Wenige Tage vor der geplanten Räumung des Flüchtlings-Slums von Calais haben elf Hilfsorganisationen der französischen Regierung vorgeworfen, sie riskiere "eine humanitäre Katastrophe". Die NGOs, darunter die französische Caritas und die Vereinigung "L'Auberge des Migrants", sehen die Menschenrechte der Flüchtlinge - unter ihnen etwa 1300 Kinder und Jugendliche ohne Begleitung - missachtet. Die Gruppen wollen vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen den Abriss der Zeltstadt erwirken. Paris plant, die derzeit noch 6500 Dschungel-Bewohner in provisorischen Aufnahmezentren übers ganze Land zu verteilen. Dort sollen die Flüchtlinge dann Asyl in Frankreich beantragen. Bisher werden ungefähr sieben von zehn Asylanträge aus Calais anerkannt.
Die allermeisten Flüchtlinge sind in Calais gelandet, weil sie illegal nach Großbritannien einreisen wollten. Hohe Zäune und bis zu 2000 Polizisten machen es inzwischen fast unmöglich, in den Eurotunnel oder in den Fährhafen vorzudringen. Paris hat sich 2003 verpflichtet, die britische Grenze auf der französischen Seite des Ärmelkanals zu schützen. Die Hilfsorganisationen schätzen, dass jeder zweite Flüchtling mittlerweile in Frankreich bleiben wolle. "Aber für die Tausenden, die weiterhin nach England wollen, ist nichts vorgesehen", bemängelt Christian Salomé, Sprecher der "L'Auberge des Migrants". Auch sei es illusorisch zu glauben, dass keine neuen Flüchtlinge mehr nach Calais kämen: "Was soll aus denen werden?"
Bisher hilft der französische Staat in Calais, indem er am Rande des Dschungels in einem früheren Ferienheim täglich bis 4500 Essensrationen austeilen lässt. Mit EU-Zuschüssen wurde zudem im Januar dieses Jahres ein Containerdorf errichtet, in dem 1500 Migranten unterkommen. Innenminister Bernard Cazeneuve, der die ab 24. Oktober anstehende Räumung eine "humanitäre Operation" nennt, will diese Hilfsstrukturen offenbar ersatzlos streichen. Salomé warnt, dann würden viele Migranten im Raum Calais in Büschen oder Hauseingängen überwintern - oder ins nahe Belgien weiterziehen.
Nach ersten Ankündigungen der Räumung haben in den vergangenen drei Wochen bereits bis zu 3000 Flüchtlinge Calais verlassen. Das erleichtert der Regierung nun die geplante Umsiedlung: Seit September hat das Innenministerium überall im Land 7000 neue Plätze in Aufnahmezentren herrichten lassen. Dagegen gab es in etlichen Städten und Dörfern Proteste und Demonstrationen. Teile der oppositionellen Republikaner sowie der rechtsextreme Front National riefen die Bürgermeister zum Widerstand gegen die Regierungspläne auf. Sie kritisieren, die linke Regierung schaffe vielerorts "Mini-Calais".
Bereits im Frühjahr hatten Sondereinheiten der Nationalpolizei den Südteil des Dschungels geräumt. Dabei gab es gewaltsame Ausschreitungen. Die britische Organisation "Help Refugees" bemängelt, seit dem Teilabriss seien über hundert Minderjährige, die sich allein nach Calais durchgeschlagen hatten, verschollen. Innenminister Cazeneuve bedrängt die Regierung in London, wenigstens einen Teil der aktuell 1300 Kinder und Jugendlichen im Lager nach Großbritannien einreisen zu lassen. Laut einer neuen Erhebung der Organisation "France Terre d'Asile" geben 40 Prozent der Jugendlichen an, sie hätten auf der Insel einen nahen Verwandten. Demnach hätten viele sogar einen Rechtsanspruch auf Einreise.
