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Diktatur-Bewältigung:Spanische Stümper

FILE PHOTO OF SPANISH DICTATOR FRANCO NEXT TO KING JUAN CARLOS

Der ewige Diktator: Francisco Franco (links) regierte Spanien von 1939 bis 1975. Rechts neben ihm Juan Carlos. Das Bild stammt wohl aus dem Jahr 1975.

(Foto: Reuters)

Hannes Bahrmann urteilt hart über die Zeit nach Ende des faschistischen Franco-Regimes. Seiner Meinung nach ist die Diktaturperiode noch nicht aufgearbeitet.

Rezension von Sebastian Schoepp

Der Diktator Francisco Franco ist seit bald einem halben Jahrhundert tot, doch wenn man Hannes Bahrmann glaubt, ist der "Alte" noch ziemlich lebendig.

Der Autor kundiger und kritischer Werke über Lateinamerika, etwa über die gescheiterte Revolution in Venezuela, spürt in seinem neuen Buch "Francos langem Schatten" im modernen Spanien nach. Zum Beweis für dessen Existenz führt Bahrmann an: Hunderte Gesetze aus der Franco-Zeit, die noch in Kraft seien; eine konservative Elite, die während der Diktatur zu Macht und Geld gekommen sei und die Geschicke des Landes weiter lenke; ein "Pakt des Schweigens", der verhindert habe, dass die Verbrechen von 40 Jahren Diktatur aufgearbeitet worden wären.

Zur Untermauerung lässt Bahrmann im Kurzdurchlauf mehr als hundert Jahre spanische Geschichte Revue passieren, erfreulich in dieser Kompaktheit, denn außerhalb der Standardwerke von Walther Bernecker oder Carlos Collado Seidel gibt es diesseits des wissenschaftlichen Betriebes auf dem deutschen Markt kaum etwas zu dem Thema.

So spannt sich der Bogen vom traumatischen endgültigen Zusammenbruch des spanischen Weltreiches durch den Verlust Kubas 1898 über den Versuch des Wiederaufstiegs durch den blutigen Feldzug in Marokko bis hin zum Bürgerkrieg 1936 bis 1939, den Franco mit Hitlers Hilfe gewann - um danach das Kunststück zu vollbringen, als faschistischer Diktator fast volle 40 Jahre lang mit Billigung der Westmächte weiterregieren zu können.

In Marokko begann auch die Karriere des späteren generalísimo. Als Kolonialoffizier habe Franco sich trotz Kleinwuchs und Fistelstimme mit Pingeligkeit und Angstfreiheit durchgesetzt, schreibt Bahrmann: "Auf dem Pferd blieb er noch hochaufgerichtet, wenn die Kugeln um ihn herumflogen."

Es fehlen Belege

Ob diese Anekdote verbürgt ist, ist allerdings die Frage. Es fehlen durchwegs die Quellenverweise in dem Buch, und das auch bei sehr viel steileren Behauptungen, wie etwa der, dass "die faschistische Hymne in Spanien der beliebteste Titel auf Spotify" sei oder dass das Land die meisten Massengräber nach Kambodscha habe.

Das ist in Zeiten von Fake News eine fast nicht mehr hinnehmbare Schwäche in einem so stark wertenden Buch, dass ja auch den Anspruch zu erheben scheint, eine ernsthafte historische Abhandlung zu sein.

Ebenso steil der Versuch, den gesamten Übergang zur Demokratie als historischen Pfusch und ihre Protagonisten als Stümper zu verdammen - vom König bis zum Kommunisten Santiago Carrillo. Diese Pauschalität wird dem enormen Spannungsfeld nicht gerecht, in dem die Diktatur sich zwischen 1975 und 1978 quasi selbst abschaffte durch seine "Helden der Demontage", wie der Schriftsteller Javier Cercas die Politikergeneration der transición mal genannt hat.

Hannes Bahrmann: Francos langer Schatten. Diktatur und Demokratie in Spanien. Ch. Links Verlag, Berlin 2020. 288 Seiten, 20 Euro. E-Book: 12,99 Euro.

Spanien hätte mit seiner Vergangenheit brechen müssen, fordert hingegen Bahrmann. Was dann geschehen wäre? "Die Institutionen der Diktatur wären verboten worden; man hätte die Schuldigen zur Verantwortung gezogen und ihr Eigentum beschlagnahmt", scheibt der Autor.

Das aber ist dann doch leicht gesagt aus der historischen Überheblichkeit heraus; Genauso gut hätte man - überspitzt gesagt - verlangen können, Spanien hätte sich 1975 besser selbst abgeschafft.

Denn der Franquismus war "keine Militärjunta", wie der frühere El-País-Chef Juan Luis Cebrián mal gesagt hat, sondern eben "das halbe Spanien". Und wer hätten die Richter über die Vergangenheit sein sollen? Wer wären die aufrechten Antifranquisten gewesen, die die Bahrmannschen Ansprüche hätten erfüllen können?

Wenn man dem galligen Urteil des Schriftstellers und verbürgten Antifranquisten Manuel Vázquez Montalbán glauben kann, dann waren echte Antifranquisten nicht sehr zahlreich in der Franco-Zeit. Sie hätten, so hat der legendäre Spötter aus Barcelona mal gesagt, "alle zusammen leicht in einen einzigen Omnibus gepasst".

© SZ vom 15.06.2020/odg
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