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Fracking:Heiliger Boden

Ein Indianer-Stamm im US-Bundesstaat Colorado kämpft gegen schärfere Fracking-Regeln. Der Stamm befürchtet zu viele Hürden bei der Ausbeutung der Rohstoffe im eigenen Reservat.

Von Kathrin Werner

Die Southern Ute pflegen ihre Traditionen. Die Indianer, zu Hause im US-Bundesstaat Colorado an der Grenze zu New Mexico, lehren in Kursen, wie man Bison-Dörrfleisch zubereitet oder Körbe flechtet. Die Stammesjugend lernt Bogenschießen im 2700 Quadratkilometer großen Reservat. Mitte Juli treffen sich alle zum heiligen Sonnentanz (Handys verboten).

Nur beim Umweltschutz haben die Southern Ute heute einen etwas anderen Blick als ihre Vorfahren, die angeblich "seit dem Beginn der Zeit" hier leben. Heute verklagt der Stamm das Innenministerium in Washington, weil die Behörde die Auflagen zum Fracking verschärft hat. An diesem Mittwoch sollen sie in Kraft treten. Beim Fracking pumpen Förderfirmen ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien mit Hochdruck in feste Gesteinsschichten und drücken so das Erdgas aus den Pore hinaus. Der Fracking-Boom hat den USA billige Energie und Jobs gebracht, deshalb sind viele Amerikaner für die Technik. Andere fürchten sich vor der Verseuchung des Grundwassers oder vor Gas-Lecks.

Nach dem neuen Gesetz muss die Bundesregierung in Washington jedes Fracking-Bohrloch auf öffentlichem oder stammeseigenem Grund zusätzliche genehmigen. Die Ute argumentieren nun: Das verstoße gegen den Indian Mineral Leasing Act, der den Ureinwohner das Recht gibt, über ihre Ländereien selbst zu entscheiden. "Manche Regeln sind nur lästig und bringen keine Umweltvorteile", sagt Clement Frost, der Häuptling des Stammes, der sich heute Chairman nennt. Er fürchtet sich vor der Bürokratie, wenn das Innenministerium über jeden Fall einzeln entscheiden muss. "Diese Verzögerungen wirken sich spürbar auf die Mitglieder des Stammes aus." Übersetzung: Der Stamm büßt Einkünfte ein. Statt romantischer Naturverbundenheit herrscht bei den Ute Unternehmerkalkül.

"Wenn es zu viele Hürden für das Geschäft im Stammesland gibt, dann gehen die Bohrunternehmen eben woandershin", sagt Bob Zahradnik, der Verwalter des Wachstumsfonds des Stammes, ein Ex-Manager des Ölmultis Exxon. Die Southern Ute verdienen ihr Geld mit Öl- und Gasbohrungen, Immobilien und einem Kasino. Anders als viele andere Stämme hängen sie nicht von den Glücksspiel-Einnahmen ab, sondern betreiben eigene Energieunternehmen. Die Gewinne fließen in den Fonds, der Dividenden an alle Stammesmitglieder ausschüttet. Zahlen legt der Stamm nicht offen. Nur so viel: Der Fonds wächst.

Entsprechend ungelegen kommt das neue Gesetz. Neben der Genehmigung aus Washington schreibt es vor, dass die Bohrfirmen die Inhaltsstoffe des Chemie-Cocktails offenlegen, den sie in den Boden pressen. Umweltgruppen hatten sich zwar noch strengere Auflagen erhofft, unterstützen aber die neuen Regeln. "Unsere Ländereien gehören allen Amerikanern", sagt Michael Freeman von Earth Justice. "Sie sollten unter strengen nationalen Standards verwaltet werden - und nicht nur Öl- und Gasfirmen helfen." Die Fracking-Freunde aber sind nicht unbedeutend: Neben den Ute-Indianern wenden sich die Bundesstaaten Colorado, Wyoming und North Dakota sowie eine Vielzahl non Energie-Verbänden gegen die neuen Regeln.

© SZ vom 23.06.2015

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