Frankreich Frankreich hat seine Lehren aus dem Anschlag in Nizza gezogen

Polizisten patrouillieren auf dem Weihnachtsmarkt in Nizza.

(Foto: dpa)
  • Nizza und ganz Frankreich haben Lehren aus dem Attentat vom 14. Juli gezogen.
  • Auf den Champs-Élysées in Paris patrouillieren wieder Soldaten mit Sturmgewehren über den Weihnachtsmarkt.
  • Nizza will nun auch am Ort des Schreckens umlernen und umbauen.
Von Christian Wernicke, Paris

Das Beileid aus Nizza kam eine Stunde vor Mitternacht. "Ich bin ein Berliner", twitterte Philippe Pradal, der Bürgermeister jener südfranzösischen Stadt, auf deren Strandpromenade am 14. Juli ein islamistischer Attentäter 85 Menschen mit einem Lkw überrollt und ermordet hat. Nizza, so glaubt Pradal, war das schreckliche Vorbild für den Terror in Berlin: "Dieselbe Vorgehensweise. Dieselbe blinde Gewalt. Derselbe Hass auf glückliche Menschen", schrieb der konservative Franzose. Am Freitagvormittag setzte Monsieur le Maire noch ein Zeichen: Pradal besuchte den Weihnachtsmarkt in Nizzas Innenstadt und ließ sich mit Polizisten bei der Sicherheitskontrolle fotografieren.

Der Kondolenz-Tweet aus Nizza wirft eine heikle Frage auf: Hätte, wenn Berlin rechtzeitig vom Horror in Nizza gelernt hätte, der Mörder vom Breitscheidplatz gestoppt werden können? Indem Bürgermeister Pradal per Ferndiagnose nun an der Spree "dieselbe Vorgehensweise" des Täters zu erkennen glaubt wie vor fünf Monaten auf der Promenade des Anglais, erinnert er an eine fatale Sicherheitspanne im Juli: Videoaufnahmen und Zeugenaussagen belegten damals, wie leicht der Terrorist seinen Lkw in die Menge hatte lenken können. Zu wenige Polizeiwagen versperrten ihm den Weg, zudem fehlten Beton-Blockaden, die den Todesfahrer hätten aufhalten können.

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Frankreich hat Lehren aus dem Attentat vom 14. Juli gezogen

Nizza und ganz Frankreich jedenfalls haben Lehren aus dem Attentat vom 14. Juli gezogen. Sofort. Bei jedem noch so kleinen Dorffest blockieren seit dem Sommer Betonpoller, Polizeiwagen oder notfalls Trecker die Zufahrten zu Buden und Ständen. Polizisten, Gendarmen oder private Sicherheitskräfte kontrollieren regelmäßig die Taschen und Rucksäcke der Besucher. Jetzt, da in Straßburg, Paris oder Nantes traditionelle Weihnachtsmärkte locken, werden auch Mäntel und Anoraks der Passanten abgetastet. "Wir brauchen unsere Sicherheitsmaßnahmen nicht zu verstärken - sie sind bereits verstärkt", sprach Frankreichs Innenminister Bruno Le Roux am Dienstag, "steigern können wir nur unsere Vorsicht und Aufmerksamkeit."

Frankreich musste - früher und schmerzlicher noch als bisher die Bundesrepublik - lernen, mit dem islamistischen Terror zu leben. Erste Anschläge gab es bereits in den 90er-Jahren, spätestens seit den Attentaten auf die Satirezeitung Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt im Januar regiert in den Köpfen der Franzosen "la terreur" (der Schrecken). Seit dem 13. November 2015 von Paris mit 130 Todesopfern gilt obendrein der Ausnahmezustand: Erst vorige Woche hat die Nationalversammlung die erweiterten Polizeivollmachten samt Wohnungsdurchsuchungen und Hausarresten ohne richterliche Genehmigung bis zum 15. Juli 2017 verlängert. Der Notstand ist Alltag - und war es schon, bevor "Nizza" geschah.

Höchste Alarmstufe gilt für Eislaufbahn und Riesenrad

Was es heißt, Lehren aus dem 14. Juli 2016 zu ziehen - das lässt sich in Nizza selbst beobachten. Die Eingänge zum lokalen Weihnachtsmarkt im Stadtzentrum sind erstmals mit Kontrollschleusen wie an Flughäfen gesichert, Sicherheitskräfte halten Metalldetektoren in der Hand, um Verkaufsstände wie auch eine Champagner-Bar zu schützen. Höchste Alarmstufe gilt für Eislaufbahn und Riesenrad. Zwanzig rote Betonblöcke, das Stück 2,4 Tonnen schwer und mit Tannenbäumen bepflanzt, sowie 2,5 Meter hohe Metallpalisaden versperren die Straßen. "Wir suchen einen Kompromiss", beteuert Rudy Salles, der beigeordnete Bürgermeister für Tourismus, "die Menschen möchten Weihnachten feiern - aber nur in Sicherheit." Beides sei anno 2016 nicht mehr anders zu haben.

Auf den Champs-Élysées in Paris patrouillierten am Dienstag wieder Soldaten mit Sturmgewehren über den Weihnachtsmarkt. 10 000 Armeeangehörige sichern landesweit die Heimatfront im Anti-Terror-Krieg. Händler bestätigen, nicht weniger Kunden zu haben als am Vortag. Vor Berlin. Auch in Straßburg blühte das vorfestliche Geschäft. Der traditionelle Weihnachtsmarkt, schon mehrfach ein Ziel von (dann gescheiteren) Terrorplänen, konzentriert sich ganz auf die engen, durch Sperren und Kontrollen gesicherten Gassen der Altstadt. Auf dem Place Kleber stehen dieses Jahr keine Buden - im Fall der Fälle würde hier ein Notlazarett errichtet.

Nizza will nun auch am Ort des Schreckens umlernen. Und umbauen: Auf der Promenade des Anglais wird der Trottoir künftig strikt von der Straße getrennt, hohe Bordsteine, Pfähle und Stahlseile sollen verhindern, was am 14. Juli geschah. Und was sich, schrecklich ähnlich, nun in Berlin wiederholte: Das ein Lkw zur Waffe eines Terroristen wird.

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