Frankreich Bedrängte Paris die Polizei in Nizza?

Die Polizistin Sandra Bertin weigert sich, ihren Bericht über die Anschlagsnacht von Nizza zugunsten des Innenministeriums zu beschönigen.

(Foto: AFP)
  • Eine Polizistin aus Nizza erhebt schwere Vorwürfe gegen das französische Innenministerium: Sie sei von dessen Mitarbeitern "buchstäblich bedrängt" worden, ihren Bericht über die Anschlagsnacht zu beschönigen.
  • Frankreichs Innenminister Cazeneuve nannte die Vorwürfe eine "Kampagne der Niederträchtigkeit".
  • Später räumte der Minister ein, dass die Angaben der Polizistin zu den Sicherheitsmaßnahmen in der Tatnacht stimmen.
Von Nadia Pantel

Das Attentat von Nizza hat nicht nur die Bewohner der Stadt tief getroffen, es hat auch einen heftigen politischen Streit ausgelöst. In die Debatte über Sicherheitslücken hat sich nun die Verantwortliche für die Videoüberwachung der Stadt Nizza eingeschaltet. Die Polizistin Sandra Bertin sagte mehreren französischen Medien, dass sie von Mitarbeitern des Innenministeriums unter Druck gesetzt worden sei, ihren Bericht über die Tatnacht zu beschönigen.

Während des Feuerwerks zum Nationalfeiertag am 14. Juli war ein 31-Jähriger mit einem Laster in die Menschenmenge auf der Promenade des Anglais gefahren. 84 Menschen kamen ums Leben, weitere zwölf schweben noch in Lebensgefahr. Die politische Diskussion dreht sich nun unter anderem um die Frage, ob die Feierlichkeiten ausreichend geschützt waren.

Bertin sagte dem Fernsehsender France 2, dass sie "buchstäblich am Telefon bedrängt" worden sei, in ihren Bericht zu schreiben, dass die Promenade von nationalen Polizisten gesichert worden sei. Sie habe sich geweigert, dies zu schreiben, da sie sowohl im Verlauf der Nacht als auch bei späterer Sichtung der Videoaufzeichnungen nur lokale Polizisten aus Nizza gesehen habe. Bertin hatte direkt über die Überwachungskameras mitverfolgt, wie der Lastwagen in die Menge raste.

Der Streit spielt sich nicht nur zwischen Nizzas Polizei und der Regierung in Paris ab

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve nannte Bertins Vorwürfe eine "Kampagne der Niederträchtigkeit". Kein Mitarbeiter seines Ministeriums habe mit Bertin Kontakt aufgenommen. Cazeneuve kündigte an, die Polizistin Bertin wegen Verleumdung zu verklagen. Premierminister Manuel Valls unterstützt den Innenminister. Die Vorwürfe seien "polemisch" und hätten das Ziel, die Regierung "zu destabilisieren".

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Der Streit spielt sich allerdings nicht nur zwischen Nizzas Polizei und der Regierung in Paris ab. Einer der Hauptbeschwerdeführer gegen Cazeneuve, Valls und auch gegen Präsident François Hollande ist der südfranzösische Politiker Christian Estrosi, ehemaliger Bürgermeister von Nizza, heutiger Präsident der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur. Estrosi gilt als mächtigster Mann Nizzas und fiel in der Vergangenheit wiederholt durch polternde Polemiken auf. So setzte er sich in den 90er-Jahren für die Todesstrafe für Kindermörder ein und forderte bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014, dass in Nizza nur französische Fahnen gehisst werden dürfen. Der sozialistischen Regierung von Hollande steht er grundsätzlich sehr kritisch gegenüber.

Im Falle des Anschlags vom 14. Juli wirft Estrosi der Regierung vor, die Stadt Nizza alleingelassen zu haben. Es sei eine Lüge, dass vor allen Dingen nationale Polizisten auf der Promenade im Dienst gewesen seien. Laut Estrosi waren es Beamte aus Nizza, die in der Nacht die Feiernden schützen sollten, und die nicht genug Unterstützung aus Paris erhalten hätten. "Zum Glück hat sich Sandra Bertin dem Druck widersetzt", kommentierte Estrosi auf dem Nachrichtendienst Twitter.

Der Minister gab zu, dass auf der Promenade kommunale Polizisten standen, und nicht nationale

Tatsächlich hatte Innenminister Cazeneuve am Freitag zugegeben, dass am Beginn der Promande des Anglais nur leicht bewaffnete kommunale Polizisten standen und nicht, wie vorher behauptet, nationale Einheiten. Die Zeitung La Libération hatte zudem aufgedeckt, dass nur Metallgitter die Zufahrt zur Promenade blockiert hätten. Die Regierung hatte zunächst gesagt, Polizeiautos hätten eine Straßensperre gebildet. Die Libération kommentierte: "Das Problem sind nicht die Sicherheitsmaßnahmen, die nach einer Tragödie leicht zu kritisieren sind. Was Fragen aufwirft, sind die Verdrehungen der Realität sowie mangelnde Transparenz und folglich fehlende Verantwortung seitens der Behörden." Staatspräsident Hollande kündigte eine interne Untersuchung an, die das Sicherheitskonzept von Nizza für den 14. Juli noch einmal nachträglich überprüfen solle.

Auch die Ermittlungen zum Motiv des Attentäters dauern an. Am Freitag wurden fünf mutmaßliche Komplizen des Täters festgenommen, die ihn bei der Beschaffung von Waffen und bei der Planung der Amokfahrt unterstützt haben sollen. Die islamistische Terrormiliz IS beansprucht die Tat für sich.

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