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Coronakrise in Frankreich:Zum medizinischen Notstandt gesellt sich der rassistische Blick

Am 26. März starb die 52-jährige Kassiererin Aïcha Issadounène im Krankenhaus. Drei Jahrzehnte hatte sie in einem der großen Supermärkte in Seine-Saint-Denis gearbeitet, in der Woche vor ihrem Tod wurde festgestellt, dass sie an Covid-19 erkrankt war. Der Markt, in dem Issadounène an der Kasse saß, war berühmt geworden, weil sich die Käufer dort am ersten Tag der Ausgangssperre so dicht drängten, dass spektakuläre Bilder im Fernsehen gezeigt wurden.

Der Wochenmarkt, wo man in Seine-Saint-Denis das günstigste Obst und Gemüse bekam, ist geschlossen, bleiben nur die Supermärkte. Es ist unklar, wo Issadounène sich ansteckte, bei der Arbeit oder auf dem Weg. Sicher ist nur, dass ihre Kollegen, die weiterarbeiten, immer noch keine Atemmasken haben.

Die Menschen leben nicht nur eng, sie haben auch weniger medizinische Versorgung

Das Krankenhaus von Bondy, einem der sozialen Brennpunkte von Seine-Saint-Denis, war das erste der Metropolregion, das keine neuen Corona-Patienten mehr aufnehmen konnte. Die medizinische Versorgung in den Vororten passt zum Rest der spärlichen Infrastruktur: Es gibt weniger Ärzte, die Kliniken sind schlechter ausgestattet.

Romain Dufau, Notaufnahme-Chef in Bondy, erklärte in Le Monde, warum sich das Virus dort schneller ausbreitet, wo den Menschen besonders schlecht geholfen werden kann. "Es ist nicht selten, dass hier Familien zu sechst auf 45 Quadratmetern leben, aus dieser Lage wollen die Jüngeren ausbrechen und gehen raus." Hinzu kämen viele schwarz Beschäftigte, die keine finanzielle Absicherung haben, wenn sie wegen der Pandemie zu Hause bleiben. "Diese Menschen haben keine Wahl und fahren weiter zur Arbeit", so Dufau. Zudem "schaffen es die Lieferdienste nicht in die Vorstädte", jeder muss selber vor die Tür.

Das Interview war ein Hilferuf. Der konservative Politiker Aurélien Véron, der für die Liste der Republikanerin Rachida Dati im Pariser Wahlkampf in den exklusiven Innenstadtarrondissements kandidiert hatte, teilte den Le Monde-Beitrag auf Twitter. Und schrieb dazu: "Die Jungen haben sich nicht an die Ausgangssperre gehalten, ihre älteren Familienmitglieder zahlen den Preis dafür." Es schwang mit, was seit Tagen in sozialen Netzen gehetzt wurde - die Migrantenkinder in den Vororten verbreiten das Virus.

Frankreichs Chefpolemiker, Éric Zemmour, hatte am zweiten Tag der Ausgangssperre zu bester Sendezeit auf CNews Einwandererviertel aufgezählt, in denen "vor allen Dingen Afrikaner die Ausgangssperre kaum respektieren". Ohne unterbrochen zu werden, führte Zemmour aus, dass besagte "Afrikaner" trotz des Virus "Grillfeste" veranstalten würden, weil "sie sagen, das ist eine Krankheit der Weißen, vor der uns Allah schützt".

Zum medizinischen Notstand in den Vorstädten gesellt sich der rassistische Blick derer, die auf der Suche nach einem Sündenbock immer bei denen landen, die nicht Jean, Jules oder Claire heißen.

© SZ vom 02.04.2020/gal
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