Zeitgeschichte Deutscher Aufstieg mit der Angst im Rücken

Sorgenvoller Blick: Abbruchhaus in Berlin-Mitte, von Künstlern verziert, 2013.

(Foto: Regina Schmeken)
  • Der Historiker Frank Biess erzählt eine Gefühlsgeschichte der Bundesrepublik bis zum Mauerfall in Zyklen der Angst.
  • Heraus kam: Ein großer Wurf, ein gelungenes Wagnis, methodologisch kühn und dabei gut erzählt.
Rezension von Tilman Allert

Es gibt Wissenschaften, denen ewige Jugendlichkeit beschieden ist. Und das sind alle historischen Disziplinen, alle die, denen der ewig fortschreitende Fluss der Kultur stets neue Problemstellungen zuführt." Auf dieses Diktum Max Webers könnte sich Frank Biess berufen, der eine bundesrepublikanische Gefühlsgeschichte vorlegt, eine historische Analyse, deren perspektivischer Fokus am Beispiel der Angst auf der Handlungswirkung von Emotionen liegt.

Wie von der Arbeit eines Historikers nicht anders zu erwarten steht, werden Ereignisse, die sich ins Kollektivgedächtnis eingeschrieben haben, einer raffinierten Lektüre unterzogen. Als die durchgängig motivierende Kraft bestimmt sie die Urteilsbildung in allen politischen Debatten der Nachkriegszeit und liefert die Grundlage einer "anderen Geschichte der Bundesrepublik". Das Buch ist für den Sachbuchpreis der Buchmesse Leipzig nominiert.

Nicht um Abschnitte, Zäsuren oder gar Epochen, auch nicht um Subsumtion unter einen Begriff geht es - nivellierte Mittelstandsgesellschaft, Risikogesellschaft oder Gesellschaft der Selbständigen - vielmehr um die Empfindung der Angst, die sich zyklisch reproduziert, an wechselnden Objekten mit wechselnden Akteuren.

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Der Leser staunt nicht schlecht: Dreißig Jahre nach dem Mauerfall schreibt jemand eine Geschichte des ehemaligen westdeutschen Teilstaats, ein Lebenskosmos, der nun schon eine Generation zurückliegt; Objekt der nostalgischen Verklärung für die einen, jahrzehntelang Sehnsuchtsort und nach der Wiedervereinigung Menetekel für die anderen. Ein großer Wurf, ein gelungenes Wagnis, methodologisch kühn und dabei gut erzählt.

Frank Biess, der an der University of California in San Diego Europäische Geschichte lehrt, zeichnet in einer Reihe von Fallstudien die affektive Binnenseite der politischen und ökonomischen Erfolgsgeschichte nach und findet wiederkehrende Kristallisationspunkte für das Selbstverständnis der halbierten Nation.

Worum die Leute sich sorgen, wie sie sich die Zukunft vorstellen und wie sich die "Präsenz einer katastrophalen und gewaltsamen Vergangenheit" aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf die Vorstellungen von der eigenen Zukunft legt. Umfangreich recherchiert, mit einem Anmerkungsapparat von mehr als einhundert Seiten, lässt der Autor die Ereignisgeschichte des Landes noch einmal lebendig werden - die Spiegel-Affäre, die Debatten über die Wiederbewaffnung, die Notstandsgesetze, das Waldsterben und die Bewegung der 68er - "revolutionäre Angst", all das taucht auf, Erinnerungen an die formative Zeit der Republik, in der die Bevölkerung Angstzyklen erlebt, die Lebensgefühl und Zukunftserwartung bestimmen.

Auch dass "emotionale Regime" als Ressourcen für die öffentliche Erregung strategisch eingesetzt werden, zählt nach Biess zum Erfahrungsbestand des Nachkriegsdeutschland.

Wer wir sind - die Antwort auf diese Frage steht den Historikern zu, eine Disziplin, die den Ereignisstrom zu bündeln versteht und daraus eine Erzählung macht, die eine Gegenwartsorientierung darin ermöglicht, dass sie Vergangenes erinnert und auf eine mögliche Zukünftigkeit zu beziehen vermag.

Was der Historiker Biess unternimmt, der die autobiografische Initialerinnerung seines Zugriffs - die Friedensbewegung der 80er-Jahre - nicht verschweigt, ist beeindruckend wie kühn.

Gestützt von üblich gewordenen Sonderforschungsbereichen sucht die Geschichtswissenschaft Anschluss an die vermeintlich seriösen Wissenschaften: Angst geht immer um, und mit der Angst als Kategorie zu arbeiten, wähnt sich der Autor methodologisch auf der sicheren Seite - ein Selbstmissverständnis, das Biess, der vorsichtig genug von "Zyklen" spricht, zu gelegentlich abenteuerlichen Zurechnungen führt, unbekümmert und im Elan desjenigen, der eine große Erzählung vorlegen will.

Ein Auf und Ab der Daseinsakzeptanz

Sorgen um den Verlust des Arbeitsplatzes, die im Prozess der Arbeitsteilung freigesetzt und politisch von Gewerkschaften artikuliert werden, werden kurzerhand "moderne Angst" genannt. Dass Leute ungeduldig und gegenüber den Institutionen der parlamentarischen Demokratie skeptisch geworden sind, wird "demokratische Angst" genannt. Auch wenn es darum geht, die Konstellation von Akteuren, Milieus und Arenen herauszuarbeiten, melden sich Zweifel.

Wie sind die empirischen Evidenzen - Umfragen, Liedtexte, Tagebucheintragungen, Studien von Versicherungsunternehmen werden kühn kombiniert - für die These von den Zyklen der Angst, die das Land erfassen, zu sichern? Wer hat im Einzelnen vor wem Angst? Welche Akteure lösen Angst aus und welche wiederum sind Träger der Angst? Und schließlich die Problematik, dass den einen der starke Staat Angst macht, anderen wiederum der Staat als zu schwach erlebt wird.

Im Taumel der vielen Ängste, deren Wirkungsmacht von Kapitel zu Kapitel ausgebreitet wird, und mit Angstszenarien, die den Terrorismus und die Zerstörung der Natur als "allgegenwärtig" beschreiben, ließe sich gegen das alarmistische Szenario der Einwand wagen: Warum eigentlich nicht ein bundesrepublikanischer Freudezyklus?

Also ein Auf und Ab der Daseinsakzeptanz, landsmannschaftlich gefärbt, beginnend mit den Albernheiten eines Adolf Tegtmeier, bis hin zu sublimierten Formen von Selbstironie, die das Land seinen Humoristen Loriot, Gerhard Polt oder Harald Schmidt und den philosophischen Einlassungen Odo Marquards verdankt.

Warum nicht just hierin das für das gebeutelte Europa möglicherweise avantgardistische Gesicht der zweiten Republik herausstellen, nicht deren Autos, sondern das institutionelle Format eines Staates, zu dessen Anpassungsfähigkeit es ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende gehören wird, die ungeheure Anstrengung einer Gesellschaftstransformation zustandezubringen und auf hoher See ein Leck zu reparieren, das die Stürme der Weltgeschichte ins deutsche Boot gerissen hatte?

Frank Biess: Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik. Rowohlt, Reinbek 2019. 624 Seiten, 22 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

(Foto: )

Doch spätestens wenn einem bei dem Gedanken an die unvergesslichen Vertreter der zweiten Frankfurter Schule einfällt, dass deren Erfolgsgeschichte in einem Magazin namens Titanic begonnen hatte, erweist sich die Suggestivität dieses ungewöhnlichen Ansatzes.

Geschichte ist eine Selbstvergewisserung in Anerkennung des Geschicks, das einem widerfahren ist, so möchte man mit dem Philosophen Hans Blumenberg in Erinnerung rufen, dass es sich um geistige Vorgänge handelt, um Kulturbedeutsamkeiten eines historischen Geschehens, die Urteilsbildung ermöglichen und den vielfältigen Partizipationsangeboten moderner Demokratien Intensität und Richtung verleihen.

Die Kategorie der Angst verstellt den Blick auf die Weichenstellungen, die der Nationalgeschichte ihr einzigartiges Gepräge geben und zu denen im Generationenaustausch stets Einstellungen und politische Präferenzen entstehen, die konfliktiv und damit unabgeschlossen sind, stets strittig und Material sowohl für den politischen Prozess als auch für die zivilgesellschaftliche Moral.

Im analytischen Zugriff diese geistigen Dimensionen zu vernachlässigen, und auf eine Geschichte der Angst zu setzen, suggeriert Solidität und läuft Gefahr, der Psychologisierung Vorschub zu leisten und der im Ganzen beeindruckenden Erzählung ihre Spannung zu nehmen.

Im Streit um die Staatserzählungen wird das Buch eine wichtige Rolle spielen

Kinder brauchen Märchen, und damit am Ende alles gut wird, kommen die Geschichten ohne Hexen und Drachen als die Instanzen des Bösen nicht aus. Die Urteilsbildung in Systemen mit durchgesetzter Volkssouveränität setzt nicht Märchen, sondern Staatserzählungen voraus, in denen ein Volk sich wiedererkennen kann.

So liest man das Werk des Historikers und entnimmt ihm einen Subtext, vom Autor contre coeur ausgebreitet: Selbst wenn der Autor im Ausblick auf das, was nach dem Jahr 1989 kommt, seiner Perspektive noch einmal zuspitzt und suggeriert, für die Gegenwärtigen gehe es mit Klimawandel und Migrationen mit der Angst erst so richtig los: Hier schreibt jemand eine eigentümlich stimmige Hommage an das komplexe Institutionengefüge des modernen Verfassungsstaates Deutschland, der die kollektive Erfahrung eines selbsterzeugten Rückfalls in die Barbarei, einen von Melancholie statt Trauer unterlegtem asketischen Aufbauwillen, eine zivilisatorische Regression, eine weltpolitische Eckensteherexistenz sowie eine bis zum Bersten gebrachte ökonomische Produktivität zu bewältigen vermochte.

Nicht "Angst essen Seele auf", sondern im Rücken der Angst gelangt ein erstaunliches Gebilde zur Blüte, dessen Vertreter in den Regierungen, Gerichten und Parlamenten eine wohltuende Nüchternheit, aber gepaart mit einem Gestaltungswillen an den Tag gelegt haben, der in Europa seinesgleichen sucht und dessen Grundlagen in dem zu finden sind, das seit den Tagen Max Webers die Klugheit von Politik, das Bohren dicker Bretter ausmacht: im Streit und Interessenkampf Leidenschaft, Augenmaß und Sachorientierung zur Geltung zu bringen, kompromissorientiert in den Ängsten die Sorge erkennen.

Dass diese Leistung mit für die Länder Europas exemplarischem Wert der Wirkungskraft der Angst geschuldet sei, ist bei aller eigenwilligen Zurechnungsakrobatik der Autors die überraschende Pointe des Buchs und ein lesenswerter Befund, der im Streit um die Staatserzählungen eine gewichtige Rolle spielen wird.

Es ist wie mit dem Schrecken selbst: erst wenn man ihn verstanden und in diesem geistigen Verständnis überwunden hat, sind die Abgründe erkennbar, die ihn einst ausgelöst hatten.

Tilman Allert ist Professor für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt und schreibt u. a. über Mikrophänomene des deutschen Alltagslebens. Zuletzt erschien von ihm "Gruß aus der Küche. Soziologie der kleinen Dinge" (S. Fischer 2017)

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