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FPÖ-Parteitag in Graz:Auf dem Programm: Wiederauferstehung

"Wir sind wieder da": Norbert Hofer, neuer Chef der FPÖ

(Foto: AFP)

Norbert Hofer wird zum neuen Chef der Freiheitlichen gewählt. Nach den Ibiza-Turbulenzen versucht er es mit Harmonie. Doch der Star des Treffens ist ein anderer.

Es ist der Tag des Norbert Hofer. Ein Plüschbärchen namens "Norbär", so blau und süß, können sich die Delegierten des FPÖ-Parteitags gleich am Eingang der Grazer Messehalle abholen. Drinnen im Saal preist ein Video den Mann, der "besonnen ist im Umgang, aber hart in der Sache". Und am Rednerpult wird sich an diesem Tag kein einziger einfinden, der diesen Norbert Hofer nicht zur Lichtgestalt hinaufjubelt.

Die Regie ist auf ihn ausgerichtet, der Erfolg lässt sich in Zahlen messen: Mit 98,25 Prozent der gültigen 800 Stimmen wird Norbert Hofer zum neuen Bundesparteiobmann, sprich zum Vorsitzenden der FPÖ gewählt. In den Jubel und das Bühnenfeuerwerk hinein bedankt er sich für dieses "unfassbare Ergebnis". Eine Last fällt von ihm ab, das sieht man deutlich. "Zieht euch warm an", ruft er den politischen Gegnern da draußen im Land zu. "Wir sind wieder da."

Es ist der "33. Ordentliche Bundesparteitag der Freiheitlichen Partei Österreichs", und zelebriert wird er als Auferstehungsfeier mit Hofer in der Rolle des lächelnden Lazarus. Damit diese Veranstaltung jedoch tatsächlich ordentlich und ohne Störgeräusche über die Bühne geht, muss sich erstens die Partei bedingungslos hinter Hofer stellen.

Und zweitens muss Hofer bedingungslos nach vorn schauen - auf die anstehende Parlamentswahl am 29. September und dann noch weit darüber hinaus. "Wir dürfen uns nicht mit dem zweiten oder dritten Platz zufrieden geben", ruft er den Delegierten zu. "Ich trete an, um diese Partei so stark zu machen, dass wir es schaffen, bei einer bundesweiten Wahl als Erster durchs Ziel zu gehen."

Bis dahin allerdings, das weiß auch Hofer, ist es mindestens noch ein längerer Weg. Die aktuellen Umfragen zeigen die FPÖ bei 20 Prozent - sechs Prozent weniger als bei der Wahl von 2017. Geschuldet ist das dem Ibiza-Video, das den alten Parteichef Heinz-Christian Strache das Amt und die FPÖ insgesamt die Regierungsbeteiligung gekostet hat.

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"Erst einmal geht es um's Aufrichten", sagt Hofer. Und vor allem, auch das weiß er, geht es darum, in dieser heiklen Phase die Partei vor einer Zerreißprobe zu bewahren zwischen den Kräften des Neuanfangs und den unbeirrbaren Fans des alten Patriarchen Strache.

Der neue Parteichef scheint dafür der geeignete Mann zu sein, denn Hofer kann Harmonie. Auf dem Parteitag schafft er das Kunststück, Strache gleichzeitig einzubinden und draußen zu halten. In einer seiner inzwischen berüchtigten Video-Botschaften via Facebook hatte Strache am Donnerstag noch einmal persönlich verkündet, dass er "leider" nicht teilnehmen könne am Grazer Parteitag. "Aber ich bin im Herzen bei euch", versicherte er, "glaubt mir, ihr fehlt mir sehr." Freundlicherweise rief er dann noch dazu auf, "die neue Parteiführung tatkräftig zu unterstützen".

Neun Minuten hat sich Strache selbst für diese Video-Ansprache gegönnt. So lange ist er beim Parteitag nicht Gesprächsthema. Aber Hofer hat, anders als in den zurückliegenden Wochen, auch ihn mit ein wenig Wärme bedacht. So lässt er das Ibiza-Video als "böse Falle von Kriminellen, von Gaunern" erscheinen. Und er preist Strache dafür, "Unglaubliches geleistet" zu haben für diese Partei. "Ich bedanke mich bei dir, ich bitte um einen Applaus", sagt er - und sein Wille geschieht. Von einem möglichen Comeback Straches spricht er nicht. Es klingt nach Verabschiedung.

Der König ist tot, es lebe der König - so will sich die FPÖ in neue Zeiten retten. Ein Parteigrande nach dem anderen tritt ans Rednerpult, um Norbert Hofer zu huldigen als "Seele und Herz der Partei", als "richtigen Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort". Den Höhepunkt erreicht diese Lob-Litanei aber erst, als auch Herbert Kickl das Wort ergreift. "Wenn es Norbert Hofer nicht gäbe, dann müssten wir ihn erfinden", ruft er. "Es kann keinen Besseren geben."

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Im Laufe von Kickls Rede mag dann allerdings doch noch dem ein oder anderen ein kleiner Zweifel gekommen sein, ob es nicht vielleicht doch einen Besseren gäbe für diese Partei. Denn wo Hofer Applaus bekommt, erntet Kickl Ovationen. Wenn der frühere Innenminister über "aggressive afghanische Asylanten" schimpft, dann johlen die Delegierten. Wenn er den politischen Gegnern mit dem "rechten Haken" droht, dann kennt der Jubel kaum noch Grenzen. Kickl wird in Graz schließlich zu einem von sechs Stellvertretern Hofers gewählt.

Wie dieser ewig polternde Herbert Kickl die FPÖ in Wallung bringt, das hat auch der freundliche Herr Hofer wieder einmal erleben können in Graz. Doch auf diesem Parteitag, der in schlanken fünf Stunden die FPÖ auf neue Füße stellt, demonstrieren die beiden den Schulterschluss. Kickl nennt es das "patriotische Doppelspiel", Hofer wirbt für "Inhalte" statt "Personenkult". Ibiza und die Folgen gelten ihm als Warnung: "Niemand kann uns aufhalten, außer wir selbst", sagt er. "Das ist das, was ich ändern will: Niemals wieder werden wir an uns selbst scheitern."

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