Frankreich Einheimischer Hass

Was der Fall Finkielkraut über den Antisemitimus im Land sagt.

Von Joseph Hanimann

Für die Frage, wie antisemitisch Teile der Gelbwesten-Bewegung sind, erwies sich am Wochenende das scheinbar zufällige Erscheinen des Philosophen Alain Finkielkraut auf einem Pariser Boulevard als Prüfstein: Aktivisten pöbelten den Sohn eines KZ-Überlebenden massiv an und bedrohten ihn.

Seit seinem Buch "Der imaginäre Jude" aus dem Jahr 1981 hat dieser streitfreudige Intellektuelle immer wieder Kontroversen zu dem Thema ausgelöst. Als Mahner gegen den Israel- und Judenhass hatte er bislang hauptsächlich das Immigrantenmilieu im Auge. Bei den Vorstadtunruhen 2005 provozierte er mit Bemerkungen über eine ethnisch-religiöse Revolte von Schwarzen und Arabern. Den einheimischen rechts-nationalen Antisemitismus hielt er hingegen für weitgehend erledigt. Nun wurde er selbst dessen Opfer.

Der Fall zeigt, dass Antisemitismus in Frankreich keine Frage der politischen Couleur ist. Das ist auch ein Problem für den am heutigen Dienstag ausgerufenen Marsch gegen Antisemitismus. Als Demonstranten hätten viele Linke Alain Finkielkraut lieber nicht dabeigehabt. Nach dem Vorfall können sie aber nicht anders, als ihn willkommen zu heißen, falls er denn möchte. Dort wäre auch der Platz für kritische Denker, nicht nur für diesen: im Kampf gegen Judenhass, egal von wem er ausgeht.