Süddeutsche Zeitung

Attentat auf Synagoge in Frankreich:Das Feuer von Rouen

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Die Polizei tötet einen Mann, der die Synagoge in der nordfranzösischen Stadt Rouen in Brand gesetzt hatte. Frankreichs Juden sehen sich in ihrer Angst bestätigt.

Von Oliver Meiler, Paris

Die Sorge war berechtigt, die Alarmbereitschaft richtig: Frankreich hat den bisher schlimmsten antisemitischen Akt seit dem 7. Oktober und dem Beginn des Kriegs in Nahost erlebt.

Im nordfranzösischen Rouen, dem Hauptort der Normandie, hat ein Mann am Freitagmorgen versucht, die Synagoge anzuzünden. Es war 6.45 Uhr in der Früh, als die Polizei und die Feuerwehr die Rue des Bons Enfants erreichte, eine Straße mitten im alten Zentrum von Rouen. Rauch drang aus den Fenstern des Tempels. Der Mann stand auf dem Dach, in der einen Hand hielt er ein Küchenmesser, in der anderen eine Eisenstange, wie es der zuständige Staatsanwalt später in einer Medienkonferenz schildern sollte.

Der mutmaßliche Brandstifter warf mit der Stange nach den Beamten, stieg vom Dach herunter und stürmte offenbar mit dem Messer in der Hand in Richtung der Polizisten. Er soll mehrmals aufgefordert worden sein, stehen zu bleiben, rannte aber weiter. Einer der Polizisten gab fünf Schüsse ab; vier Kugeln trafen den Mann, mindestens eine davon war tödlich.

Der Brandstifter soll einen Aufschub seiner Ausweisung erwirkt haben

Die Feuerwehr konnte den Brand schnell löschen. Das französische Fernsehen zeigte Bilder aus dem Innern der Synagoge: Man sieht darauf angekohltes Mobiliar und verrußte Mauern. Es hieß, es sei "bedeutsamer Schaden" entstanden. Verletzt wurde niemand, zum Zeitpunkt des Brandanschlags war das Gotteshaus leer.

Französische Medien berichten, sie hätten aus dem Umfeld der Fahnder erfahren, dass es sich bei dem getöteten Angreifer um einen Algerier gehandelt habe, den Frankreich eigentlich schon seit einem Jahr des Landes hatte verweisen wollen. Doch der Mann soll in Berufung gegangen sein und habe damit einen Aufschub seiner Ausweisung erwirken können. Die Zeitung Le Parisien schreibt, der Algerier sei 29 Jahre alt gewesen. Der Staatsanwalt dagegen hielt sich mit Angaben zur Person zunächst stark zurück. In seinen ersten Ausführungen sagte er nur, man habe den Mann dank eines Abonnements für den öffentlichen Verkehr von Rouen, das der auf sich getragen habe, identifizieren können.

In Frankreich gilt jetzt: "Urgence attentat", Notstand Attentat

Es laufen nun zwei Untersuchungen: eine über die Brandlegung, die andere über die Verhältnismäßigkeit der Polizeiaktion. Die französischen Anti-Terrorismus-Behörden wiederum prüfen, ob der Mann neben einem manifesten antisemitischen Antrieb auch ein terroristisches Motiv gehabt haben könnte. Konkreter: Es soll geprüft werden, ob er Sympathien oder Verbindungen zu islamistischen Terrororganisationen hatte.

"Wer eine Synagoge in Brand setzt, der will alle Juden einschüchtern", schrieb Yonathan Arfi, der Präsident des Crif, des Dachverbands jüdischer Vereinigungen in Frankreich. Wie andere Länder erlebt auch Frankreich, wo nach Israel und den USA die weltweit drittgrößte jüdische Gemeinde lebt, einen starken Anstieg von antisemitischen Vorfällen in jüngerer Vergangenheit. Premierminister Gabriel Attal sagte neulich, die Fälle hätten um 300 Prozent zugenommen, jeden Tag registriere man vier neue. Im vergangenen Jahr gab es insgesamt 1676 Vorfälle, die meisten davon nach dem 7. Oktober. In einer Erhebung in der jüdischen Gemeinde Frankreichs sagten jüngst 86 Prozent der Befragten, sie befürchteten, Opfer antisemitischer Taten zu werden.

Frankreich hat seine Alarmbereitschaft jüngst erneut auf die Höchststufe angehoben: "Urgence attentat", Notstand Attentat. Neben Schulen und Botschaften werden gerade auch religiöse Einrichtungen viel besser bewacht als in normalen Zeiten.

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