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Frankreich:Angst auf der Trauerfeier

French President Emmanuel Macron attends a ceremony to honour four victims of Paris police attack

Präsident Emmanuel Macron rief bei der Zeremonie die Nation dazu auf, gemeinsam gegen die „islamistische Hydra“ vorzugehen.

(Foto: Benoit Tessier/Reuters)

Das Land gedenkt der vier in Paris erstochenen Polizisten. Die Opposition wirft Innenminister Castaner vor, Terror-Hinweisen zu spät nachgegangen zu sein.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forderte am Dienstag "die gesamte Nation" auf, sich zu "mobilisieren und gegen die islamistische Hydra" vorzugehen. Bei einer Gedenkfeier für die vier Polizisten, die fünf Tage zuvor in der Polizeipräfektur von Paris erstochen wurden, sagte Macron vor den versammelten Ministern und Beamten: "Ihre Kollegen sind durch einen irregeleiteten Islam gefallen, den wir ausmerzen müssen." Der Präsident fügte hinzu, dass es sich "in keinem Fall um den Kampf gegen eine Religion" handele.

Am Donnerstag hatte ein Mitarbeiter der Polizeipräfektur vier Beamte in ihren Büros getötet. Nach dem Angriff hatte Frankreichs Innenminister Christophe Castaner zunächst gesagt, dass der Täter vorher "keinerlei Verhaltensauffälligkeiten" gezeigt hätte. Am Samstag erklärte jedoch der mit dem Fall betraute Chefermittler, dass der Täter einer radikalen Strömung des Islam zuzuordnen sei. Es wird wegen Terrorverdachts ermittelt.

Die Familien der Getöteten durften bei der Übertragung im Fernsehen nicht gezeigt werden

Der Fall hat besondere Brisanz, da der Angriff in einer Behörde stattfand, die als besonders gut gesichert gilt. Der Attentäter war als Computerfachmann beim Geheimdienst der Polizei tätig. Am Dienstag wurde bekannt, dass die Ermittler in seinem Büro einen USB-Stick sicherstellten, auf dem der Täter vertrauliche Informationen zu seinen Kollegen gesammelt hatte. Laut dem Nachrichtensender Franceinfo befanden sich auf dem Datenträger auch Propagandavideos der Terrormiliz "Islamischer Staat". Im Rahmen der Gedenkfeier sagte Macron, man könne "nicht akzeptieren", dass ein Terrorist genau dort zugeschlagen habe, wo der Terror bekämpft werde. Der Präsident versprach eine umfassende Aufklärung des Falles.

Laut der Polizeigewerkschaft Unité SGP verzichteten "viele Beamte" darauf, an der Trauerfeier für ihre Kollegen teilzunehmen, weil ihnen zuvor verboten worden war, sich zu vermummen. Die Polizisten befürchteten, gefilmt zu werden. Die Familien der Getöteten durften während der Fernsehübertragung nicht gezeigt werden, aus Angst vor weiteren Anschlägen.

Innenminister Castaner verlieh den vier Opfern des Angriffs posthum die höchste Auszeichnung des Landes, den Orden der Ehrenlegion. Präsident Macron hob hervor, dass die drei Männer und die eine Frau sich entschieden hätten "ihr Leben zu opfern, um andere zu schützen". Sie seien "im Dienst gefallen", so wie "vor ihnen die anderen, die seit 2015 Opfer des islamistischen Terrors" wurden. Mehr als 250 Menschen sind in Frankreich in den vergangenen Jahren bei Anschlägen getötet worden.

In der kommenden Woche soll in der Nationalversammlung ein Untersuchungsausschuss eingerichtet werden, um die vielen offenen Fragen zu klären, die durch den Angriff aufgeworfen wurden. Warum etwa wurde innerhalb der Polizei nicht früher auf die Hinweise reagiert, die nun im Nachhinein als klare Indizien einer Radikalisierung gelten? So zum Beispiel die Tatsache, dass der Attentäter 2015 den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo guthieß. Die Opposition wirft Innenminister Castaner zudem vor, erst viel zu spät, 24 Stunden nach der Tat, eine Untersuchung zu einem möglichen terroristischen Hintergrund der Tat eingeleitet zu haben.

Der junge Polizist, der den Angreifer am vergangenen Donnerstag stoppte, ihn wiederholt aufforderte, sein Messer niederzulegen, und schließlich erschoss, wurde von Präsident Macron als "Held" gewürdigt. Der Mann soll zu einem späteren Zeitpunkt geehrt werden.