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Frankreich:Es gibt keinen Besseren für den Élysée-Palast als Macron

Emmanuel Macron, Kopf der politischen Bewegung "En Marche".

(Foto: AFP)

Die Franzosen sind ihrer Alt-Politiker überdrüssig. Auch die Polarisierung zwischen Rechten und Linken missfällt vielen. Das erhöht die Chancen des Weltbürgers Emmanuel Macron.

Kommentar von Christian Wernicke

Er ist der andere. Der Neue, der die althergebrachte "Classe dirigeante" in Paris aufmischt. Der Optimist, der gegen die Untergangsstimmung und den Missmut vieler seiner Landsleute aufbegehrt. Emmanuel Macron will der Erneuerer sein, der seine Nation aus dem jahrzehntelangen Reformstau befreit. Eine "Revolution" verheißt dieser parteilose Außenseiter, der urplötzlich gute Chancen hat, im Mai nächster Präsident der Republik zu werden. Falls er gewinnt, schwört der Franzose, werde er doch bleiben, was er ist: überzeugter Europäer, Weltbürger.

Schon jetzt ist dieser Macron das Glückskind der politischen Saison. Denn seine Gegner erscheinen wild entschlossen, diesem Neuling unfreiwillig den Weg zur Macht zu eröffnen. So etwa, wie es an diesem Wochenende die Sozialisten taten, die von Amtsinhaber François Hollande zerrüttete Regierungspartei: Da verlor im ersten Durchgang der linken Vorwahl der Favorit Manuel Valls gegen einen Links-Utopisten namens Benoît Hamon.

Der Unbekannte in den Fußstapfen von Parteigründer François Mitterrand ist ein aufrechter Gesinnungslinker. Hamon begeistert linke Nischenwähler und alternative Klubs mit Forderungen nach freiem Cannabis und universellem Grundgehalt. Nur, bei der Präsidentschaftswahl winken diesem PS-Aspiranten nicht mal zehn Prozent der Stimmen. Sollte Ex-Premier Valls wie erwartet am Sonntag die Stichwahl verlieren, räumt der PS die politische Mitte. Ein freies Feld für Macron.

Macron steht an der Schwelle zur Macht

Solcherlei Gefälligkeit widerfährt Macron nicht zum ersten Mal, Frankreichs Rechte half ihm ähnlich: Im November kürten die oppositionellen Republikaner den grimmig-konservativen Ex-Premier François Fillon zu ihrem Kandidaten, der nun mit dem Vorwurf der Scheinbeschäftigung seiner Frau Schlagzeilen macht. Gemäßigte Mitte-rechts-Wähler laufen massenhaft zu Macron über. Die Versammlungen seiner Bewegung "En Marche" sind überfüllt, allen voran Jungwähler bejubeln ihren "französischen Obama" und schwenken Europafahnen. Umfragen sprechen dem Himmelstürmer bereits 20 Prozent der Stimmen zu, in der Wählersympathie liegt er nur noch knapp hinter Fillon.

Macron, der andere, steht an der Schwelle zur Macht. Denn gemäß der Logik des französischen Mehrheitswahlrechts gilt: Wer auch immer am 23. April, dem Tag des ersten Durchgangs der Präsidentschaftswahl, Zweiter wird hinter der Rechtspopulistin Marine Le Pen, der wird - getragen von Millionen Stimmen gegen den Front National (FN) - bei der Stichwahl am 7. Mai neuer Präsident.

Kann das klappen - ein 39-jähriger Novize als Präsident? Es kann. Macron profitiert davon, dass Frankreichs etablierte Parteien an Bindungskraft verlieren. Zudem genießen die Franzosen es, die alte Garde aus den Palästen zu verjagen: Nicolas Sarkozy, Alain Juppé, François Hollande und nun Manuel Valls - ihnen allen verwehrte das Volk eine neue Chance.

Macron verweigert sich der alten Denkordnung

Macron, selbst ein Zögling elitärer Kaderschmieden der Republik, bedient diese Lust auf Neues. Nicht nur mit seinem strahlenden, fast jugendlichen Antlitz. Auch per Programm. Macron verweigert sich der alten Denkordnung, die alle Politik nach dem Rechts-links-Schema sortierte. Macron praktiziert, worüber viele sonst theoretisieren: dass rote, schwarze oder blaue Parteifarben verblassen, dass eine neue Trennlinie die Politik beherrscht. Er sieht sich als Verfechter einer modernen, pluralistischen Gesellschaft, inklusive globalisierter Wirtschaft und europäischer Integration.

Keiner wettert leidenschaftlicher als er gegen Abschottung, Neo-Nationalismus und Fremdenhass. Macron, der Weltbürger und Globalisierungsgewinner, ist so der eigentliche Gegner von Marine Le Pen, der FN-Chefin und selbsternannten Advokatin aller "Vergessenen". Beide, Macron wie Le Pen, nennen ihre Bewegungen "weder links noch rechts". Und beide versprechen auf ihre Weise, Frankreichs tradiertes "System" der Parteiendemokratie überwinden zu wollen.

Ob Macron das gelingt, weiß er selbst nicht. Sein Programm ist nur halbfertig, gleichzeitig lockt der rasante Vormarsch seiner Anti-Partei "En Marche" immer mehr Mitläufer aus den etablierten Parteien an, vor allem verzagte Sozialisten. Der eigene Erfolg könnte den Zauber seines Neuanfangs ruinieren. Macron spürt, wie "das System" ihn einholt, ihn umzingelt. Vorige Woche hat er gewarnt, seine Bewegung sei kein Auffangbecken für gescheiterte Politiker. Und er hat Präsident Hollande, seinen einstigen Ziehvater, öffentlich gebeten, ihn bitte nicht zu unterstützen.

Macrons Marsch ist ein Abenteuer. Ob er sein Ziel, den Élysée-Palast, erreicht, bleibt ungewiss. Nur: Einen Besseren als diesen anderen können Frankreich und Europa nicht finden.

© SZ vom 24.01.2017/dayk/lalse

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