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Fotografie:2200 Kilometer in den Fußstapfen des Großvaters

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg flieht Anatol Iwanowski aus einem russischen Gulag nach Polen. 70 Jahre später läuft sein Enkel Michal, ein Fotograf, die Strecke noch einmal.

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Clear of People

Quelle: Michal Iwanowski

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Der polnische Fotograf Michal Iwanowski dokumentiert in seinem Fotobuch "Clear of People" die Fluchtroute seines Großvaters aus einem russischen Gulag. Dieser war kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Arbeitslager geflohen und hatte sich mit seinem Bruder drei Monate durch menschenverlassene Gegenden geschlagen. Iwanowski ist diesen Weg noch einmal gelaufen.

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Der Großvater Anatol, ein polnischer Partisan, kämpfte im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen. Doch als die Sowjetunion weiter gen Westen vorrückte, gerieten die Partisanen auch ins Visier der Roten Armee. Seine Gruppe ergab sich. Die Sowjets brachten die Partisanen, unter dem Vorwand sich als polnische Soldaten der Roten Armee anschließen zu können, nach Russland und inhaftierten sie dort. So erzählt es Iwanowski.

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Anatol Iwanowski kommt nach Kaluga, eine Stadt knapp 200 Kilometer südwestlich von Moskau. Ein Jahr ist er in dem Lager für Kriegsgefangene inhaftiert, bevor er - durch Zufall, wie Iwanowski berichtet - mit seinem Bruder Wiktor wiedervereint wird. Der war zunächst in ein anderes Lager gebracht worden.

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Die beiden Brüder entschließen sich im August 1945 zur Flucht. 2200 Kilometer legen sie zu Fuß zurück. Von Russland nach Gomel im heutigen Weißrussland, über Vilnius und Warschau zurück nach Wroclaw, wo sie ihre Angehörigen wiederfinden.

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Michal Iwanowski wollte diesen Weg nachverfolgen. Mit einer Karte und Notizen, die er in den Hinterlassenschaften seines Großonkels fand, gelingt es ihm, die genaue Route zu rekonstruieren. Auf seinem Weg entdeckt er - nichts. Nahezu menschenleere Wälder, abseits jeglicher Zivilisation. Vielleicht war es genau dieses Nirgendwo, das seinem Großvater damals das Leben rettete.

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Seine Reise habe etwas von einer Pilgerreise gehabt. "Du kommst an einem Ort an und normalerweise findest du gar nichts vor - nur das Gefühl ist da", sagt Iwanowski der SZ. Er begann erst nach dem Tod seines Großvaters sich mit dessen Geschichte zu beschäftigen.

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Dessen Flucht nachvollziehen, den Weg dokumentieren, an den Orten sein, an dem schon der Großvater war, ist Iwanowskis persönliche Würdigung an ihn. Damit wolle er ausdrücken, wie viel ihm sein Großvater bedeutet habe. "Meine Reise war nicht politisch motiviert. Es war etwas Persönliches", sagt Iwanowski.

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Als Flüchtige können sich Anatol Iwanowski und sein Bruder Wiktor nur nachts fortbewegen. Sie meiden Kontakt zu Menschen aus Angst, verraten zu werden. An den Sternen orientieren sie sich, leiden Hunger, überleben nur indem sie Beeren essen und ab und an etwas klauen.

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Iwanowski hingegen ist ein gut vorbereiteter Tourist gewesen. "Im Falle des Falles hätte ich Hilfe rufen können", sagt er. Doch an manchen Tagen begegnet er nicht einer Person bei seinen Streifzügen durch die osteuropäischen Wälder.

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Die Landschaft erinnere ihn an Polen, sagte er der BBC. "Als Tourist eigentlich ganz schön. Aber als Flüchtling ist es wahrscheinlich recht lebensfeindlich." Die Gegend ist bis heute kaum besiedelt, damals, mutmaßt Iwanowski, seien dort wahrscheinlich noch weniger Menschen gewesen.

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Es gehe nicht um Schuldzuweisungen, sagt Iwanowski. Viel interessanter seien die individuellen Schicksale derer, die die schlimmsten Konsequenzen des Konfliktes hätten tragen müssen. Er ist fasziniert von der Entschlossenheit dieser Menschen. So fotografiert er auch Inschriften wie diese auf der Wand eines Klosters in Litauen. Auf litauisch steht dort: "Der Baum. Die Antwort." Die Umgebung sei Zeugin dieser großartigen und doch unbedeutenden Menschen gewesen, sagt er. "Ich hatte das Gefühl, jemand habe diese Nachricht nur für mich dort hinterlassen."

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Obwohl er nur den Weg seines Großvaters rekonstruiert habe, stünde dessen Geschichte doch für die so vieler anderer. "In Geschichtsbüchern gibt es keinen Platz für all diese Leute, die individuellen Schicksale. Meine Bildern sollen diesen Geschichten einen Raum geben."

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Die Idee für die Reise kam ihm, als er sich auf dem früheren Anwesen seiner Großeltern in Litauen aufhielt. Dort lebten diese vor dem Zweiten Weltkrieg. Aus schierer Neugier besucht er die Plätze, von denen sie ihm berichtet hatten. Er begann zu lesen und zu recherchieren, immer wieder kam er auf die Geschichte zurück, wie sein Großvater aus dem Arbeitslager in Kaluga floh.

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Quelle: Michal Iwanowski

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Die Fotografien wurden bereits in Wales, Polen, Litauen, Weißrussland, Georgien und Australien ausgestellt. Die nächste Ausstellung wird im Mai im Rahmen des Doc Field Festivals in Barcelona gezeigt. Zudem werden die Aufnahmen als Fotobuch unter dem Titel "Clear of People" veröffentlicht.

© SZ.de/reba
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