Süddeutsche Zeitung

Fox-News-Chef Roger Ailes:Konservativ, paranoid, mächtig

Lesezeit: 4 min

Ein neues Buch enthüllt brisante Details über Roger Ailes, den Gründer von Fox News. Dieser sehe sich als politischen Akteur, treibe Amerikas Polarisierung voran und führe den Feldzug des Senders gegen Obama aus Profitgier. Im Gegenzug macht Ailes den Autor der Biographie schlecht.

Von Matthias Kolb

Insgesamt 614 Interviews hat Gabriel Sherman geführt, um das Phänomen von Fox-News-Boss Roger Ailes zu ergründen. Nach drei Jahren Arbeit erscheint nun "Die lauteste Stimme im Raum", die "inoffizielle Biographie" über einen der umstrittensten Männer der US-Politik. Darin zeichnet der Journalist den Senderchef als ebenso genialen wie machtbewussten Strippenzieher, dem es weniger um die Ausgewogenheit der Fakten gehe als um den Erfolg der Republikaner.

Auf den 538 Seiten des Buchs finden sich viele Episoden, die dies belegen. Als etwa die konservative Partei 2011 nach einem Herausforderer für Barack Obama suchte, trafen sich die Spitzenmanager des konservativen Kabelsenders Fox News mit ihrem Boss Roger Ailes. Dieser verkündete offen: "Ich möchte den nächsten Präsidenten bestimmen", wie mehrere Teilnehmer Sherman berichteten.

Monatelang versuchte Ailes, New Jerseys Gouverneur Chris Christie zu einer Kandidatur zu bewegen. Die Unterstützung von Rupert Murdoch, zu dessen Medien-Imperium Fox News gehört, hätte Christie sicher, betonte er. Christie traute sich schließlich doch nicht, weshalb Mitt Romney die Vorwahlen gewinnen konnte. Also versuchte Ailes nun, Romney ins Weiße Haus zu bringen und gab ihm reichlich - wenn auch vergeblich - Tipps. Im Mai 2012 strahlte Fox News ein vierminütiges Video aus, das mit Journalismus nichts zu tun hatte, sondern einer Wahlwerbung für Romney gleichkam. In düsteren Bildern und gestützt auf einseitige Fakten wird eine Bilanz der ersten Amtszeit von Obama gezogen.

Legendär auch der Wahlabend des 6. November 2012, als der ehemalige Bush-Berater Karl Rove im Fox-News-Programm den Sieg von Obama nicht wahrhaben wollte und sich in immer krudere Theorien verstieg ( mehr in diesem US-Blog). Während die Demokraten in Chicago jubelten, schimpfte Ailes: "Danke, Chris Christie!"

Shermans Buch "The loudest voice in the room. How the Brilliant, Bombastic Roger Ailes Built Fox News - and Divided a Country", aus dem US-Medien Auszüge veröffentlicht haben, beschreibt Roger Ailes so detailliert wie nie zuvor. Der 73-Jährige begann seine Karriere als Wahlkampfberater für Richard Nixon, arbeitete dann für diverse TV-Sender, bevor er für Murdoch 1996 Fox News gründete. Heute ist Fox News der erfolgreichste US-Nachrichtensender und extrem profitabel. Der Gewinn beträgt laut Insidern bis zu einer Milliarde Dollar pro Jahr.

Von wegen "fair und ausgewogen"

Das Motto des Senders "Fair and balanced" sorgt seit langem wegen der einseitigen Berichterstattung für Spott. Bei Fox News geht es weder fair noch ausgewogen zu, urteilt auch Sherman. "Roger findet, dass sich die Konkurrenten CNN und MSNBC viel zu weit nach links bewegt hätten. Er war also gezwungen, weiter nach rechts zu gehen", erzählte ein hochrangiger Fox-News-Manager dem Buchautor. Das Programm solle ein Gegengewicht zu den Mainstream-Medien sein.

Also spendiert Ailes republikanischen Ex-Gouverneuren und Abgeordneten wie Sarah Palin, Mike Huckabee oder Rick Santorum gut dotierte Verträge, damit diese ihre eigene Marke pflegen und die Obama-Regierung attackieren können.

Während Ailes vor der Wahl 2008 einen Sieg von Barack Obama als die "schlimmste Sache für die USA" bezeichnete, witterte er später ein gutes Geschäft. Die Wut des konservativen Amerikas auf Obama, die sich auch im Erfolg der Tea-Party-Bewegung niederschlug, sorgte bei Fox News für beste Einschaltquoten und gute Werbeeinnahmen. Oft habe Ailes seine Meinung über die Obama-Regierung in Meetings verbreitet: "Sie hassen Amerika, sie hassen den Kapitalismus!", wie Sherman schildert. Mehrmals hätten Obama-Berater wie David Axelrod bei Gesprächen um eine Art "Waffenstillstand" gebeten, was Ailes persönlich ablehnte.

Ailes führe seinen TV-Sender wie ein absolutistischer König. Gern spielt er seine Topmanager gegeneinander aus, keiner dürfe sich seiner Sympathie auf Dauer sicher sein. Konkurrenten beschimpfte Ailes als "kleine Juden" und Buchautor Sherman zitiert eine TV-Journalistin, die in den achtziger Jahren ein Vorstellungsgespräch bei Ailes hatte, der damals für NBC arbeitete. "Ich zahle dir 100 Dollar pro Woche mehr, wenn du immer mit mir Sex hast, wenn ich das wünsche", soll er gesagt haben. Auch privat ist der Fox-News-Boss kein angenehmer Zeitgenosse: Als ein Beamter mit Ailes über dessen Prunkbau im Bundesstaat New York sprechen wollte, habe der Konservative gedroht: "Ich werde dein Leben zerstören."

Ailes verweigerte Zusammenarbeit mit Autor Sherman

Gabriel Sherman, der vor allem für das New York Magazine schreibt, erklärte der New York Times in einer E-Mail die Gründe für das Buchprojekt: "Ich halte Roger Ailes für einen der faszinierendsten und einflussreichsten Männer im heutigen Amerika. Ich will seine Talente und seine Macht ans Licht der Öffentlichkeit bringen, die sich vor allem bei Fox News zeigen."

Trotz dutzender Anfragen, so berichtet es Sherman, habe Roger Ailes ein Interview abgelehnt. Stattdessen wurde der konservative Journalist Zev Chafets beauftragt, eine "offizielle Biographie" zu schreiben - und Chafets durfte natürlich ausführlich mit dem Maestro sprechen.

Medienexperten wie David Carr, der Ailes seit Jahren kennt, halten Shermans Beschreibung für korrekt: Der Fox-News-Gründer sei durch und durch paranoid und überzeugt, dass sich die Welt gegen ihn verschworen habe. Diese Haltung ist unter Amerikas Konservativen weit verbreitet, wie Bestseller-Autor Thomas Frank im SZ-Interview erklärte: "Fox News hämmert den Leuten ein: 'Obwohl ihr gute Patrioten seid, hart arbeitet, brav Steuern zahlt und an Gott glaubt, behandelt euch die Welt mies.'"

Gegen den jungen Reporter Sherman, dessen Buch mehr als 100 Seiten Anmerkungen mit Quellenangaben enthält, läuft nun eine Schmutzkampagne. Ständig wiederholen Sprecher von 21st Century Fox, der Muttergesellschaft von Fox News, dass Sherman ihnen nicht die Möglichkeit gegeben habe, die Behauptungen zu überprüfen. Dieses Argument ist Fox News in Reinkultur, wie David Carr bilanziert: Erst verweigert Roger Ailes die Zusammenarbeit, nun wird der Autor dafür attackiert, dass er nicht mit Ailes geredet habe.

Womöglich schmerzt den Fox-News-Gründer vor allem eins: Als Medienprofi ist er es gewohnt, die Kontrolle über eine Story zu haben und ein Image prägen zu können. Jetzt, da es um seine eigene Lebensgeschichte geht, kämpft er mit allen Mitteln.

Linktipp: Ein Auszug aus der Biographie über Roger Ailes ist beim New York Magazine nachzulesen. Eine ausführliche Kritik erschien am Wochenende in der Buchbeilage der New York Times. In der Fachzeitschrift Hollywood Reporter erschien kürzlich ein sehr zahmes Interview mit Roger Ailes. Ein aufschlussreiches Interview mit Gabriel Sherman bei CNN ist hier und hier zu sehen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1861738
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.