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Flutkatastrophe in Pakistan:Die Flutopfer sind keine Dschihadis

Die Streitkräfte sind aber keine Heilsbringer in der pakistanischen Malaise, sondern Teil des Problems. Sie gerieren sich als Retter der Nation, echten demokratischen Fortschritt mit starken Institutionen lassen sie aber nicht zu. Dabei wären starke Institutionen gepaart mit einer durchgreifenden Landreform nötig, um die massive Ungerechtigkeit in Pakistan zu bekämpfen. Beitragen könnte eine solche Reform, um dem Terrorismus die Grundlage zu nehmen. Junge Männer lassen sich zum bewaffneten Kampf anstacheln, weil sie keine Perspektive haben.

Die Gefahr eines Coups ist bislang noch gering, auch wenn sich politische Dynamiken in Pakistan schnell ändern können. Aber die Generäle werden in dieser verfahrenen Situation nicht nach der Macht greifen und einen ihrer hochdekorierten Männer in den Präsidentenpalast entsenden wollen - selbst wenn sie dazu die Kraft aufbrächten. Denn auch ein Staatschef in Uniform müsste sich buchstäblich die Hände schmutzig machen, um den Schlamm zu beseitigen.

Die Flut unterspült den Glauben ans politische System

Fest steht bereits, dass der Kampf gegen die Not islamistischen Gruppen Sympathien eingebracht haben. Einige von ihnen operieren als Wohltätigkeitsorganisationen unter anderem Namen weiter, wenn sie zuvor wegen Terroraktivitäten verboten worden waren. Ihre positive Leistung im Flutgebiet ist unbestreitbar, sie haben in vielen Fällen schnell und nach Aussagen der Betroffenen unvoreingenommen Hilfe gebracht. Sie tun dies nicht nur aus Mitmenschlichkeit, sondern suchen auch nach Mitteln und Wegen, ihren Spielraum in der Gesellschaft auszudehnen. Dass der Staat mit der effizienten Hilfe dieser Gruppen nicht konkurrieren kann, ist bedenklich. Der Glaube an das politische System wird so weiter untergraben.

Pakistan hat nach Jahren der westlichen Fokussierung auf Terror und Taliban ein massives Imageproblem. Das erklärt auch die geringe Spendenbereitschaft in der wohlhabenden Welt.

Die Millionen Flutopfer sind allerdings keine verblendeten Dschihadis, die sich den Tod möglichst vieler Inder und Amerikaner wünschen. Es sind einfache, friedliche und von einer Naturkatastrophe zermürbte Menschen, die um Hilfe bitten. Sie fühlen sich von ihrer Regierung im Stich gelassen. Wenn der französische Präsident nun für solche Katastrophen eine EU-Eingreifmission wünscht, mutet das aktionistisch an. Für die pakistanischen Flutopfer käme die Hilfe allemal zu spät. Verdient hätten die Pakistaner, wenn die Spendenbereitschaft stiege.

Gerade die Deutschen haben bei Jahrhundertkatastrophen immer wieder ihre Großzügigkeit bewiesen.

© SZ vom 17.08.2010/mob

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