Hochwasser:Wer trauert, kümmert sich nicht um Formulare

Ein Schaufenster eines geschlossenen Geschäftes in Bad Neuenahr-Ahrweiler drückt aus, was viele Betroffene im Flutgebiet fühlen.

Das Schaufenster eines geschlossenen Geschäftes in Bad Neuenahr-Ahrweiler drückt aus, was viele Betroffene im Flutgebiet fühlen.

(Foto: Thilo Schmuelgen/Reuters)

Die Flut in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz war überwältigend, die Spendenbereitschaft der Deutschen auch. Doch wer bringt das viele Geld zu den Menschen - und wie?

Von Gianna Niewel und Jana Stegemann, Walporzheim / Düsseldorf

Häuser ohne Fassade, Autos, die in der Ahr treiben, Schlamm und Schutt in ungeheuren Mengen: Neun Wochen ist es her, dass die Flut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen wütete. Neun Wochen, in denen es sehr bald auch darum ging, wer die Schäden bezahlt. Die Länder und Kommunen haben relativ schnell Soforthilfen ausgezahlt, der Bundestag hat einen Hilfsfonds von 30 Milliarden Euro beschlossen. Aber die Deutschen spendeten auch einzeln. 250 Millionen Euro gingen allein an die "Aktion Deutschland Hilft", einen Zusammenschluss von Hilfsorganisationen. Viel Geld, bei dem sich fragt: Nach welchen Kriterien wird es verteilt? Und wie kommen die Spenden bei den Menschen an?

Bei der Arbeiterwohlfahrt im rheinland-pfälzischen Walporzheim

Walporzheim liegt dort, wo die untere Ahr beginnt. Dort, wo die Flut besonders viel zerstört hat. Auf der einen Ortsseite erheben sich die Weinberge so steil, dass die Winzer mit Kiepen in die Hänge gehen. Auf der anderen Seite stehen Häuser, in deren Erdgeschoss nur noch der nackte Estrich liegt.

Jeannette Hess arbeitet für die Arbeiterwohlfahrt, eine Frau von 48 Jahren, die Kugelschreiber organisiert, wenn Kugelschreiber fehlen, und alle erst mal anlächelt. Sie hilft den Menschen dabei, die Anträge zur Soforthilfe auszufüllen. 1000 Euro kriegen sie pro Haushalt, 500 für jede weitere im Haushalt lebende Person, alles etwas sperrig, aber Hess kann es konkret: Eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern bekommt 2500 Euro. Um kurz vor 15 Uhr stehen bereits 29 Menschen Schlange vor den Biertischen, sie winkt die ersten zu sich heran, los geht's.

In Nordrhein-Westfalen beim Deutschen Roten Kreuz

Nordrhein-Westfalen hat eine Besonderheit und Hasan Sürgit kann davon erzählen. Er ist der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Roten Kreuzes in Westfalen-Lippe und koordiniert die Aktion "NRW hilft", einen lokalen Ableger der "Aktion Deutschland Hilft". Unter diesem Namen haben die großen Hilfsorganisationen, Wohlfahrtsverbände und die Landesregierung gemeinsam ein Spendenbündnis ins Leben gerufen. Das war am 19. Juli. Eine Woche später waren zwei Millionen Euro auf dem Konto und die Frage: Was machen wir damit? Sürgit sagt, sie teilten es gerecht durch alle Hilfsorganisationen, jeder bekam anfangs etwas mehr als 200 000 Euro. Sie erarbeiteten eine Verwendungsrichtlinie, wählten drei Merkmale aus: 1. unmittelbare Soforthilfen, 2. Haushaltshilfen, 3. Härtefälle. Alle weiteren Kriterien entscheiden die einzelnen Verbände selbst. Es muss schnell und unbürokratisch gehen.

Schlamm schippen, keine Zeit für Bürokratie

Zu Jeannette Hess in Walporzheim kommt nun eine Frau, die erzählt, dass sie nach der Trennung von ihrem Mann mit den zwei Söhnen in eine Drei-Zimmer-Wohnung gezogen ist. Entsprechend voll war der Keller. Während die Wohnung trocken blieb, stand unten das Wasser, erst Tage später zogen sie Fotoalben aus dem Matsch. Mit den Kindern machte sie drei Stapel, einen für die Fotos, die sie wegwerfen, einen für die, die sie abtrocknen, und einen für die, bei denen sie es noch nicht wissen.

"Da fehlen vier Nummern in der IBAN", sagt Hess zu ihr.

"Oh, sorry."

"Nee, alles gut. Deshalb gucken wir ja nach."

Hess sagt, dass sie nicht nur helfen, um die Identität zu prüfen, also dass die Person, die Hilfe beantragt, auch die Person ist, die vor ihnen sitzt. Sondern auch, weil oft etwas fehlt. Denn für deutsche Bürokratieverhältnisse mag der Antrag einfach sein - Name, Adresse, Schaden, Bankverbindung, Unterschrift - aber wenn etwas nicht stimmt, stockt die Überweisung, sie erreichen die Leute dann oft nicht, und deshalb machen sie es am besten gleich zusammen.

Dass Menschen auch Wochen nach der Flut noch Soforthilfe beantragen? Hess sagt, viele hätten bisher "keine Zeit und keinen Nerv" gehabt. Weil sie Schlamm schippten. Weil sie zur Miete wohnen und erst mal klären müssen, wie aufgebaut werden soll. Im Landkreis sind Menschen gestorben, wer trauert, kümmert sich nicht um Formulare. Und zuletzt hätten viele erst spät von der Hilfe erfahren, ohne Computer, ohne Briefkasten für die Lokalzeitung.

Die höchste Einzelspende waren vier Millionen Euro

Bei "NRW hilft" haben mehr als 26 000 Einzelspender bis heute knapp 15 Millionen Euro gespendet. Die höchste Einzelspende waren vier Millionen Euro, sagt Hasan Sürgit. Fast 14 Millionen wurde schon an die beteiligten Wohlfahrtsverbände und Hilfsorganisationen des Bündnisses ausgeschüttet, die das Geld zu den Betroffenen brachten. Zu Beginn auch in bar. Um insgesamt die richtige Verwendung der Spenden zu gewährleisten, haben die Verantwortlichen am 23. Juli die Phönix-Datenbank aufgesetzt. Es gehe nicht um Misstrauen, sondern um Transparenz, sagt Sürgit. Die onlinebasierte Datenbank wurde im Kontext der Fluthilfen 2002 und 2013 in Sachsen entwickelt. Sie dient der Transparenz, weil dort alle Hilfsorganisationen und Kommunen ihre individuell ausgeschütteten Mitteln eintragen. "So lässt sich prüfen, ob Betroffene mehrere Anträge bei unterschiedlichen Organisationen gestellt haben, wie viel sie schon bekommen haben, wie viel ihnen noch zusteht", sagt Sürgit. Sie gilt natürlich auch in Rheinland-Pfalz.

Hunderte Anträge, Hunderte Schicksale

Am Ende des Abends haben Jeannette Hess und ihr Team in Walporzheim etwa 300 Anträge ausgefüllt und fast genauso viele Geschichten gehört. Da ist der Deutsche, der von seinem Biedermeierschreibtisch erzählt, von den Büchern, geschätzter Schaden: 20 000 bis 30 000. Bisher habe er 3000 Euro von Bund und Land bekommen, er wolle nicht undankbar sein, aber er habe überlegt, das Geld zu versaufen. Da ist der Syrer, der Ämter abtelefonieren muss, um eine neue Wohnung zu finden, seit März 2020 ist er in Deutschland, und wenn die Flut etwas Gutes hatte, dann dass er eine neue Seite an den Deutschen kennengelernt hat: dass alle allen helfen. Da sind Menschen, die sich beim Team der AWO bedanken, als würden sie das Geld persönlich von ihnen bekommen. Jeannette Hess sagt, das sei viel schwerer als die Anträge auszufüllen: sich die Not nicht so zu Herzen zu nehmen.

500 psychosoziale Betreuer arbeiten im Schichtdienst

Die Flut hat ja nicht nur Schäden und Schulden verursacht - ihre Folgen haben auch Seelen verletzt. Ältere wären fast ertrunken. Kinder haben nun immerzu Angst, wenn es regnet. "Es gab einen großen Mangel an psychosozialen Kräften, weil so ein Ausmaß an Betreuungsbedarf in der Fläche bisher so noch nie eingetreten ist", sagt DRK-Mann Sürgit. Etwa 500 psychosoziale Kräfte waren wochenlang in den Flutgebieten unterwegs, im Schichtdienst. Von den "NRW hilft"-Spenden wurden deren Reisekosten bezahlt. "Viele von denen, die viel gesehen haben in den Flutgebieten, kamen zurück und haben gesagt: Ich kann das nicht verarbeiten, ich brauche jetzt selbst Hilfe." Sie bekämen nun Supervision. Die 500 Menschen waren fast ausschließlich Ehrenamtliche, die eine jahrelange Zusatzqualifikation absolviert haben. Sie werden bei sogenannten Großschadenslagen eingesetzt, also Zugunglücken, Anschlägen, Amokläufen. Sürgit findet, die Flut habe gezeigt, dass Deutschland mehr psychosoziale Kräfte brauche. "Wir sehen hier eine Chance, mehr Ehrenamtliche auszubilden, ein stärkeres Netz zu schaffen."

Schreibhefte und Wiederaufbau

Auch diese Fortbildungen sollen von den Spenden bezahlt werden. Das ist dann die Präventionsphase. Es brauche zum Beispiel eine Trauerbegleitung für Kinder, die Angehörige verloren haben. "Unsere Leute erleben zahlreiche Situationen, wo die Eltern einfach überfordert sind mit der Situation, die Kinder haben Angst. Dann braucht es nicht den Spitzentherapeuten, sondern jemanden, der so geschult ist, dass er in der Krise erst mal weiterhelfen kann, der schnell kommt, nichts kostet." Aber manchmal sind es auch die kleinen Dinge: Kinder, deren Sachen für Kita und Schule zerstört wurden, bekamen 150 Euro von "NRW hilft" für Stifte, Taschen, Schreibhefte.

Bis Ende September hilft die AWO in Rheinland-Pfalz bei der Soforthilfe, dann werden sie etwa 5500 Anträge ausgefüllt haben, neun Millionen Euro überwiesen, aber, sagt Jeannette Hess, das bedeute nicht das Ende der Hilfen. Es bedeute nur, dass sie in die nächste Phase gehen: den Wiederaufbau und die Einzelfallhilfen.

© SZ/skle
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