Linke:Großväterchens Sexappeal

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Linke: Kreativer Stil: Jean-Luc Mélenchon machte am Dienstag mit Hilfe von Hologramm-Übertragungen in zwölf Städten gleichzeitig Wahlkampf.

Kreativer Stil: Jean-Luc Mélenchon machte am Dienstag mit Hilfe von Hologramm-Übertragungen in zwölf Städten gleichzeitig Wahlkampf.

(Foto: Daniel Cole/AP)

Antieuropäisch, russlandfreundlich und voll ökologisch: Warum dem Altlinken Jean-Luc Mélenchon immer mehr Franzosen in letzter Zeit so einiges abgewinnen können.

Von Nadia Pantel, Paris

Und falls doch alles anders kommt als vorausgesagt? Es sind noch drei Tage bis zum ersten Wahlgang in Frankreichs Präsidentschaftswahl, und Jean-Luc Mélenchon ist weit davon entfernt aufzugeben. Noch sieht zwar keine Umfrage den 70-Jährigen die Stichwahl am 24. April erreichen, aber die Tendenz für Mélenchon ist deutlich: stetig und beharrlich aufwärts. Mitte März lag der linksextreme Kandidat bei zwölf Prozent in den Umfragen, inzwischen sind es 16. Das sind zwar gut vier Prozentpunkte weniger als bei der zweitplatzierten Marine Le Pen, aber Mélenchon versammelte in dieser Woche noch einmal Zehntausende für seine Wahlkampfmeetings.

Bereits bei der Wahl 2017 scheiterte Mélenchon nur knapp daran, in die Stichwahl einzuziehen, er erreichte 19,6 Prozent der Stimmen. Damals wie heute setzte er auf einen kreativen, stark auf seine Person zugeschnittenen Wahlkampf. Am Dienstag bespielte er mit einer Hologramm-Technik zwölf Städte gleichzeitig. Wie auch vor fünf Jahren sind viele seiner Anhänger junge, überzeugte Linke. Anders als 2017 wirkt Mélenchon diesmal jedoch weniger wie ein Popstar der Empörten, sondern wie der getreue Großvater der Revolution. Ein Image, das sein Kampagnenteam unterstreicht, indem es den ergrauten Mélenchon besonders häufig mit Kindern und Jugendlichen filmt.

Eines ist bestimmt so: Sein Programm ist klar und kohärent

Mélenchon hatte bereits im November 2020 seine Kandidatur erklärt, er war einer der Ersten, der ein ausgearbeitetes Programm vorstellte. Selbst seine Gegner erkennen an, dass sein politisches Angebot klar und kohärent ist. Mélenchon sieht sich als Antikapitalist, der freie Markt bringe nur "Chaos" und müsse durch eine Art ökologische Planwirtschaft ersetzt werden. Zu Mélenchons Wahlversprechen gehören unter anderem die Einführung einer zusätzlichen Ferienwoche, die Rente ab 60 Jahren, der hundertprozentige Umstieg auf erneuerbare Energien und eine deutlich höhere Besteuerung der Besserverdienenden. Außerdem verspricht er als einziger Kandidat das Ende des Präsidialsystems und die Schaffung einer Sechsten Republik.

Würde es Mélenchon gelingen, in die Stichwahl einzuziehen, würde das die Debatten vor der Stichwahl in eine deutlich andere Richtung verschieben. Das Duell Emmanuel Macron versus Marine Le Pen würde darauf aufbauen, einen liberalen Gesellschaftsentwurf gegen einen nationalistischen zu stellen. Mit Mélenchon müsste Macron jedoch über grundsätzliche Fragen der Umverteilung debattieren.

Zu Mélenchons Qualitäten gehören sein unbestreitbares Talent für große, öffentliche Auftritte und seine ideologische Entschiedenheit. Was ihm wiederum häufig Komplimente seines rechtsextremen Konkurrenten Éric Zemmour einbringt. Zemmour behauptet, Mélenchon sei, wie er, "einer der letzten Intellektuellen" der französischen Politik. Mélenchon ließ sich auf dieses Kräftemessen insofern ein, als dass er bereits im September 2021 eine TV-Debatte mit Zemmour führte, als der noch nicht einmal offizieller Kandidat war.

Gleichzeitig sind die Hindernisse für Mélenchons weiteren Aufstieg zahlreich. Nicht zuletzt, weil sich andere linke Kandidaten weigern, sich ihm anzuschließen. Weder die Sozialistin Anne Hidalgo noch der grüne Yannick Jadot noch der Kommunist Fabien Roussel werden ihre Kandidaturen für Mélenchon zurückziehen. Zwar argumentiert Mélenchon, er sei der einzige Linke, der gewinnen könne, doch seine Konkurrenten werfen ihm seinen Populismus, seine verbalen Ausfälle und seine antieuropäische Haltung vor.

Linke: Seine Kompromisslosigkeit findet Anhänger: der linke Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon diese Woche in Lille.

Seine Kompromisslosigkeit findet Anhänger: der linke Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon diese Woche in Lille.

(Foto: Michel Spingler/dpa)

Tatsächlich zählen Sozialdemokraten, insbesondere wirtschaftlich liberale Sozialdemokraten deutscher Prägung, zu Mélenchons klaren Lieblingsfeinden. Er begann seine politische Karriere in den Siebzigerjahren in der Parti Socialiste, verließ diese jedoch 2008 während der Finanzkrise aus Protest gegen die Austeritätspolitik. Er gründete nach Vorbild der Linken in Deutschland den "Parti de Gauche" und lud zum Gründungskongress auch Oskar Lafontaine ein. 2016 rief Mélenchon seine bis heute existierende Partei "La France insoumise" (LFI) ins Leben, das unbeugsame Frankreich. Die Partei wurde, ähnlich wie Macrons La République en Marche, als eine verpflichtungsarme Online-Bewegung konzipiert mit einer eindeutigen Führungsfigur an der Spitze: Mélenchon. In Mélenchons Rhetorik klingt es, als seien Macron und Le Pen nicht nur Konkurrenten, sondern zwei Seiten einer Medaille. 2017 hatte er seine Anhänger vor der Stichwahl nicht dazu aufgefordert, Le Pen zu verhindern.

Die Gelbwesten wollten mit Mélenchons Leuten nichts zu tun haben

Während der Amtszeit Macrons war Mélenchons LFI zwar in der Nationalversammlung deutlich zahlreicher vertreten als Marine Le Pens Rassemblement National und machte auch offensivere Oppositionspolitik (zum Beispiel gegen die Liberalisierung des Arbeitsmarktes). Doch Wahlerfolge verzeichnete die Partei in den vergangenen fünf Jahren kaum. Vor allen Dingen gelang es ihr nicht, den Unmut der Gelbwesten-Bewegung für sich zu nutzen. Die Gelbwesten gingen vom November 2018 an unter anderem für mehr soziale Gerechtigkeit und mehr direkte Demokratie auf die Straße. Beides Kernthemen von Mélenchon. Doch die Gelbwesten misstrauten der LFI ebenso wie den anderen politischen Parteien.

Auch innerhalb der Linken steht Mélenchon für seine außenpolitische Linie in der Kritik. Mélenchon will sowohl aus der Nato austreten als auch die europäischen Verträge möglicherweise aufkündigen. Seine antideutsche Haltung dokumentierte Mélenchon unter anderem in seinem Buch "Der Bismarckhering", mit dem er sich 2015 gegen die Berliner Stabilitätspolitik richtete. Der Grüne Yannick Jadot griff Mélenchon im Wahlkampf wiederholt für dessen russlandfreundlichen Kurs an. Im Januar sagte Mélenchon noch: "Ich bin überzeugt, man kann mit den Russen ganz normal reden." Jetzt verurteilt er regelmäßig den Angriff auf die Ukraine.

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