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Frankreich im Wahlkampf:Ich rette deine Firma, du rettest meine Wahl

Staatshilfe als Wahlkampf-Strategie: So hingebungsvoll wie im Moment kämpfen Frankreichs Politiker selten für meist unbekannten Pleite-Kandidaten in der Industrie. Pech hat, wer nicht pünktlich zu den Wahlen in Zahlungsschwierigkeiten geraten ist. Gerettet wird nur, wer Stimmen bringt.

Nicolas Sarkozy rauschte wie die rettende Feuerwehr an, wieder einmal. "Wir werden diese Firma retten", raunte er mit martialischem Unterton, umringt von Mikrofonen und Kameras. Der Wahlkämpfer und amtierende Staatspräsident wollte mit seinem Blitzbesuch in der Provinz vor allem eine Botschaft unters Volk bringen: "Ich habe wieder eine Firma vor dem Aus bewahrt". Diesmal die Aluminium-Gießerei von Poitou. Sie ist nicht die erste Firma, der Sarkozy beherzt beigesprungen ist. Sie ist vorerst aber wohl die letzte Fabrik, die gewissermaßen Glück im Unglück hat. Allein wegen des Terminkalenders. Denn die Gießerei ist mitten im Wahlkampf pleite gegangen - und genau deswegen jetzt noch schnell gerettet worden.

France's President and UMP party candidate for his re-election, Nicolas Sarkozy, speaks to employees at the Poitou foundry in Ingrandes

Nicolas Sarkozy in Poitou: Alle wissen, dass die Rettungsaktionen in erster Linie aus politischem Kalkül erfolgen, allen voran die Mitarbeiter.

(Foto: REUTERS)

So hingebungsvoll wie in Wahlkampfzeiten kämpfen Frankreichs Politiker selten für die meist unbekannten Pleite-Kandidaten in der Industrie. Pech für alle anderen Firmen, die vorher oder nachher in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Der Wahlkampf geht nun vorbei. Am Sonntag wird gewählt. Am 6. Mai kommt es zur Stichwahl.

Das Bizarre: Alle wissen, dass die Rettungsaktionen in erster Linie aus politischem Kalkül erfolgen, allen voran die Mitarbeiter. Annick Girard, kurze Haare, Brille, seit 31 Jahren in der Gießerei, resümiert lakonisch: "Das ist reine Politik. Die wollen ein paar Stimmen mehr zusammenkratzen". Auch die Kommentatoren in den Medien urteilen harsch. "Ein ausschließlich wahltaktisches Manöver", befindet der Wirtschaftsexperte in den Hauptnachrichten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Obwohl die Strategie durchsichtig ist, lässt die Regierung nicht davon ab: Ein halbes Dutzend Unternehmen stand bis zuletzt auf ihrer Prioritätenliste ganz oben. Vor allem Staatskonzerne nimmt sie in die Pflicht, sich an den Rettungsaktionen zu beteiligen. Ein Zulieferer des Auto-Herstellers Renault, an dem der Staat mit 15 Prozent beteiligt ist, steigt deshalb jetzt bei der Gießerei ein und rettet vorerst knapp 400 Arbeitsplätze.

Bisweilen müssen die Staatskonzerne auf Druck der Regierung gegen ihren Willen Pleite-Kandidaten übernehmen. Den Photovoltaik-Betrieb Photowatt mit seinen 350 Mitarbeitern kaufte der staatliche Atomstromkonzern EdF nur widerwillig für einen symbolischen Preis von vier Euro, nachdem dessen Chef höchstpersönlich von der Regierung einbestellt worden war.

Ähnlich wurden die 800 Jobs beim Transportunternehmen Sernam gerettet. Die Regierung überzeugte die Staatseisenbahn SNCF davon, dass sich ihr Tochterunternehmen Geodis der Pleitefirma annehmen soll. In einem Fall, so monieren Kritiker, fand Sarkozy sogar eine Lösung unter Freunden: Der Reizwäsche-Hersteller Lejaby meldete kurz vor Weihnachten Insolvenz an. Das Aus wurde in der Öffentlichkeit zum Symbol des Niedergangs der französischen Textilindustrie stilisiert.