Frankreich:Staub, Risse und Polemik

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Frankreich: Ausgetrocknete Garonne in Toulouse

Niedrigwasser: In der Garonne in Toulouse erheben sich Inseln aus dem Flussbett.

(Foto: Alain Pitton/Imago)

Die Dürre hat in Frankreich ein katastrophales Ausmaß erreicht. Fast jeder Bürger muss sich einschränken. Auch die Atomindustrie betrifft der Wassermangel. Und die Golfplatzbesitzer.

Von Thomas Kirchner

Einen von vielen traurigen Anblicken, die Frankreich derzeit beschäftigen, bietet die Loire. Der stolze Fluss ist bei Orléans derart wasserarm, dass ein Erwachsener beim Durchqueren nur bis zu den Knien nass wird. Auch der Fluss Verdon steht bis zu sechs Meter niedriger als in anderen Jahren. In der berühmten Verdon-Schlucht in der Provence, beliebt bei Kanu-Fahrern, fließt nur noch ein bräunliches, stinkendes Rinnsal.

Frankreich leidet unter extremer Dürre. Nach einem Winter mit sehr wenig Niederschlag erlebt das Land bereits die dritte Hitzewelle, und weil es dazwischen kaum geregnet hat, habe die Trockenheit ein "historisches" Ausmaß erreicht, sagte Premierministerin Élisabeth Borne. Es sei "die schlimmste Trockenheit, die in unserem Land jemals verzeichnet wurde", so Borne. Sie rief zum Wassersparen auf und richtete einen Krisenstab ein.

Im Juli regnete es 84 Prozent weniger als üblich, bei ohnehin schon sehr niedrigen Grundwasserständen. Betroffen sind große Teile des Landes, mit nur wenigen Ausnahmen wie Paris. Fast überall ist die Wassernutzung mehr oder weniger eingeschränkt. In mehr als 60 der 96 Départements auf dem Festland wurde die Krisenstufe ausgerufen. Dort dürfen Grünflächen und Hobbygärten nicht mehr bewässert, Oberflächen nicht mehr nass gereinigt, Autos nicht mehr gewaschen werden. In mehr als hundert Kommunen, vor allem im Osten, gibt es kein Trinkwasser. Die Menschen werden mit Lastern versorgt, die Kanalisation ist leer.

Man müsse sich an solche Zustände gewöhnen, sagte Umweltminister Christophe Béchu. Er versuchte die Bürger mit dem Argument zu beruhigen, dass ihre Bedürfnisse im Zweifel Vorrang hätten vor jenen der Industrie. Was nicht so leicht ist angesichts der Ausnahmen, die vor allem der Energieindustrie derzeit zugestanden werden. Notgedrungen, weil die Stromproduktion in der Nuklearnation Frankreich immer schwieriger wird.

Frankreich muss Strom einkaufen - in Deutschland

Atomkraftwerke nutzen Flusswasser zur Kühlung und leiten das wärmere Wasser anschließend wieder ein. Ist es zu warm, fehlt Fischen und anderen Tieren der Sauerstoff - und sie sterben. Früher lag der erlaubte Grenzwert bei 25 Grad Celsius, inzwischen bei 28. Dass eine Ausnahmeregelung für fünf Meiler nun bis 11. September verlängert wurde, damit sie wenigstens teilweise weiterproduzieren können, hat Umweltschützer auf den Plan gerufen.

Ohnehin läuft derzeit nur knapp die Hälfte der 56 Kernreaktoren mit voller Leistung. Das hat mit Wartungsarbeiten, mit Korrosion und Haarrissen zu tun - Problemen, die Frankreichs Atomindustrie seit Längerem plagen. Statt wie sonst Strom ins Ausland zu verkaufen, muss in diesem Sommer eine erhebliche Menge importiert werden, zum großen Teil aus Deutschland. Dafür zahlt der hoch verschuldete Kraftwerksbetreiber EDF viel Geld, das er sich wegen der Strompreisbremse der Regierung nicht von den Kunden zurückholen kann. Für den kommenden Winter sagen Experten eine möglicherweise kritische Versorgungslage voraus.

Auch die Landwirtschaft trägt verheerende Schäden davon. Gelb und braun statt grün liegen die Flächen vielerorts da, wie Satellitenbilder zeigen. Die Böden sind rissig und staubig, Flüsse trockengefallen, Pflanzen verdorrt, sogar die hitzeresistenten Olivenbäume haben kaum noch Feuchtigkeit in den Blättern. Verschärfend hinzu kommt der häufige Wind.

Ökologen sprechen von katastrophalen Folgen für die Artenvielfalt. In vier Départements brennen noch immer große Feuer, 47 000 Hektar Wald sind schon vernichtet worden. Experten rufen dazu auf, die Landwirtschaft grundsätzlich umzustellen, mehr anspruchslose Gewächse zu pflanzen, die mit der Trockenheit besser zurechtkommen. Den Mais etwa ersetzt auf etlichen Feldern bereits die aus Afrika stammende Sorghumhirse.

Präsident Macron macht Urlaub - am Wasser

Auch die Parteien greifen das Thema auf. Mehrere grüne und linke Politiker zeigten sich irritiert davon, dass Golfplätze ihre Greens weiterhin zumindest notdürftig bewässern dürfen. Ob man das nicht verbieten könne, fragte ein sozialistischer Senator. Auf vielen Plätzen sei das längst der Fall, entgegnete der Golfverband, man schränke sich ohnehin schon enorm ein.

Die Temperaturen werden in den kommenden Tagen hoch bleiben, prognostizieren die Meteorologen, aber keine Rekordwerte mehr erreichen. Erst für Anfang kommender Woche sei mit einem Wetterwechsel zu rechnen. Präsident Emmanuel Macron ist in dieser Krise ausnahmsweise mal nicht präsent, er macht Ferien an der Côte d'Azur. Bilder zeigen ihn im Meer vor Fort de Bregançon in einem Kanu. Meist sei er aber auf einem "großen Jetski" unterwegs, meint die Boulevardpresse zu wissen. Seine Frau Brigitte hingegen habe sich einen "elektrischen Unterwasserscooter" geleistet.

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