Land mit Streiks, Blockaden und Demos überziehen. Falls Macron dann weicht, ist seine Präsidentschaft schon verloren.

Wenn er dagegen standhält, ist die Basis für den Erfolg gelegt. Macron kann dann den Haushalt sanieren und Strukturreformen angehen, um in Frankreich mehr und bessere Jobs zu schaffen und die Millionen verbitterten Franzosen zurückzugewinnen. Damit das gelingt, braucht er die Hilfe Deutschlands.

Macron schlägt Berlin einen Deal vor: Er reformiert und spart in Frankreich, Deutschland fährt dafür die Investitionen hoch. Außerdem will er den Euro-Raum stärken, unter anderem durch ein Euro-Parlament und ein Budget für Investitionen. Im Kern lautet das Angebot: Reiche Euro-Länder wie Deutschland greifen ärmeren Ländern wie den Mittelmeerstaaten finanziell unter die Arme. Diese reformieren sich dafür so, dass die Hilfe auch wirkt und nicht verschwendet wird.

Merkel und ihre CDU sind skeptisch

Kanzlerin Angela Merkel und ihre CDU sind skeptisch. Sie wissen, dass die Deutschen mehr Geldtransfers an die EU so schätzen wie Wohnungseinbrüche. Außerdem finden sie, in der derzeitigen Stimmung dürfe man den Wählern nicht mit noch mehr Europa kommen.

Nur: Der Triumph des damaligen italienischen Premiers Matteo Renzi bei der Europawahl 2014 und jetzt der Sieg Emmanuel Macrons in Frankreich beweisen, dass eine entschieden proeuropäische Politik vom Wähler belohnt wird. Mit ihr gelingt es, die Nationalpopulisten zu schlagen. Ein Zurückweichen der Europäer führt dagegen dazu, dass ihre Gegner Raum gewinnen. Schon deshalb sollte Berlin Macron entgegenkommen, um die EU zu verbessern und auszubauen.

In den Krisenjahren ist Deutschland in Europa geworden, was es nie mehr sein wollte: die Mittelmacht, gegen die sich andere zusammenrotten wollen, da sie sich dominiert fühlen. Dies geschah auch deshalb, weil es der Bundesregierung an starken Partnern fehlte, um die Verantwortung zu teilen. Nun könnte Frankreich wieder ein solcher Partner werden. Das ist die Gelegenheit, das ungesunde deutsche Übergewicht auszutarieren.

Ohne Opfer geht das nicht. Deutschland muss - in der Sparpolitik, bei Transferleistungen - Abstriche von seiner reinen Lehre machen. Europa kann nur als Kompromiss gedeihen. Macron wird ihn in Berlin einfordern.

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Emmanuel Macron und die Deutschen - diese Geschichte beginnt vor fünf Jahren zum Amtsantritt seines Vorgängers François Hollande. Und klar ist: Geht sie schlecht aus, hat Europa keine Zukunft.   Von Leo Klimm und Christian Wernicke

© SZ vom 09.05.2017/fie
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