Frankreich:Die gute Milch wird knapp

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Frankreich: Für das AOP-Siegel für französischen Käse gelten strenge Auflagen, zum Beispiel welches Gras die Kühe fressen dürfen. Diese hier grasen in La Clusaz in der Region Auvergne-Rhône-Alpes.

Für das AOP-Siegel für französischen Käse gelten strenge Auflagen, zum Beispiel welches Gras die Kühe fressen dürfen. Diese hier grasen in La Clusaz in der Region Auvergne-Rhône-Alpes.

(Foto: Jeff Pachoud/AFP)

Der Klimawandel bedroht den französischen Käse. Weil den Kühen das Gras fehlt, lockern die Behörden die Auflagen des renommierten AOP-Siegels. Nicht allen gefällt das.

Von Kathrin Müller-Lancé

Beschäftigt man sich mit Frankreich und Käse, landet man schnell beim großen Charles de Gaulle, der sich, so die Überlieferung, einmal fragte, wie man ein Land mit 246 Käsesorten regieren solle. Wie genau der General seinerzeit auf diese Zahl kam, ist nicht bekannt. Fest steht - heute: Es gibt 46 Käsesorten in Frankreich, die das renommierte Siegel "Appellation d'origine protégée" (AOP) tragen, deren Herkunft also geschützt ist. Darunter der Klassiker, Camembert aus der Normandie, der elegante Comté aus der Franche-Comté, der olfaktorisch herausfordernde Maroilles aus der Picardie.

Doch die französische Käsevielfalt ist bedroht - nicht nur durch billige Supermarktware, sondern auch durch den Klimawandel. Die Dürreperioden in diesem Sommer haben den Käsebauern und ihren Tieren zugesetzt. Auf den ausgetrockneten Weiden bekamen die Ziegen, Schafe und Kühe in vielen Regionen weniger zu fressen und gaben weniger Milch als sonst. Mit Kraftfutter zufüttern geht aber nicht so einfach, wenn am Ende ein AOP-Label auf dem Käse kleben soll.

Die Auflagen für das Siegel sind streng: Die Milch darf oft nur von bestimmten Rassen aus einer bestimmten Region kommen, beim Comté zum Beispiel von den Rinderrassen Montbéliard und Simmental, die Tiere dürfen nur Gras und Heu aus der Region gefressen haben. "Unsere Wiesen waren im Sommer gelb statt grün", sagt der Vorsitzende des französischen Comté-Verbandes (ja, den gibt es), Alain Mathieu. Die Bauern hätten deshalb schon im Sommer Heu verfüttern müssen, das eigentlich für den Winter vorgesehen war. Noch in der vergangenen Woche befanden sich nach Angaben des französischen Umweltministeriums 70 Départements wegen Trockenheit im Krisenstatus.

"Wenn die Ressourcen zurückgehen, geht auch die Produktion zurück", sagt Mathieu. Viele Käsehersteller haben die zuständige Kontrollbehörde deshalb aufgefordert, Ausnahmen zu genehmigen - zum Beispiel, um auch Futter aus anderen Gebieten zuzulassen oder die Zahl der Weidetage zu senken. Für den Blauschimmelkäse Fourme de Montbrison dürfen die Kühe jetzt zu 20 Prozent auch Futter fressen, das nicht aus dem eng abgesteckten Gebiet kommt.

Insgesamt hat das Institut national de l'origine et de la qualité (Inao), das über das AOP-Siegel wacht, 15 Ausnahmeregelungen für Käse zugelassen. Einige Anfragen stehen noch aus. "Wir gehen davon aus, dass etwa die Hälfte aller AOP-Käse betroffen ist", sagt Behördenchefin Carole Ly.

Nicht allen gefällt das. Es geht immerhin, siehe Charles de Gaulle, um ein nationales Kulturgut. Die strengen Auflagen garantierten beste Qualität, sagen die Kritiker, die Ausnahmen enttäuschten das Vertrauen der Verbraucher. "Es handelt sich nur um eine temporäre Regelung und geringe Anpassungen", sagt Inao-Chefin Ly. Die aktuellen Ausnahmen sollen bis zum nächsten Frühjahr gelten.

Schon jetzt gibt es aber auch Vorstöße, die AOP-Auflagen grundsätzlich zu überarbeiten. Der Comté-Verband zum Beispiel setzt sich dafür ein, die Weidefläche pro Kuh zu erhöhen, um in guten Zeiten den Heuvorrat auffüllen zu können. Der französische Landwirtschaftsminister sagte kürzlich in einem Interview, die geschützten Herkunftsbezeichnungen und ihre Anforderungen stammten noch aus einer Zeit vor dem Klimawandel. Es sei deshalb durchaus wahrscheinlich, dass man sie in Zukunft anpassen müsse.

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