Frankfurts ehemalige OB Petra Roth im Gespräch:"Die CDU macht sich zu Recht Sorgen"

Frankfurts frühere Oberbürgermeisterin Petra Roth spricht über Angela Merkel, erklärt, warum sie in der CDU immer unangefochten gewesen ist und was die Grünen in den Großstädten besser machen als ihre Partei.

Marc Widmann

Frankfurts ehemalige Oberbürgermeisterin Petra Roth

Petra Roth war 17 Jahre lang Oberbürgermeisterin von Frankfurt am Main.

(Foto: dpa)

Es war eine kleine Ära: 17 Jahre lang, von 1995 bis Sommer dieses Jahres regierte Petra Roth in Frankfurt. Am Ende war sie eher eine Stadtpräsidentin als eine gewöhnliche Oberbürgermeisterin, sie war das Gesicht der Bankenstadt. Und das, obwohl Frankfurt zuvor eigentlich eine rot-grüne Hochburg war, eine linke Domäne, und Petra Roth der CDU angehört. Können die Christdemokraten also doch in Metropolen regieren, allen Niederlagen in jüngster Zeit zum Trotz? Wenn das jemand wissen muss, dann die 68-Jährige. Sie sitzt in einem Frankfurter Restaurant und redet offen wie immer.

SZ: Frau Roth, die CDU hat eine ganze Reihe von Großstädten verloren. . .

Petra Roth: Das kann ich Ihnen genau sagen, es sind meines Wissens sieben Städte in drei Jahren, darunter Hamburg, Köln, Duisburg, Frankfurt und jetzt Stuttgart.

Was ist da passiert?

Man unterstellt oft der Partei, die nicht den OB stellt, sie versagt in den Großstädten. Doch seit der Mitte der neunziger Jahre gibt es in der Bundesrepublik überall Direktwahlen, seither ist jede OB-Wahl eine Persönlichkeitswahl. Gewählt wird derjenige, der den Bürgern die größte Authentizität vermittelt. Deshalb ist die Wahl von Herrn Kuhn eine Wahl für Herrn Kuhn. Die Frage ist nur: Warum sind die CDU-Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt in großen Städten nicht authentisch, warum schaffen sie es nicht, das Lebensgefühl der Großstadtbürger zu treffen?

Das ist eine gute Frage. Vor allem, weil die Gegenkandidaten auch nicht immer die größten Charismatiker sind.

Doch. Der Gewinner hat immer etwas, worin sich der Wahlbürger wiederfindet. Insofern kann Charisma auch eine hohe Sensibilität sein, Mitfühlen, ein starkes soziales Engagement, es kommt immer darauf an, welches Milieu in der Stadt herrscht.

Wie haben Sie das geschafft?

Ich habe von jeher das Gefühl der Frankfurter wiedergegeben, eine liberale, nicht auf eine Parteilinie fixierte Oberbürgermeisterin zu sein. Ich habe immer gesagt, ich bin der erste Dienstleister und das Rathaus ist für die Menschen da, nicht für die Partei. So. Und Herr Kuhn hatte eine ganz andere Ausstrahlung als sein Konkurrent, der Nicht-Politiker und Werbemann. Ein Werbemann ist nicht unbedingt ein richtiger Politiker. Wir sind da bei der Frage der Glaubwürdigkeit von Politik.

Was erwarten die Bürger in Großstädten von ihren Oberhäuptern?

Liberalität, Authentizität, Modernität, ohne beliebig zu sein. Und Bildung, das war immer meine Politik: Alle Schichten müssen entsprechend ihren Talenten das meiste an Wissen vermittelt bekommen, und mit dieser Haltung bin ich gleich ganz modern. Dazu gehört auch Integration. In Frankfurt besuchen heute genauso viele junge Menschen mit Migrationshintergrund das Gymnasium wie Deutsche. Die Bundes-CDU und an der Spitze die Bundeskanzlerin verkörpert auch sichtbar einen modernen, intellektuell-pragmatischen Stil. Aber den Landesverbänden, die ja die OB-Kandidaten benennen, fehlt diese urbane Modernität.

"Die CDU soll sich an der Politik von Frau Merkel orientieren"

Das heißt?

Ich kann nur sagen, dass die CDU sich an der Politik von Frau Merkel orientieren sollte. Damit habe ich auch gute Erfahrungen in Frankfurt gemacht.

Gibt es in den Ländern keine Persönlichkeiten, die moderne Themen verkörpern? Oder werden sie ausgebremst?

Nein, das hat damit nichts zu tun. Nur müssen sich solche Persönlichkeiten auch durchsetzen. Es ist ja nicht so, dass ich immer bejubelt wurde. Ich bin in der CDU deswegen unangefochten gewesen, weil ich Wahlen gewonnen habe, weil ich dadurch auch Mandate für Parteifreunde gewonnen habe. Das gibt viel Freiheit. Die Roth konnte sagen, was sie wollte. Man hat zwar getuschelt, wenn ich mich für Ausländer, Integration, Drogenpolitik, Ganztagsschulen oder Frauenemanzipation eingesetzt habe. Aber das sind alles Themen, die eine moderne Großstadtpartei auf dem Sender haben muss. Wenn eine Frau oder ein Mann das inhaltlich füllt mit Glaubwürdigkeit, dann werden sie auch gewählt. Dann wird daraus eben CDU-Politik. So herum wird ein Schuh draus.

Schaffen die Grünen das besser?

Die heutige Gesellschaft ist eine andere als vor 25 Jahren. Sie möchte einen modernen, aufgeschlossenen, pragmatischen, aber auch nachdenklichen Politikstil. Sie macht sich Gedanken um Nachhaltigkeit, Schöpfung, Werden, Existenz. Und genau das finden sie heute bei den Grünen stärker als bei uns. Die Diskussion darüber vermisse ich seit den achtziger Jahren in der CDU. Wir haben immer mehr das Funktionieren der Marktwirtschaft in den Mittelpunkt gerückt, das andere haben wir liegen gelassen. Je älter ich werde, umso nachdenklicher werde ich und suche nach des Pudels Kern, um es mit Goethe zu sagen. Ich stelle fest, dass es mehr als wichtig ist, die Natur und die Ressourcen zu schützen. Es gibt in der CDU Menschen, die auch so denken. Die müssen aber den Mut haben, zu kandidieren. Dann wird es auch in der Großstadt wieder klappen.

Die Frage ist doch, warum sie es bisher nicht tun.

Wenn ich das wüsste. Die Kanzlerin fragt mich das auch, das genau ist unsere Frage.

Ein unabhängiger Werbefachmann scheint jedenfalls nicht der Stein der Weisen zu sein.

Sehen Sie, diese Erkenntnis ist doch jetzt auch mal ganz gut.

"Städte sind Laboratorien der Zukunft"

In Frankfurt hat die CDU einen dynamischen jungen Minister aufgestellt, Boris Rhein. Er hat die Wahl im Sommer verloren, auch wegen des schlechten Rufs der konservativen Hessen-CDU.

Frankfurt ist aber unabhängig von Hessen, er hat einen unabhängigen Wahlkampf gemacht, er hat als erster in der CDU gesagt, dass wir das Nachflugverbot uneingeschränkt einführen müssen. Da hätten die Wähler eigentlich sagen müssen, der steht für unsere Frankfurter Sorgen. Aber es ist eine Persönlichkeitswahl, es geht nach der Nase des Einzelnen. Ich kann's nicht anders sagen.

Die CDU stellt jetzt in keiner der großen deutschen Städte mehr den Rathauschef. Was bedeutet das für die Partei?

Das hat gesellschaftspolitische und parteipolitische Auswirkungen, denn Städte sind die Laboratorien der Zukunft. Wenn hier nicht quergedacht wird, nach neuen Lösungen gesucht und etwas Neues entwickelt wird, dann findet das in der ganzen Partei nicht mehr statt. Dann fühlen andere sich nicht mehr angezogen, mitzumachen. Da macht sich die CDU zu Recht Sorgen und Gedanken.

Die jungen CDU-Abgeordneten in Hessen wirken alle ziemlich brav.

Jetzt muss ich Sie mal fragen: Würden Sie denn die jungen Abgeordneten im hessischen Landtag als Repräsentanten Ihres Lebensbildes sehen? Finden Sie da welche? Finden Sie überhaupt noch in den Länderparlamenten einen Bürgervertreter, der Ihr Lebensbild abbildet? Ich glaube: Nein. Die Abgeordnete in den Landesparlamentes geben doch nicht das Bild eines 30- bis 45-Jährigen wieder.

Woran liegt das?

Ich habe das Gefühl, dass vielen die Lebenserfahrung fehlt: Dass man etwas erlebt hat wie den Wettbewerb am Arbeitsplatz, dass man in der Kantine mitisst, die Enge in der S-Bahn erduldet, all diese Dinge, die zum Leben gehören, das fehlt diesen Politikern. Die sind mit dem silbernen Löffel 30 Jahre durchs Leben gegangen. Dann gehen sie in Parteien und sind, weil es weniger gibt, ganz schnell in einem Mandat. Die wollen gar nicht so viel verändern.

© SZ vom 24.10.2012/mane
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