Gelbwesten Macrons Blumenstrauß für die Franzosen

Der französische Präsident hat verstanden, dass ein Teil seines Volkes ihn leidenschaftlich hasst - und macht eine emotionale Kehrtwende.

Kommentar von Nadia Pantel, Paris

"Macronismus" nennen die Franzosen die Politik ihres Präsidenten, weil er selbst im Zentrum aller Entscheidungen zu stehen scheint. Dieses Wort ist noch einmal treffender geworden, nachdem Emmanuel Macron sich am Montagabend in einer Rede an die Nation wandte. Die Stimme möglichst sanft, der Blick so verbindlich suchend, als bemühe er sich, jeden Einzelnen der 23 Millionen Zuschauer persönlich anzusprechen.

Sachlich betrachtet sagte der Präsident den Wütenden im Land: Ihr seid arm, hier habt ihr Geld. Doch seine strategische Botschaft lautete: Ich liebe euch. Er versucht nicht mehr, seine Politik zu erklären oder ihr auch nur treu zu bleiben. Er begegnet der Wut, die ihm entgegenschlägt, nicht mehr mit Argumenten, sondern mit einem Appell an die Gefühle. Seine Entschuldigung ist wie der viel zu große Blumenstrauß eines untreuen Ehemanns. Man möge bitte nicht mehr übers Grundsätzliche sprechen, sondern sich daran erinnern, wie schön man es zusammen haben könne. Die Blumen kommen in die Vase, jeder weiß, dass sich der Betrug wiederholen wird, aber immer streiten, ist auch blöd.

Politik Frankreich "Die Politik nimmt doch nur Gewalt richtig ernst"
"Gelbwesten"-Bewegung in Frankreich

"Die Politik nimmt doch nur Gewalt richtig ernst"

Frankreich erlebt den vierten Samstag mit Großdemonstrationen der Gilet jaunes. Die Themen der Gelbwesten sind nach wie vor: Geld und Not. Zum ersten Mal wirkte es so, als könne Präsident Macron scheitern.   Reportage von Nadia Pantel

War Macron nicht mal ein Vertreter der nüchternen Analyse? Derjenige, der auf langfristige Lösungen, statt auf kurzfristige Steuergeschenke setzte? In gewisser Weise bricht diese Verbeugung vor den Gilets jaunes, die Macron am Montag aufführte, nicht mit der Logik seiner Amtszeit. Frankreichs Präsident ist Pragmatiker. Er hat verstanden, dass viele ihn nicht nur ablehnen, sondern leidenschaftlich hassen. Diesen Hass versucht er klein zu lieben. Niemand, sagte der Präsident dem Volk, stehe zwischen ihm und dem Einzelnen. Er beziehe seine Legitimität nicht aus einer Partei, sondern direkt aus dem Volkswillen. Man kann in dieser Feststellung dasselbe Misstrauen gegenüber der repräsentativen Demokratie erkennen, wie bei den Menschen, die in gelben Warnwesten die Straßen des Landes blockieren. Macron spielt immer wieder mit der Behauptung, er stehe außerhalb des Systems. Diese Inszenierung als Revolutionär und Außenseiter, die er schon als Präsidentschaftskandidat betrieb, war und ist gefährlich, weil sie funktionierende, demokratische Institutionen entwertet. In seinem Versuch, sich auf die Seite der Protestierenden zu stellen, nimmt Macron in Kauf, dass sich das Bild eines feindlichen Systems, das es nicht nur zu reformieren, sondern ganz grundsätzlich abzuschaffen gelte, verfestigt.

Im Gegensatz zu den Gelbwesten-Demonstranten will Macron das System allerdings nicht abschaffen. Er will es nur möglichst unabhängig von Zwischenrufen managen. So oft wie Macron von "Dialog" spricht, könnte man meinen, dass sein Politikstil auf Ausgleich und lebendiger Debatte beruhe. Das stimmt nicht. Wenn Macron sagt, er höre zu, dann bedeutet es nicht, dass er einen Rat annimmt. Dieses "ich höre zu" bedeutet: Ich registriere, dass du die Dinge anders siehst als ich, weil du mich nicht richtig verstanden hast. In Macrons Vision für Frankreich lassen sich alle Widersprüche auflösen. Es gibt keine zerstrittenen Lager mehr, sondern einen gemeinsamen Glauben an gute Lösungen. Dieser Pragmatismus gepaart mit Pathos hat etwas sehr Verführerisches, er hat Macron ins Amt gebracht.

Doch Macron steht nun vor dem Problem, dass sich die zerstrittenen Lager umformiert haben. Der aktuelle Kampf, der jedes Wochenende erneut zu revolutionsartigen Szenen führt, wird nicht zwischen links und rechts ausgetragen. Er wird als Kampf zwischen unten und oben geführt. Die Gelbwesten zerstören nicht deshalb Banken und Geschäfte, weil sie als Linke gegen das kapitalistische System an sich wären. Sie entwerfen keine neue, gerechtere Welt. Sie sind von Frust und Wut getrieben. Aus diesem Blickwinkel wird Macron zur Zielscheibe, weil er das "Oben" markiert. Er hat in einer Bank Millionen verdient. Das Beispiel Donald Trumps zeigt zwar, dass es auch obszön reichen Menschen gelingen kann, sich als Vertreter der schlechter Gestellten zu profilieren. Doch anders als Trump relativiert Macron seine gehobene Stellung nicht mit gezielter Vulgarität. Für viele Franzosen repräsentiert Macron den abgehobenen Streber, der auf alle hinabblickt, die nicht so belesen und erfolgreich sind wie er.

Die Herablassung, mit der sich Macron immer wieder über weniger Gebildete und weniger Selbstbewusste geäußert hat, wurde im übrigen Europa kaum registriert. In Frankreich jedoch wurde sie gnadenlos abgespeichert. Es stimmt nicht, dass Macron in seiner Politik nur die oberen Zehntausend begünstigt hätte. Gerade seine Bildungspolitik zielt darauf ab, mehr Menschen Zugang zu Arbeit und einem selbstbestimmten Leben zu ermöglichen. Doch Macron verlässt sich nicht darauf, dass seine Politik überzeugen könnte. Er will höchstpersönlich eine Erfolgsgeschichte verkörpern. Seit Sommer kann man Fanartikel mit seinem Konterfei im Élysée-Palast kaufen, als sei er ein Popstar.

Macron und die Gilets jaunes haben beide auf ihre Weise die Logik der Fünften Republik tief verinnerlicht: Ein großer Einzelner soll alles richten. Dieser große Mann bin ich, sagt Macron. Dieser große Mann sind wir, sagen die Gelbwesten. Sie fordern Volksabstimmungen, statt repräsentativer Demokratie. Es wird sich zeigen, ob sie sich noch mit den finanziellen Zuwendungen besänftigen lassen, die Macron ihnen nun versprochen hat.

Politik Frankreich Macrons politische Kursänderung

Frankreich

Macrons politische Kursänderung

Der Präsident kommt den protestierenden Gelbwesten steuer- und sozialpolitisch weiter entgegen. Seine Zugeständnisse reißen ein Loch in die Staatskasse.   Von Leo Klimm