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François Hollande:Der Glanz des Unscheinbaren

Hände schütteln, Küsschen geben, mit den Menschen plaudern: Den netten Kerl von nebenan zu mimen, das war ein wichtiger Teil der Strategie von François Hollande im Wahlkampf. Dem Sozialisten gelang es nicht nur, seine traditionell zerstrittene Partei zu befrieden, er schaffte es auch, die Franzosen zu überzeugen, dass er mehr ist als nur ein Anti-Sarkozy.

E r wählte am Sonntag wieder in Tulle, wie beim ersten Wahlgang, also in seiner politischen Heimat irgendwo mitten in Frankreich, dort, wo der Tüllstoff herkommt. Den Ort bei Limoges hatte François Hollande mit Bedacht ausgesucht. Das Provinznest bot ihm die ideale Bühne, um noch einmal seine Bürgernähe zu inszenieren: Hände schütteln, Küsschen geben, mit den Menschen plaudern. Den netten Kerl von nebenan zu mimen, das war eines der Leitmotive des Sozialisten im Wahlkampf. Der langjährige Vorsitzende der Sozialistischen Partei (PS) konnte sich dadurch klar abgrenzen von Nicolas Sarkozy, der in den Köpfen vieler Franzosen fünf Jahre lang der Präsident der Reichen war.

François Hollande, 57, spielte mit diesem Stigma seines Rivalen, häufig mit Humor, fast nie bösartig. Wo er denn feiere, wenn er gewinne, lautete eine der Standardfragen von Journalisten. Hollande antwortete, er wisse nur, wo er nicht feiern würde, falls er gewänne. Sollte heißen: sicher nicht im Fouquet's an den Pariser Champs-Élysées, wo Sarkozy im Jahr 2007 kurz nach seiner Wahl abtauchte, um mit Konzernchefs die Champagner-Korken knallen zu lassen. Am Wahlsonntag aß Hollande in Tulle zu Mittag in einem kleinen Bistro namens Le Central; er plauderte dabei unbefangen mit seinen Tischnachbarn.

Die Betonung des Geerdeten zog sich durch den gesamten Wahlkampf. Hollande inszenierte sich als der Anti-Sarkozy. Dem aufbrausenden, hibbeligen Sarkozy stellte Hollande sein eigenes Naturell entgegen: sachlich, analytisch, kontrolliert. In Sarkozys persönlichen Schwächen entdeckten schließlich auch die Anhänger Hollandes dessen Stärken. Was lange Zeit als mangelndes Charisma galt, wurde auf einmal zu einem Zeichen von Standhaftigkeit und Verlässlichkeit.

Dass Hollande aber über Monate hinweg kontinuierlich in allen Umfragen vor Sarkozy lag, war auch seiner Einsicht geschuldet, nicht allein auf plumpen Anti-Sarkozysmus setzen zu können. Hollande stellte als erster von allen zehn Präsidentschaftskandidaten ein umfangreiches Programm vor, 60 Punkte enthielt es. Er konnte damit Vorwürfe entkräften, keine eigenen Ideen oder Vorschläge zu haben. Außerdem arbeitete er sich tief in alle Dossiers ein. Hollande hatte auch auf spitzfindigste Fragen plausible Antworten. Ob das, was er sagte, auch realisierbar ist, bleibt dahingestellt.

Im Lager von Sarkozy galt Hollande als der unangenehmste Widersacher aus dem Kreis der Sozialisten. Ein Berater Sarkozys gestand ein, dass Hollande ein schwer zu attackierendes Ziel sei. Sollte heißen: Anders als etwa bei Dominique Strauss-Kahn, dem ursprünglichen Hoffnungsträger der Sozialisten, war bei Hollande keine Affäre auszumachen.

Ihm kam zudem ein Novum in der französischen Parteiengeschichte zupass. Erstmals kürten die Sozialisten ihren Präsidentschaftskandidaten in einer stark mediatisierten Vorwahl. Sechs Männer und Frauen bewarben sich, Hollande obsiegte und hatte danach die ganze Partei hinter sich. Die ewigen Streitereien zwischen den Parteigranden verstummten mit einem Mal und kochten bis zum Ende des Wahlkampfs nicht wieder hoch. Das gelang auch, weil Hollande dem sozialistischen Übervater François Mitterrand huldigte und den linken Parteiflügel bediente. So bezeichnete er auf seiner ersten großen Kundgebung die "Finanzwelt" als seinen "Gegner".

Einer seiner geschicktesten Schachzüge aber war die Forderung nach einer "Wachstumskomponente" im EU-Fiskalpakt. Damit erwischte er Sarkozy auf dem falschen Fuß und machte in ganz Europa von sich reden. Auf einmal setzten sogar Menschen in Griechenland und Spanien auf die Wahl des noch vor einem Jahr weithin unbekannten Mannes. Daheim gelang es ihm, Sarkozy in Erklärungsnöte zu bringen. Der Präsident stand nun so da, als habe er dem deutschen Sparkurs nichts entgegenzusetzen.

François Hollande leistete sich im Wahlkampf keinen einzigen großen Schnitzer. Am Ende tauschte er sogar mit Sarkozy die Rolle und übte sich im Habitus des Präsidenten: "Ich als Präsident der Republik", formulierte er in der TV-Debatte - das schien ihm hinterher selbst unangenehm zu sein.

Am Wahlabend um 18 Uhr zog er sich in sein Büro in Tulle zurück. Im Moment, als der Sieg ihm gewiss war, erhob er sich, reckte die Arme nach oben und umarmte die wenigen Vertrauten im Zimmer. So berichtete es einer von ihnen. Bald darauf klingelte Hollandes Telefon. Sarkozy wünschte ihm viel Glück.

Am Ende spielte nur das Wetter nicht mit. Kurz vor 20 Uhr fing es in Tulle an zu regnen. Trotzdem füllte sich der Platz vor der Kathedrale in der Kleinstadt. Statt Fahnen hielten die Anhänger Regenschirme in der Hand. Als das Gesicht des Wahlsiegers auf der Großleinwand erschien, jubelten sie laut - ebenso wie die Zehntausenden Anhänger, die sich in Paris euphorisiert auf der Place de la Bastille und vor der Parteizentrale versammelt hatten. Mit großer Verspätung kämpfte sich Hollande durch die Menschenmasse zur Rednertribüne in Tulle vor. Winkte. Lachte. Dann drückte er Sarkozy Respekt aus. Nicht alle in der Menge waren einverstanden. Hollande aber versprach, er wolle der Präsident aller Franzosen sein. Und er richtete sich auch direkt an Deutschland: "Das Spardiktat ist kein unabwendbares Schicksal." Der 6. Mai gehe auch als großes Datum in die Geschichte Europas ein, er werde Europa auf den Weg des Wachstums und der Beschäftigung bringen. Seine Rede gipfelte in dem Satz: "Der Wandel beginnt jetzt."

Es sollte eine große, bewegende Nacht für die Sozialisten werden. François Hollande hatte für den späten Abend den Flug in die Hauptstadt gebucht.