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Forza Italia:Er kommt nach Berlusconi

Fastweb-Manager im Visier der Mafia-Jäger

Stefano Parisi auf einer Pressekonferenz in Mailand 2010.

(Foto: dpa)
  • Stefano Parisi gilt in Italien als potenzieller Nachfolger von Silvio Berlusconi.
  • Im Lauf seiner Karriere war der 59-Jährige Ministerialberater, "City Manager" von Mailand und Chef eines Internetunternehmens.
  • Parisi soll die Forza Italia zur Partei der bürgerlich-liberalen Mitte umbauen.

Von Oliver Meiler, Rom

Vor dem Palazzo Grazioli, dem prächtigen Stadtpalast aus dem 15. Jahrhundert im Zentrum Roms, sind schon Umzugslaster gesehen worden. Mitten im Sommer, ohne Ankündigung. Die Zeitung Il Messaggero weiß gar, dass ein schöner Teil der antiken Möbel, die Silvio Berlusconi gehören, bereits in ein Lager gebracht worden sei. Ende August soll dann alles weg sein.

Da wird also gerade eine Kulisse abgebaut, die der Republik während zwanzig Jahren als Dekor vieler politischer Dramen gedient hatte. In den Sälen des Palazzo Grazioli hielt Berlusconi, als er noch Premier Italiens war, Krisengipfel und Sitzungen ab, die eigentlich in den Palazzo Chigi gehört hätten, an den offiziellen Sitz des italienischen Regierungschefs. Im Korridor im ersten Stock spielte Wladimir Putin, auf Staatsbesuch, mit Dudù, einem der Hunde Berlusconis. Und in den Schlafgemächern sollen so manche "elegante Abendessen" des Mieters mit jungen Damen, die nicht selten in größerer Zahl vorbeischauten, gar nicht so klassisch elegant geendet haben.

Berlusconi zieht also aus, die letzte Miete läuft. 40 000 Euro im Monat kostete sie jeweils. Die acht Bediensteten sind schon weg - auch der Koch, von dem es hieß, er habe zu jeder Uhrzeit Bestellungen angenommen, aber nur mäßig gut gekocht. Und man täuscht sich wahrscheinlich nicht, wenn man diesen Auszug aus dem Palazzo als Beleg dafür deutet, dass der bald 80 Jahre alte Berlusconi nun ernsthaft mit dem Gedanken spielt, sich aus der nationalen Politik zu verabschieden.

Unlängst musste er sich einer Operation am Herzen unterziehen, die seine Kinder aus erster Ehe, Marina und Piersilvio, nun dazu animierten, dem Vater mehr Ruhe zu verordnen. Am meisten Stress, finden sie, verursachten nicht die Geschäfte und der Fußballverein AC Mailand, den man nach China zu verkaufen versucht, sondern noch immer die Politik.

Ein Römer mit vielfältiger Biografie

Es gibt aber noch ein weiteres Anzeichen für das nahende Ende dieser bunten Epoche: Berlusconi beauftragte nämlich einen befreundeten Manager damit, seine Partei Forza Italia neu zu erfinden. Und dieser Stefano Parisi gilt bereits als sein potenzieller Nachfolger, als möglicher künftiger Anführer des konservativen Lagers im Land, obschon die Prognose reichlich verfrüht ist.

Parisi ist Römer, 59 Jahre alt, ein Mann mit vielfältiger Biografie. In jungen Jahren arbeitete der Ökonom als Berater in mehreren Ministerien und im Stab zweier Regierungschefs. Dann war er nach und nach "City Manager" von Mailand, Generaldirektor des Arbeitgeberverbands, Konzernchef von Fastweb, einem Internetunternehmen, und von Chili TV, einem Streamingdienst für Filme. In die Politik wechselte er erst vor einigen Monaten, als ihn Berlusconi überraschend als Kandidaten für das Bürgermeisteramt von Mailand vorschlug.

Zunächst galt Parisi als völlig chancenlos. Antreten musste er gegen Giuseppe Sala, den früheren Leiter der Mailänder Expo und hohen Favoriten. Doch dem betont höflichen und pragmatischen Parisi gelang es, die gesamte Rechte hinter sich zu scharen: von der bürgerlichen Forza Italia über die postfaschistischen Fratelli d' Italia bis zur rechtsextremen Lega Nord. Alle unterstützten ihn, obschon er selbst keiner Partei angehört. Parisi sagt von sich: "Ich war nie ein Rechter, aber dieses Denken in rechts und links ist ohnehin überholt." Auch Linke wählten ihn. Am Ende fehlten nur zwei Prozentpunkte. "Ich verlor ehrenvoll", sagte er. Im Grunde war es ein halber Sieg, wenigstens für ihn persönlich.

Diesmal meint es Berlusconi ernst

Nun soll Parisi also Forza Italia wiederbeleben, die Kreation Berlusconis. In guten Zeiten hatte sie ein Drittel der Italiener zu verführen vermocht. Sie lebte ganz von Berlusconi: vom Charisma, dem Geld und den Slogans des Parteigründers. Seit einigen Jahren ist die Partei und mit ihr das gesamte Rechtslager führungs- und orientierungslos; in Umfragen sagen nur noch zwölf Prozent, dass sie Forza Italia wählen. Und von dieser Schwäche profitierte vor allem die Protestbewegung Cinque Stelle, die zur wichtigsten italienischen Oppositionspartei gereift ist - gleichauf mit Premier Matteo Renzis Partito Democratico. Renzi ist also durchaus daran interessiert, dass es Parisi gelingt, einen Teil der Verluste von Forza Italia wieder wettzumachen.

Gelingen soll das mit einer ambitionierten Idee: Parisi will Forza Italia zur Heimat für alle "liberal-popolari" umbauen, wie er die bürgerlich-liberale Mitte nennt. Er denkt dabei auch an die vielen Christdemokraten, die seit dem Ende der einst mächtigen Democrazia Cristiana noch immer kein festes Zuhause haben. Einen neuen Namen soll sich Parisi auch ausdenken. Und neues Führungspersonal braucht die Partei natürlich auch, möglichst viele Leute sollen aus der Zivilgesellschaft kommen. Bereits im September wird Parisi seinen Plan in einer großen "Convention" vorstellen. Es soll schnell gehen, die Wiederbelebung ist eine Notoperation.

Berlusconi mag Parisi, weil er in ihm einen Macher sieht, wie er selbst einmal einer war (oder vorgab zu sein) - damals, 1994, als alles begann mit "Vorwärts Italien". Nicht so populär ist der Quereinsteiger hingegen in der mittleren Hierarchie der Partei, die um Posten und Privilegien fürchtet und schon mal bei Berlusconi protestiert. Skeptisch ist auch Matteo Salvini, der Chef der Lega Nord, dessen Allianz mit Marine Le Pen so gar nicht in Parisis Konzept passt. Ähnliches ließe sich von den Postfaschisten sagen.

Doch Berlusconi scheint es ernst zu sein, diesmal schon. Es ist ja nicht das erste Mal, dass er einen "Delfino" losziehen lässt, wie die Italiener mögliche Nachfolger nennen. Bisher war es aber so, dass die vermeintlichen Erben Karrierepolitiker waren und bald scheiterten, weil sie sich (a) zu wenig erkenntlich zeigten, den Mentor (b) allzu schnell loswerden wollten oder weil sie (c) nicht auf der Höhe waren. Parisis Geschichte geht anders, er ist dem Chef nichts schuldig. Der Schatten aber bleibt der alte.

© SZ vom 02.08.2016

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