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Terrorprozess:Angeblich alles ganz harmlos

Er weiß, wie man Hinterhalte legt und hat den Nahkampf gelernt, aber ein Rechtsextremer und Terrorist will der Bundeswehroffizier Franco A. nicht sein - auch wenn er angeblichen Feinden nachstellte.

Von Annette Ramelsberger, Frankfurt

Der Oberleutnant Franco A. hat acht Jahre Ausbildung hinter sich: als Einzelkämpfer bei der Bundeswehr, als Dschungelkämpfer bei der französischen Armee, er hat gelernt, Hinterhalte zu legen, er weiß, wie man mit Waffen umgeht. Er hat 1090 Schuss Munition in seinem Keller gehortet, dazu 51 Sprengkörper, und er wurde dabei festgenommen, wie er eine scharfe Waffe aus einem Versteck holte. Doch dass er deswegen verdächtigt wird, eine Terrortat geplant zu haben, das weist er weit von sich. Ja, er räumt ein, die Munition und die "Knallkörper" besessen zu haben, auch eine Pistole. Aber, so sagt Franco A.: "Ich widerspreche dem Anklagepunkt 1."

Das ist der Punkt, der ihm vorwirft, Terroranschläge auf Politiker begehen und die Taten dann einem Flüchtling in die Schuhe schieben zu wollen. Einem Flüchtling, den er erst selbst erschaffen hatte: Verkleidet hat er sich um Asyl beworben und ein Jahr lang eine Doppelexistenz als syrischer Flüchtling geführt.

Der Bundeswehrsoldat Franco A. ist 32, ausgebildet an der Eliteakademie Saint Cyr in Frankreich, erfolgreichster Deutscher in seinem Jahrgang, ein Mann, der stolz ist auf das, was er alles kann. Aber dass die Bundesanwaltschaft davon ausgeht, dass er mit diesen Fähigkeiten etwas anfangen wollte, lässt ihn ganz erstaunt zurück. Er räume zwar den Besitz von Munition und Waffe "vollumfänglich" ein, aber er habe diese Mittel doch nicht einsetzen wollen, sagt er am Freitag vor dem Oberlandesgericht Frankfurt.

Dann gibt er doch zu, dass das alles vielleicht ein wenig verdächtig aussah: Die "Gesamtsituation, wie sie sich für die Ermittler darstellen musste", die mache den Verdacht gegen ihn schon nachvollziehbar. "Da kann ich keinem böse sein." Doch als der Vorsitzende Richter Christoph Koller nachfragt, warum er die Munition überhaupt im Keller hatte, weicht der Angeklagte sofort aus. Man werde darauf später zurückkommen, sagt sein Anwalt. Außerdem sei die Munition nur Manövermunition gewesen, sagt Franco A., die wirke nicht tödlich, sondern führe nur zu leichten Verbrennungen. Also harmlos.

Auf seiner Feindesliste stand etwa die Grünen-Politikerin Claudia Roth

So wie alles ganz harmlos gewesen sein soll: Wenn er unangemeldet bei Schriftstellern auftauchte, denen er Fragen stellen wollte - ohne Termin, ohne Telefonat davor. "Das hat schon ein bisschen was von Stalking", sagt der Richter. Ja, sagt Franco A., aber so sei es doch nicht gemeint gewesen. Er wolle halt den Dingen auf den Grund gehen. Und sein Besuch im Bundestag, als er nach der U-Haft nach seiner Verhaftung wieder auf freiem Fuß gewesen ist? Er sei doch ein freier Mann, sagt Franco A.. Was er nicht erwähnt: Er erkundigte sich dabei auch, wo sich Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth aufhalte, die er laut Anklage auf seiner persönlichen Feindesliste vermerkt hatte. Erstaunlich fand er auch, dass ihn die Bundestagspolizei des Hauses verwies.

Und dann die Sache mit Kassel. Er hatte sich auf den Weg nach Berlin gemacht, die Polizei holte ihn in Kassel aus dem Zug. Sie fand es bedrohlich, dass ein Mann, bei dem Sprengstoff gefunden worden war und der mehrere Waffen besitzen sollte, sich nach Berlin aufmachte - dorthin, wo die Menschen auf seiner Feindesliste arbeiten. Anstatt umzukehren, ging Franco A. lieber in Kassel auf eine Veranstaltung von Atomwaffengegnern - er, der Soldat, dem die Bundesanwaltschaft eine rechtsradikale, völkisch-nationale Gesinnung zuschreibt. Richter Koller sagt ganz freundlich zu ihm: "Das hat die Polizei in Aufregung versetzt, das war schon provokant." Ja, sagt Franco A. , aber das sei ihm nicht bewusst gewesen.

Nie ist ihm etwas bewusst: Auch seine Masterarbeit, in der er die jüdische Weltverschwörung nachweisen wollte, war für ihn nur der Versuch, den Dingen "unbefangen" auf den Grund zu gehen. Und seine Doppelexistenz als Flüchtling nur der Versuch, zu klären, ob man das deutsche Asylsystem einfach missbrauchen könne. Wie sagte Richter Koller zu Beginn des Verhandlungstages zu Franco A.: "Es könnte sein, dass es in Ihrem Interesse ist, eine Erklärung zu geben, die wir vielleicht glauben können."

© SZ/bepe
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