bedeckt München 17°

Fragestunde im Bundestag:"Offensichtlich" überlastet

Es entwickelt sich ein Ritt durch all die Vorwürfe über Fußnoten und Zitate, über Erklärungen Guttenbergs und wie sie sich gewandelt haben, über Vorträge des Abgeordneten zu Guttenberg und wie sie in seine Dissertation gekommen sind. Guttenberg, der seine Arme meist stramm vor dem Oberkörper verschränkt, beantwortet manche Fragen akribisch genau mit Seitenzahl und Fußnotennummer und erlaubt sich zunächst nur einen kleinen Ausrutscher, als er berichtet, dass er sich am Wochenende "erstmalig mit der Arbeit befassen konnte". Gelächter in der Opposition. "Was die Vorwürfe betrifft", fügt er hinzu.

In einer ersten Reaktion hatte Guttenberg vor einer Woche von abstrusen Vorwürfen gesprochen. Interessanterweise bleibt er bei dieser Beurteilung. Sie habe sich auf den angeblichen Vorhalt bezogen, bei der Arbeit handele es sich um ein Plagiat. Dies aber setze voraus, so Guttenberg, "dass man bewusst oder vorsätzlich getäuscht haben soll". Und das habe er nicht. Dabei bleibt er. Der Jurist Guttenberg suggeriert, dass er weiß, wo die Grenze zum Rechtsbruch läge - und dass er sich ganz sicher ist, diese nicht überschritten haben. Das aber werden andere entscheiden.

Als Nächstes geht es um die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags und deren Expertisen. Sie stehen eigentlich nur Abgeordneten zur Verfügung, finden sich aber zum Teil wörtlich in der Arbeit wieder. Guttenbergs Version geht so: Die Arbeiten des Dienstes habe er schon vorher als Abgeordneter "intensiv" genutzt, vor allem für Vorträge als Abgeordneter des Auswärtigen Ausschusses. Der Bezug zum Mandat sei "ganz klar gegeben" gewesen. Und nur an zwei Stellen seien ihm "Fehler in der Fußnotenarbeit" unterlaufen.

Guttenberg berichtet davon, wie er all diese Fragen am Wochenende geprüft habe. Er erzählt von Bleistiftnotizen, die kaum noch lesbar gewesen seien. Mal sagt er "ich", mal sagt er "wir". Wer ihm da bei der Prüfung geholfen hat, sagt er nicht. Aber allmählich entsteht in der Vorstellung des Zuhörers das Bild des Freiherrn, der auf einem feuchten Dachboden zwischen muffeligen Kartons sitzt und verstaubte Ordner durchwühlt. Vielleicht zusammen mit seiner Frau.

Er habe sich natürlich auch gefragt, wie es zu diesen Fehlern kommen konnte. "Ich war sicher so hochmütig zu glauben, dass mir die Quadratur des Kreises gelingt", sagt Guttenberg: Die Verbindung der politischen und der wissenschaftlichen Arbeit und die Pflichten eines Familienvaters. Dies habe ihn "offensichtlich" überlastet, sagt der Minister, und jetzt sieht offenbar mancher Abgeordnete vor dem geistigen Auge, wie zwischen Wickeltisch und Kinderstühlchen der eine oder andere Quellennachweis im Windelsack verloren ging, jedenfalls raunt die Opposition ein mitleidiges "Ooooch". "Das ist kein Grund, in Häme übereinander herzufallen", sagt Guttenberg. Er gebe den Titel zurück, er habe sich entschuldigt - ja, und genau damit könnte er es gut sein lassen. Aber dann wäre Guttenberg nicht Guttenberg.

Es kommt noch die Frage nach der Vorbildfunktion von Politikern. "Sie sehen, dass ich den Folgen Rechnung getragen habe", sagt Guttenberg. "Ich glaube, es hätte der Glaubwürdigkeit mehr geschadet, wenn man sich nicht zu seinen Fehlern bekannt hätte." So ist er: Bei ihm überstrahlt der Wert der Entschuldigung stets den Schaden aus seinen Fehlern. Aber diesmal setzt "man", wie er gerne von sich selber sagt, noch einen drauf: Vielleicht, sagt der Minister, könne sein Verhalten jetzt sogar "beispielgebend" wirken für Menschen, die sich "in einer ähnlichen Situation" befinden.

In der aktuellen Stunde fordern anschließend SPD, Grüne und Linke Guttenbergs Rücktritt. Der sagt, er sei ein Mensch mit seinen Schwächen und seinen Fehlern. Er glaube aber, "dass wenn man sich dazu bekennt, das der politischen Landschaft nicht schaden muss." Und so kommt es, dass Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner größten politischen Krise das Kunststück fertigbringt, sich einzureden, an diesem Mittwoch sogar zweimal ein Vorbild gewesen zu sein. Die Marinesoldaten wollen sich zu all dem übrigens nicht äußern.

© SZ vom 24.02.2011/hai
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema