Protest der Gelbwesten Das Gesicht des zornigen Frankreichs

Die Krankenpflegerin Ingrid Levavasseur soll als Spitzenkandidatin bei der Europawahl antreten.

(Foto: dpa)

Die Krankenpflegerin Ingrid Levavasseur will die Wut der Straße ins Parlament tragen - und als Spitzenkandidatin bei der Europawahl antreten. Sie steht für die Nöte vieler im Land.

Porträt von Nadia Pantel, Paris

Ingrid Levavasseur will Frankreich nicht verändern, sie will das Land revolutionieren. Daran lässt allein schon das Foto keinen Zweifel, das sich die Krankenpflegerin aus der Normandie auf Facebook als Profilbild ausgesucht hat. Mit dem rechten Arm reckt sie eine Frankreichfahne in die Höhe, wie die berühmte Barrikadenkämpferin auf Eugène Delacroix' Gemälde "Die Freiheit führt das Volk". Das bald 200 Jahre alte Bild entwickelte sich zur internationalen Ikone des Widerstands, Levavasseur wiederum wurde in den vergangenen Monaten zu einem der Gesichter des zornigen Frankreich. Denn sie trägt nicht nur eine Frankreichfahne, sondern auch bei jedem öffentlichen Auftritt eine gelbe Warnweste. Sie gehört zu den am meisten interviewten Menschen der "Gilets jaunes".

Nun will Ingrid Levavasseur die Wut der Straße ins Parlament tragen: Am Mittwochabend verkündete sie, dass sie eine Liste von Gilets jaunes anführt, die bei den Wahlen zum Europaparlament im Mai antreten will.

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Ziel sei es, "Wut in ein menschliches politisches Projekt zu verwandeln", wie eine der Anführerinnen der Bewegung sagt. Einer Umfrage zufolge könnten die Gelbwesten in Frankreich auf dem dritten Platz landen.

Die 31-Jährige steht exemplarisch für die Nöte und Überzeugungen von vielen, die sich den Gelbwesten angeschlossen haben. Der Lohn ihrer Arbeit als Krankenpflegerin reicht kaum aus, um ihrer Familie ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Sprach man in den vergangenen Wochen mit den Menschen, die in Paris und anderen Städten demonstrierten, hörte man besonders häufig, wie schwer es alleinerziehende Mütter haben. Auch Ingrid Levavasseur ist mit ihren zwei Töchtern allein. Die Forderungen, die sie stellt, zeigen, wie sehr es ihr ums Grundsätzliche geht. So will sie geringere Steuern auf Grundnahrungsmittel durchsetzen.

Anfeindungen sind für Levavasseur nichts Neues

In Frankreich war mit Spannung darauf gewartet worden, ob und wann sich die ersten Gelbwesten entschließen würden, in die Politik zu gehen. Aktuell wird damit gerechnet, dass 13 Prozent der Wähler für die Gilets jaunes stimmen werden. Doch ein Erfolg ist für Levavasseur noch nicht sicher. In den sozialen Netzwerken, wo die Gilets jaunes entstanden und sich organisieren, wurde sie umgehend dafür angegriffen, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Maxime Nicolle, der unter dem Pseudonym "Fly Rider" Hunderttausende auf Facebook erreicht, nannte Levavasseurs Kandidatur einen "Verrat". Durch Wahlen könne man keine wirklichen Veränderungen erreichen.

Anfeindungen sind für Levavasseur nichts Neues. Sie war im Laufe der Proteste zum Liebling verschiedener Medien geworden, da sie sich besonders natürlich, direkt und klar ausdrückt. Der Fernsehsender BFM bot ihr eine Co-Moderation für politische Debatten an. Levavasseur lehnte ab - und wurde dennoch von Gelbwesten massiv beschimpft. Die Bewegung ist dem Sender BFM in einer Art Hassliebe verbunden. Sie beschuldigt ihn, die gewalttätigen Ausschreitungen bei den Protesten zu dramatisieren. Gleichzeitig gehören die Videos von BFM zu den meist geteilten Beiträgen in den Facebook-Foren der Gelbwesten.

Levavasseurs Liste verzichtet im Namen auf eine Nennung der Gelbwesten. Sie tritt für das "Ralliement d'initiative citoyenne" (RIC), "Sammlung der Bürgerinitiative" an. Die Abkürzung RIC spielt im Französischen auf die Volksabstimmung an, die viele Gilets jaunes fordern. Bislang stehen neben Levavasseur neun weitere Menschen auf der Liste, darunter ein Jurist, eine Hausfrau, ein Unternehmer, ein Beamter. Bis Februar soll die Liste auf 70 Kandidaten anwachsen. Wer mitmachen möchte, kann sich in einem internen Wahlverfahren bewerben. Um zur Wahl zugelassen zu werden, müssen Levavasseur und ihre Mitstreiter noch ein Budget von 700 000 Euro aufstellen, das durch Spenden zusammenkommen soll.

Es ist gut möglich, dass Levavasseurs Liste nicht der einzige Versuch bleibt, die Bewegung in die Politik zu führen. Beim französischen Patentamt haben mehrere Personen Variationen der Marke "Gilets jaunes" schützen lassen.

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